Interview: Garda beim Orange Blossom Special XIV

Abseits einiger etablierter Größen, wie Kante, Kashmir oder dem derzeit äußerst erfolgreichen William Fitzsimmons ist das Orange Blossom Special doch vor allem immer wieder ein Festival der Entdeckungen. So spielten in Beverungen bereits Get Well Soon oder Scott Matthew, als noch kaum irgendjemand diese auf dem Schirm hatte.

Zu den Hoffnungsträgern in diesem Jahr gehörten vor allem auch Garda, eine überraschend vielseitige und variable Indiefolkband aus Dresden, deren Repertoire am Festivalsamstag bis hin zu laut aufspielenden und äußerst intensiven Rockgitarren reichte und die so in der nachmittäglichen, prallen Sonne bereits eine mehr als beachtliche Menge an Menschen zu begeistern wusste. Wir trafen Sänger und Gitarrist Kai Lehmann, Schlagzeuger Ronny Wunderwald und Bassist Karsten Pretschner nach ihrem Konzert, dass auch noch am Ende des Wochenendes unter den Highlights verbucht werden konnte, zum Gespräch.

Da viele unserer Leser euch vielleicht noch nicht kennen dürften, stellt euch doch erst einmal vor. Wie ist die Idee zu Garda entstanden, wie habt ihr euch zusammengefunden?

Kai: Zusammenfinden brauchten wir uns eigentlich gar nicht, da wir uns alle schon lange kannten. Wir spielten und spielen alle noch in anderen Bands und irgendwann war uns das wahrscheinlich nicht mehr genug. Garda begann als Solo-Projekt, das zuerst eigentlich nur für daheim gedacht war. Wir drei, wie wir hier sitzen, spielen zusammen auch noch in der ziemlich noisigen Band Claim und da hatte ich halt auch mal Lust auf etwas Ruhigeres. Dann gab es in Dresden diese Unplugged-Session von guten Freunden von uns, die meinten ich solle da unbedingt spielen. Da ich aber keinen Bock hatte, da alleine zu spielen habe ich Ronny gefragt und nach und nach kamen immer mehr Leute hinzu. Irgendwann waren wir dann zu sechst. Das war zwar alles ein großer Zufall und eigentlich nie so gewollt, aber im Endeffekt gut, dass es so passiert ist.

Existiert Garda denn mittlerweile ständig in dieser Besetzung oder wechselt das von Auftritt zu Auftritt?

Ronny: Das wechselt von Zweier-Besetzungen bis zu sechs oder sieben Leuten hin und her. Das Spannende ist, das haben wir erst kürzlich bemerkt als wir zum ersten mal nur zu dritt mit Akustikgitarre, E-Gitarre und Schlagzeug auf Tour waren, die Lieder bekommen mit jeder Besetzung immer wieder einen ganz neuen Anstrich. Bei diesem Mal hieß es dann sogar, dass wir sehr sphärisch und mystisch klängen.

Wie läuft denn das Songschreiben und Musikmachen im Allgemeinen bei euch ab, schreibt Kai die Songs alleine oder funktioniert das alles eher kollektiv?

Karsten: Meistens ist es schon so, dass Kai eine Grundstruktur der Lieder mitbringt. Dann treffen wir uns häufig für ein längeres Wochenende im Probenraum und basteln daran, gucken, wie die anderen Instrumente da Platz finden. Nachdem wir das etwas umarrangiert haben kommen dann meistens Lieder raus, die wir verwenden oder aber verwerfen, was eigentlich noch nicht so häufig vorgekommen ist.

Kai: Also die Band lebt im Grunde von den Einflüssen der einzelnen Mitglieder. Was zuerst als Zwei-Mann-Combo gestartet ist, basiert mittlerweile wirklich auf einem Kern von sechs Leuten. Es gibt Songs, die leben zum Beispiel nur von Karstens Bassspiel, dann gibtes Lieder die leben überwiegend vom Piano oder Einfällen auf der E-Gitarre. Es ist schon das Ergebnis von sechs Leuten, die da gemeinsam arrangieren.

Ihr hattet es eben schon gesagt und man hört es auch, ihr klingt auf eurem Album viel leiser als live, jedenfalls so wie wir es heute gehört haben. Passiert das einfach so oder habt ihr das Gefühl, dass eure Lieder live nur laut und dynamisch funktionieren.

Ronny: Ich denke, das war auch so ein Prozess. Als wir angefangen haben, haben wir sehr viel Wert darauf gelegt, live sehr zurückgenommen und in einer Art Wohnzimmeratmosphäre rüberzukommen. Irgendwann wurden die Bühnen dann größer und wir immer lauter, bis hin zum heutigen Konzert, wo wir open air vor 1500 Leuten spielten. Lauter geht es jetzt eigentlich kaum noch.

Karsten: Naja, da geht vielleicht schon noch etwas. Das ist auch einfach davon abhängig, wie das Publikum drauf ist und wie man sich selbst in die Atmosphäre einfühlt, was daraus für eine Dynamik entsteht. Wir könnten beispielsweise übermorgen die gleichen Lieder wie heute ganz anders spielen, weil die Athmosphäre eine andere ist. Das alles geschieht aber eher unterbewusst.

Kai: Wir passen uns quasi unbewusst den Gegebenheiten an. Wenn die Leute leise sind, muss man ihnen ja nichts mit Brachialität vor den Latz knallen. Und wenn sie laut sind, machen wir eben auch lauter. Ich erwische mich zum Beispiel häufig dabei, dass ich dann mehr und mehr anfange richtig zu schreien vielleicht auch aus Frust um den Leuten eben doch etwas vor den Latz zu donnern.

