2008 war nicht nur das Jahr, in dem sich der Kapitalismus selbst überholte (und gehörig auf die Schnauze flog), sondern auch eine äußerst ergiebige Zeit für musikalische Hypes, die fast über ihre eigenen Füße stolperten. Neben hippiesken Psychedelic-Poppern und Ethno-Preppys, schossen auch die Foals und Crystal Castles erstmals aus den Tiefen der Blogosphäre an die Oberfläche. Beide Bands hatten von Anfang an mit dem Vorwurf zu kämpfen, lediglich eine mediale Luftblase zu sein, die spätestens mit dem Zweitwerk platzen sollte. Dass beide Kapellen durchaus handfeste Qualitäten unter Beweis stellten, wurde dabei gerne unter den Teppich gekehrt.

Das Maß an medialer Überhöhung von Seiten der Magazine ist so immer Fluch und Segen zugleich. Wenn die Kids anfangen die Plattenläden zu stürmen, rümpft der alte Hase für gewöhnlich nur noch desinteressiert die Nase – getreu dem Motto: „Nach dem Demo ging es steil bergab“. Nun folgt die Reifeprüfung für die Foals und Crystal Castles, beide veröffentlichten vor kurzem die Nachfolger zu ihren Debütalben. Keines der beiden Werke wird den chronischen Skeptiker aus seiner Position locken können, trotzdem kann man sowohl bei den Crystal Castles, als auch bei den Foals einen deutlichen Reifeprozess ausmachen.

Fohlen in der Sahara

Den Foals gelang es mit ihrem Erstling, die Koordinaten des müden NME-Brit-Indie in Richtung des recht geschlossenen, aber doch naheliegenden Math-Rock zu verschieben. Dass sich die Band das allzu gerne groß auf die Fahne schrieb, sei verziehen, konnten sie doch vor allem klanglich Akzente setzen. Es muss eben nicht immer alles aus der Garage kommen. Stattdessen perlten die Gitarrenklänge glasklar und in vektorieller Genauigkeit über die straff gespielten Bassläufe, die einzig und allein von der Energie des stoisch gespielten Schlagzeugs angetrieben schienen. Den von Sänger Yannis Philippakis skandierten Parolen fehlte es zwar etwas an Volumen, seine Hausaufgaben in Sachen Post-Punk hatte er aber mit Sicherheit gemacht. Und auch an den richtigen Remixes mangelte es nicht, konnten die Fohlen doch alleine für ihre Single zu „Olympic Airways“, Acts wie Superpitcher oder Ewan Pearson als Remixer gewinnen. An all diesen Eckdaten hat sich auch mit „Total Life Forever“ nicht viel geändert. Der auffälligste Bruch liegt wohl in der Tatsache, dass es keine offensichtlichen Hits wie eben „Olympic Airways“ oder auch „Red Socks Pugie“ bereit hält, sondern an der Textur der Arrangements gefeilt wurde. Dem Songwriting wird deutlich mehr Platz eingeräumt, statt von Refrain zu Refrain zu sprinten wird nun auch gerne mal etwas Spielfreude in Form von ausgiebigen Bridges geduldet. Alleine mit der Vorabsingle „Spanish Sahara“ machten die Briten alles richtig. Die erhabene Zeitlupen-Ballade ließ selbst hartnäckige Kritiker interessiert aufhorchen, während die britische Dubstep-Hoffnung Mount Kimbie die Qualität des Songs noch mit einem hervorragenden Remix unterstrich. So lädt „Total Life Forever“ auch insgesamt weniger zum Tanzen ein, sondern viel mehr zum Zuhören und Entdecken. An den tiefen Pathos von Spanish Sahara mag zwar keiner der restlichen Songs wirklich heran kommen, für genügend Tiefgang ist aber allemal gesorgt.

Pop oder Pogo?

Wo sich bei den Foals die Frage stellte, ob sie sich wiederholen würden, so stellte sich bei Crystal Castles die Frage, welchen der angedeuteten Wege sie einschlagen würden. Pop oder Pogo? So heterogen ihr Debütalbum war, so zwiespältig fällt auch die Antwort auf diese Frage aus. Das kanadische Duo schaltet zwar ebenfalls einen Gang zurück, lässt es sich aber trotzdem nicht nehmen, die Hardcore-Sozialisation mit Songs wie der Vorabsingle „Doe Deer“durchschimmern zu lassen. Und obwohl dieser Track etwas verloren zwischen all den 8bit-Popsongs wirkt, ist er einer der stärksten Titel des Albums. Allein das brachial verzerrte Sythesizer-Riff rollt mit einer physikalischen Wucht über einen hinüber, die ihresgleichen sucht. Die schweißtreibende Bassline und die atemlosen Shouts lassen einen dann erst recht an die goldenen Zeiten des Synth-Punks denken. Die Kanadier bewiesen schon mit ihrem Erstling Mut zur Inkohärenz und so folgt auf die anderthalb Minuten Verzerrer-Wahnsinn eine Großraumdisko-Hymne mit deutlichen Eurodance-Anleihen. Es ist immer wieder erstaunlich, was Produzent Ethan Kath so aus seinen Chiptune-Zauberkisten heraus kitzelt. Zwischen Breitwand-Schelle und Kellerlochgekreische finden sich zudem erstaunlich viele Popsongs, die lediglich durch die ätherisch in den Hintergrund gemischte Stimme Distanz zum Hörer wahren. Nicht selten kommt einem bei Alice Glass dünner, aber energischer Stimme, der wolkige, ungreifbare Gesang von Ida No (Glass Candy) in den Sinn. So oder so gelingt es den Crystal Castles mit ihrem Zweitwerk zu beweisen, dass sie deutlich mehr drauf haben, als Nintendo-Rave-Alarm und Myspace-Foto-Gepose.

In das Exil der spanischen Sahara muss also keine der beiden Bands geschickt werden – wer sich allerdings schon mit den vorhergehenden Platten schwer tat, wird auch hier auf keinen grünen Zweig mit dem Gebotenen kommen. Um die Probezeit zu verkürzen reicht die Leistung ohnehin nicht aus, spätestens mit dem dritten Album wird sich aber zeigen, wer wieder in der Versenkung verschwinden wird und wer sich endgültig im Kanon etablieren kann. Doch besonders auf die Live-Auftritte darf man sich freuen, konnten beide Kombos doch besonders in dieser Disziplin überzeugen. 2008 til infinity? Wir werden sehen.

Foals – Total Life Forever

Links: Myspace | Official

VÖ: 07.05.2010

Crystal Castles – Crystal Castles (II)

Links: Myspace | Official

VÖ: 21.05.2010 (iTunes: 19.04.2010)

2 Kommentare zu “Dont believe the hype? Neues von den Foals und Crystal Castles”

  1. Carsten sagt:

    Hi,
    schöner Beitrag. Mir gefällt das neue Crystal Castles besser als das erste…mag daran liegen, dass ich den Hype verpasst habe seinerzeit.
    Finde übrigens die Darstellung der Punktebewertung schön, hast du das selber gebastelt oder ist das ein Plugin?

    Grüße

  2. Pascal Weiß sagt:

    Hey Carsten,

    habe Deine Frage jetzt erst gesehen, sorry.

    Die Punktbewertungs-Grafik ist kein Plugin und hat im verganenen Jahr im Zuge des Relaunchs so einige Stunden für Diskussionen gesorgt. Als Markus dann obige Grafik vorgestellt hat, war uns sofort klar, dass wir diese ab sofort nehmen würden. Insofern freut es natürlich zu hören, dass die auch bei den Lesern gut ankommt – vielen Dank;)

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