Plattenkritiken


Rezension: Eric Copeland – Strange Days

Rezension: Eric Copeland - Strange Days Wenn die Zeit von der Konstanten zur Variablen wird, wenn Vor und Zurück keinen Antagonismus mehr bilden und ein adrett gescheiteltes Streifenhörnchen-Trio mantraartig Tom Selleck rezitiert, weiß man: Eric Copeland kann nicht weit sein. Der Black-Dice-Frontmann gehört zu den distinguiertesten Protagonisten der Noise-Szene und profiliert sich auch solo immer wieder als ausgewiesener Connaisseur der experimentellen Musik. Auch auf seinem neuem Albtraum „Strange Days“ arbeitet sich der New Yorker unermüdlich an den Schattenseiten der Popkultur ab und zerrt noch das krudeste und geschmackloseste Stück Musik ans Licht – nur um es auf seinem OP-Tisch vollständig zu sezieren und zu entstellen.

„Strange Days“ ist Sample-Exploitation par excellence und wird durch die sprunghafte Struktur zu einem verstörenden, surrealen Schaulaufen defekter Klangerzeuger, obskurer Soundschnipsel und kryptischer Feldaufnahmen. Die einzelnen Versatzstücke stolpern auf Krücken in den Mix, nur um wenige Sekunden später wieder in das akustische Fegefeuer verbannt zu werden. Aus dem Material, das hier zusammen geführt wird, hätte Copeland locker drei Alben basteln können. Es ist, als lausche man auf halluzinogenen Rauschmitteln einem defekten Radio, das elektromagnetische Wellen einer längst vergessenen Zeit empfängt. Egal ob humpelnde Dubreggae-Loops oder deformierter 70s-Soul – selbst relativ konventionelle Klangfetzen offenbaren hier in ihrer extrem repetitiven Verdichtung einen äußerst bizarren Charakter. Ansonsten wird einem einfach der Wahnsinn amerikanischer TV-Infomercials oder direkt eine geloopte Kettensäge um die Ohren gehauen. Eine Vorliebe scheint Copeland dabei für besonders percussionlastige Klangfetzen zu haben, denn es ist unentwegt am Klingeln, Rasseln und Scheppern. Die Verbiegung des Ausgangsmaterials geschieht natürlich nach wie vor in liebevoller Handarbeit – und zwar per Tapemanipulation und unzähligen Effektpedalen.

Die Enteignung und Umdeutung amerikanischer Pop- und Trashkultur spielte bereits auf Black Dices aktuellem Werk „Repo“ eine große Rolle. Dieser Ansatz wird hier in Form der Collage weitergesponnen – einer Ausdrucksform, die Copeland wie kaum ein anderer seines Metiers beherrscht. Durch die fast schon arbiträre Anordnung der Samples gelingt ihm eine vollständige Entleerung derer Signifikanten – die dabei entstehenden Leerstellen werden einzig und allein von der verzerrten Fratze des alltäglichen, medialen Wahnsinns gefüllt.

Wertung: 79

Label: Post Present Medium

Referenzen: Black Dice, Terrestrial Tones, James Ferraro, The Skaters, Excepter, Sun Araw

Links: Myspace (Black Dice)

Vö: 06.08.10


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