Je älter man wird, desto professioneller geht man mit seinem Emotionen um, man beobachtet, kategorisiert und versucht, sich nicht von jeder Stimmung mitreißen zu lassen, etwas, dass man als Teenager noch nicht kann oder aber auch einfach nicht können möchte. Leicht macht man es sich mit der Verwaltung der eigenen Gefühlen nicht, es raubt Kräfte, sich nicht mehr einfach in den nächstbesten Moshpit begeben zu wollen oder können, weil das Gemeinschaftsgefühl der Jugendlichkeit immer mehr schwindet und Naivität nach und nach durch Reflexion ersetzt wird. Das Wunderbare aber ist, dass man der Ernüchterung nicht gänzlich anheim fallen muss, sondern sie mit ein wenig Ruhe und Training in differenzierte Wahrnehmung umwandeln kann. Sparringspartner hierfür sind Alben wie „The Besnard Lakes Are The Roaring Night“.

Nun soll damit keineswegs gesagt sein, dass das dritte Album der KanadierInnen nicht zur Untermalung einer Phase des Sturm und Drangs dienen könnte, enthalten diese doch auch Momente des melancholischen Eskapismus. Den Frust von der Seele tanzen kann man sich zu den zehn Songs jedenfalls nicht, sie sind eher etwas für den inneren Hans-Guck-in-die-Luft, der schaut und schaut, sich verliert und gar nicht merkt, wie sich die Dämmerung ausbreitet und vermeintlich plötzlich ein Nachthimmel heraufgezogen ist, der bereits Bekanntes neu rahmt und das Erkennen zu etwas nicht Selbstverständlichem macht. Die Augen müssen sich erst einmal daran gewöhnen, nicht mehr eine Sonne, sondern viele kleine zu sehen, die durch ihre geringe Größe markanter und leichter fassbarer sind als diejenige, deren Strahlen am Tag alles in gleichmäßiges Licht hüllt.

Ähnlich verhält es sich mit den beiden eröffnenden Tracks des Albums, deren erster, „Like The Ocean, Like The Innocence Pt. 1: The Ocean“ als Intro des nachfolgenden „Like The Ocean, Like The Innocence Pt. 2: The Innocent“ fungiert. Recht überschaubar, aber schwer greifbar beginnt das Stück mit kreisenden Sounds und einer verzerrten sustainlastigen Gitarre. Leise Sprachsamples sorgen für eine postrockige Atmosphäre, bis der Gesang nach ungefähr zwei Minuten in einem nicht gepresst hervorgebrachten Falsett einsetzt. Dezent ergänzen ein wenig später transparent von rechts und links Schlagzeug und Klavier das Gesamtbild, und nachdem der Refrain von einer kraftvollen Gitarre eröffnet wurde und das Ehepaar Jace Lasek und Olga Goreas seinen Wechselgesang beginnt, wird schnell klar, dass hier nicht alles so ruhig wie eingangs bleiben wird. Immer dichter wird der Klang, immer prägnanter die Melodien, am Ende steht ein erhabenes, stolzes Stück Rockmusik vor den HörerInnen, mäßig schnell, aber wuchtig. Auch das deutlich kürzere „Chicago Train“ braucht seine Zeit, wer eine schöne Verzerrung zu schätzen weiß sollte nun geduldig sein und sich nebenbei endgültig an den Gesangsstil Laseks gewöhnen, der durchaus zur Rehabilitierung der vollkommen zu Unrecht in den Ruf der Lächerlichkeit gekommenen Kopfstimme dienen kann. „Albatross“ wird hauptsächlich von Olga Goreas vorgetragen, und wer die beiden bereits in Verdacht hatte, eine Platte von My Bloody Valentine oder Ride zu besitzen, wird feststellen, dass die Antwort auf diese Frage dieselbe ist wie auf diejenige, ob die Gitarre mit einem Tremolo bearbeitet wird. Etwas druckvoller klingt das anschließende „Glass Printer“, ein weiterer zweigeteilter Song begegnet uns mit „Land of Living Skies Pt. 1: The Land“ und „Land of Living Skies Pt. 2: The Skies“, „And Is What We Call Progress“ ist ein regelrechter Popsong, „Light Up The Night“ geradezu hymnisch, zum Ausklang gibt’s beatfreie Psychedelic mit „The Lonely Moan“.

„The Besnard Lakes Are The Roaring Night“ ist selbst in seinen ruhigen Momenten voll und warm und ebenso kraftvoll wie in seinen Ausbrüchen. Unterschiede in der Lautstärke verlieren dadurch an Gewicht, dass die Produktion immer wieder dazu einlädt, sich auf die Suche nach Feinheiten zu begeben und den teilweise noisigen Sounds bis zu ihrem Verschwinden zu folgen, eine Beschäftigung, in der man sich bestens nach ein paar Durchläufen verlieren kann, vielleicht ja in den bevorstehenden ersten warmen Nächten des Jahres mit Blick auf die Sterne.

76

Label: Jagjaguwar

Referenzen: Band Of Horses, Ride, Led Zeppelin, Spiritualized, Galaxy 500, My Bloody Valentine, A Sunny Day In Glasgow, Cymbals Eat Guitars

Links: Homepage / Myspace

VÖ: 12.03.2010

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum