Wie Missent to Denmark auf ihren Namen gekommen sind, sollte man sie anstandshalber wohl lieber nicht fragen (Goldene Musikjournalistenregel Nr. 1), ein wenig verwundern tut es jedoch schon, dass ausgerechnet eine Band, die den zutiefst bayerischen Provinzort Deggendorf als Standort auf ihrer Myspace-Seite angibt, sich ausgerechent nach Deutschlands nördlichstem Nachbarland benennt.

Diese Band jedenfalls hat höchstwahrscheinlich ein  kleines Problem, das gleiche Problem, unter dem nur allzuviele englischsprachige Indiepopbands hierzulande leiden: In der Rezeption durch einen Großteil der Kritiker wird deren Musik nämlich lediglich als mehr oder weniger gelungene Kopie englischer oder amerikanischer Vorbilder verstanden und bestenfalls mit dem Prädikat „für eine deutsche Band ganz gut“ versehen, keine tollen Voraussetzungen also, um auch über die Landesgrenzen hinaus erfolgreich zu sein.

Missent to Denmark begegnen dieser Problematik mit einem energischen „Trotzdem!“ und verhehlen erst gar nicht, dass sie sich in all ihrem Tun an berühmten Vorbildern wie Radiohead, Bright Eyes oder Kashmir (ganz genau, aus Dänemark) orientieren. Ihr zweites Album „I Am Your Son“ ist ein vielseitiges und doch homogen erscheinendes Werk, das sich geschmackssicher und gekonnt am Rande gut erschlossener Wege von Pathos-Indie über dezente Elektronik bis hin zu Folk entlangschlängelt und dabei fast immer gut zu gefallen weiß. Man könnte die fünf Jungs, die wohl mittlerweile eher in München als in Deggendorf anzutreffen sind,  mit Fug und Recht als Perfektionisten bezeichnen, denn nahezu jeder Ton auf diesem Album wirkt, wie erst nach quälend langen Diskussionen und Tagen des Hin und Hers auf Tonträger gebannt. Ob nun die gegen Ende von „Where Are My Glasses“ effektvoll einsetzende Feedbackgitarre, die dezent im Hintergrund von „The Past“ umhergeisternde Geige oder die das Schlagzeug unterstützende Pluckerelektronik in „A Favour“, jedes Element auf dieser Platte, so verspielt es auch sein mag, kennt seinen Platz ganz genau und ordnet sich nahezu unterwürfig den Diensten der Songs unter. Sänger Stephan Gillmeier stellt sich nebenher als gelehriger Schüler seiner Vorbilder dar, indem er mal wie Thom Yorke, mal eher wie Elliott Smith klingt und den zumeist getragenen Songs dami die nötige, zusätzliche Dosis Melancholie einimpft.

Missent to Denmark machen ihre Sache wirklich bestens, die Lieder wirken stimmig, der Sound rund, die Arrangements geschmackvoll und auch nach unzähligen Hördurchgängen will einem kaum eine eigentliche Schwachstelle dieser Platte auffallen. Was die fünf abseits der Bühne sicherlich auch noch ungemein sympathischen Burschen auf ihrer Richtigmacher-Checkliste dann aber scheinbar doch vegessen haben, ist es, bei ihrem Ritt quer über die Indiepop-Landkarte genügend eigenen Staub aufzuwirbeln. „I Am Your Son“ zelebriert Indie nach dem Baukastenprinzip, clever kombiniert und nahezu perfekt umgesetzt, aber letztendlich dann doch ein wenig kontur- und charakterlos. An vielen Stellen hätte man der Band einfach gewünscht, alles auf eine Karte zu setzen und mit vollem Einsatz über die sich auftuenden Abgründe zu springen anstatt diese lediglich anzudeuten und dann weiträumig auszuweichen. Es mag wie Phrasendrescherei klingen, aber was diesen Liedern letztendlich fehlt, sind die so oft und vielbeschworenen Ecken und Kanten. So bleibt ein Album, das man dem geneigten Hörer zwar aus voller Überzeugung empfehlen kann, das der oben genannten Problematik aber trotzdem nicht entgehen können wird. Für eine deutsche Band aber immerhin wieder einmal: Sehr gut.

70

Label: Biegen & Brechen / Roughtrade

Referenzen: Radiohead, The Notwist, Elbow, Bright Eyes, The Arcade Fire, Kashmir, dEUS

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 16.04.2010

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