Euer letztes Album ist mittlerweile zwei Jahre alt. Gehen die Pläne für ein neues schon so weit, dass sich diese Entwicklung, die ihr live durchlebt habt, dort widerspiegeln könnte, dass ihr darauf auch wesentlich lauter und dynamischer klingt?

Kai: Das neue Album sollte ja eigentlich schon in diesem Jahr erscheinen. Ronny und ich waren im letzten September auf einer Alm in Österreich, um an den neuen Songs zu arbeiten. Im Endeffekt haben wir aber fast alle von denen weggeschmissen, weil sie klangen wie die alten. Der Ansatz wird auf der neuen Platte auf jeden Fall ein anderer sein, schon allein weil beim letzten Album noch alle auf diesem Zwei-Mann-Gerüst basierten und quasi schon fertig waren, bevor die anderen Bandmitglieder hinzukamen. Jetzt liegt es eben nicht mehr nur an uns beiden, sondern an einem Gerüst von sechs Leuten, wodurch die Songs natürlich alle eine ganz andere, zusätzliche Dimension bekommen. Die Frage, ob die Lieder brachialer werden, kann ich so noch nicht beantworten, aber so wie sie jetzt im Kopf sind, werden sie bei weitem orcherstraler und trotzdem versuchen diese gewisse Intimität zu erhalten. Wir wollen auch versuchen, den Fokus auf andere Instrumente zu legen, beispielsweise sollen mehr Tasteninstrumente hinzukommen. Ob das dann alles auch wirklich so kommen wird, steht natürlich noch nicht fest, aber das neue Album soll sich in jedem Fall vom Vorgänger absetzen.

Euer letztes Album hieß "Die Technique, Die!", vorhin auf der Bühne habt ihr Knistergeräusche, die ihr im Prinzip auch per Sampler hättet einspielen können, live mit einer Papiertüte erzeugt. Ist diese Skepsis der Technik gegenüber so ein Grundsatz von euch, oder war das eher Zufall?

Ronny: Ich glaube, das passiert uns einfach. Ich habe den Titel, ehrlich gesagt, auch bis heute noch nicht verstanden. War das nicht wegen der elektrischen Geräte, die dir immer kaputtgegangen sind?

Kai: Der Titel wird ja immer missverstanden. "Technique" wird hier in Deutschland oft als Technik verstanden, ehrlich gesagt von mir selbst zuerst auch, bis uns unser Gitarrist, der Anglistik studiert hat, darauf hinwies, dass es eigentlich Fähigkeit heißt. Da war es dann schon zu spät und wir hätten das Album nachträglich umbenennen müssen, aber im Prinzip bringt es eben das auch genau auf den Punkt: Also, egal wie man es macht, macht man es falsch. Und solche Sachen, wie das mit der Tüte, die passieren uns halt. Es lag da diese Tüte herum und Carsten hat sie genommen und geknistert. Es gibt schon Dinge bei uns, die sind intendiert, aber vieles passiert auch einfach so ohne Absicht. Ich glaube, uns passiert so viel, weil wir uns eben schon so lange und gut kennen.

Karsten: Der Nachteil eines Samples ist aber auch, dass man dann an eine bestimmte Struktur gebunden wäre. Durch das Knistern per Hand, kann man in das Lied eben auch noch intuitive Geschwindigkeitsschwankungen einbauen und so weiter. Das funktioniert mit einem Sampler einfach nicht und das ist wiederum schon so eine künstliche Konvention von der wir uns gerne entziehen wollen.

Kai: Ich glaube, es ist auch immer wieder gut, da Überraschungsmomente einzubauen, wie eben die Sache mit der Tüte. Das ist dann vielleicht schon Intention bei uns, mit Dingen aufzuwarten, die man im ersten Moment nicht erwartet. Aber das geschieht eher, weil wir da Lust drauf haben, denn aus Kalkül, dass uns dann vielleicht 50 Leute mehr mögen könnten.

Zu guter Letzt, die unvermeidliche Frage nach dem Conor-Oberst-Vergleich, über den man ziemlich schnell stolpert, wenn man sich über euch im Internet erkundigt. Zumindest stimmlich gibt es da ja schon einige Ähnlichkeit. Nervt euch dieser Vegleich ansonsten oder fühlt ihr euch eher geehrt?

Kai: Das kann uns schon insofern nicht besonders nerven, weil ich kaum etwas von ihm kenne. Den einzigen Conor-Oberst-Song habe ich mal bei meiner Freundin gehört. Der gefiel mir ganz gut, aber ansonsten kann ich kaum etwas bis gar nichts zu ihm sagen. Der Vergleich mit Sophia nervt mich eigentlich inzwischen mehr, obwohl nerven eigentlich auch da der falsche Ausdruck ist. Es sind ja auch keine schlimmen Vergleiche und insofern ist es besser als mit, sagen wir mal, Klaus Meine verglichen zu werden.

Ronny: Ich denke, die Vergleiche, die gefahren werden sind allesamt eher schmeichelhaft, von daher: Warum sollte es uns nerven?

Dann wollen wir hoffen, dass ihr für den Rest des Abends auch nicht mehr von weiteren Interviewern genervt werdet. Vielen Dank für eure Zeit.

Dieses Interview fand in freundlicher Zusammenarbeit mit Anke van de Weyer von kölncampus statt und kann dort (Zeitpunkt noch nicht bekannt) auch im Originalton angehört werden. Gardas Debütalbum "Die Technique, Die!" ist 2008 auf Schinderwies / Kumpels & Friends Records erschienen.

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