Die Aeronauten | Punks im besten Alter

Heute werden klare Grenzen gezogen, wir verabschieden uns vom differenzierten Verständnis und lassen mal fünfe grade sein, man macht sich’s ja sonst nicht so leicht. Los geht’s: Weniger nett sind Menschen, die Durchhalteparolen von sich geben, bierselig in Arme sinken und Männerbündelei betreiben, die sich in der Liebe stets kämpferisch geben, die erobern und besitzen wollen sowie Zeitgenossen, die den Aeronauten nichts abgewinnen können, richtig?

Richtig. Die Aeronauten aus der Schweiz kann man nur mögen, doch warum eigentlich, vereinen sie doch all die  gerade genannten Eigenschaften, außer natürlich „den Aeronauten nichts  abgewinnen können“? Nicht nur wegen der melancholisch gewitzten „Countrymusik“, sondern aufgrund von Liedern wie „Freundin“, das zwar bereits 1997 erschienen ist, aber auch noch heute dem einen oder anderen Linksautonomen und überhaupt der „alternativen“ männlichen Bevölkerung verschiedenster Provinzen aus dem kleinen einsamen Herz sprechen dürfte, wenn es darin heißt „Meine Freunde sagen mir / ich solle mit ihnen gehn‘ / sie schlagen die Faschisten / und ficken das System / sie schreiben überall Sachen an die Wand / sie hören Musik aus dem Baskenland / doch ich möchte lieber eine Freundin / ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen“. Denn sicher, es ist wichtig, einmal Punk (gewesen) zu sein, aber selbst der grimmigste Crustie sehnt sich nach ein wenig Zuneigung und Zärtlichkeit, oder etwa nicht?

Nein, so selbstverständlich ist das nicht, und schon gar nicht möchte jeder eine Freundin, da gibt’s ja noch viel mehr Möglichkeiten, doch ist es schwer, sich als junger, alternder oder älterer heterosexuellen Mann nicht in diesen Texten wiederzufinden, zum Beispiel in „Bettina“, das ebenso großartig  aufbrausend resignativ ist wie „Liebe wird Dich finden“ tröstlich, ganz zu schweigen von „Wie es sein muss“, einem hervorragenden Beispiel für die Treffsicherheit und auch Trefflichkeit, mit der Sänger und Texter Oliver Maurmann alias GUZ aus einem Leben berichtet, das, Ihr wisst es ja schon, durch Durchhaltewillen, Bierseligkeit, „männliches“ Selbstverständnis und einer kämpferischen Einstellung zur Liebe geprägt ist. Warum aber hat es bei den Aeronauten in den neunzehn Jahren ihres Bestehens nicht zu größeren Erfolgen gereicht, die Sportfreunde Stiller machen doch nichts anderes?

Weit gefehlt. Bei den Aeronauten gibt es zwar Catchyness, aber keine Klischees, Pathos, aber auch Selbstbewusstsein, man weiß nicht nur, was man auszustehen hat, sondern auch, warum das so ist und hat es deswegen nicht nötig, unreflektiert zu jammern, der Schmerz ist erprobt, man wird ihn aushalten können. Die Aeronauten opfern ihren Witz nicht der Angst, sich auf klare An- und Aussagen festnageln zu lassen, sie sind Punks mit Seele und Charme, tapfer, aber lakonisch, ihre Kumpelei geht nahe, ohne sich einzuschmeicheln. Sie sind eine Band, in die man sich verlieben kann.

Und unter diesen Gesichtspunkten sollte auch die aktuelle Veröffentlichung „Hallo Leidenschaft“ betrachtet werden. Kennt man die Band schon länger, dann zeigen sich hier neue Züge, neue Marotten, und damit ist nicht nur das komplett in Switzerdütsch vorgetragene Stück „Womunidure“ gemeint, auch „HaHaHa“, „Maximum Future Investment“ und „Herz“ verwundern ein wenig, dort nämlich scheinen die Protagonisten ignorant, mitleidslos, geld- und sexgierig, wobei es sich mit Sicherheit um Kapitalismuskritik handelt, die aber dann doch etwas ungelenk formuliert wird. Da wartet man vier Jahre auf ein neues Album und bekommt dreizehn Stücke, die vier bereits erwähnten, ein Cover („Schatten“, im Original von der Lurkers) eines auf Französisch („Ambiance Scandale“), zwei Instrumentals („Ehrenbär“, „Marvin“), ein Lied, das fast gänzlich ohne Text auskommt („Nähe herstellen“) und am Ende bleiben so einzig vier Songs übrig, die hängen bleiben und berühren. In Anbetracht der musikalischen Güte der seit über fast zwei Jahrzehnten kultivierten Mischung aus Soul, Pop, Ska, Punk, Garage, Beat, Funk und Chanson ist das aber zu verkraften, tröstlich ist auch, dass „Isabelle“ und „Feuer der Liebe“ zu den besten Stücken der Aeronauten gehören dürften, die obendrein die beste deutschsprachige Singleband mit viel zu wenigen Singles sein dürfte.

Einen guten Einstieg in ihr herausragende Werk ermöglicht die Compilation „Zu gut für diese Welt“ (Lado, 2006), dort findet man neben den eingangs erwähnten Liedern noch zahlreiche weitere Kleinode, denen man selbst dann nicht gerecht wird, wenn man all das Positive, das je über Tomte, Kettcar behauptet wurde, zusammennimmt.

„Hallo Leidenschaft“ erschien am 19.02.2010 via Rookie Records

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3 Kommentare zu “Die Aeronauten | Punks im besten Alter”

  1. Jens sagt:

    altgewordene männer mit versoffenen stimmen. was ja nichtmal schlimm wäre, aber denen fehlt zumindest auf der neuen platte wenigstens ein fünkchen ironie. die restlichen kenn ich nicht und brauch ich nicht.

  2. Lennart sagt:

    Hallo Jens,

    falls Du der Band vielleicht trotzdem eine Chance geben möchtest: http://www.youtube.com/watch?v=bk4diDx2d9Y

    Und ja, die aktuelle Platte fällt ein wenig ab, da kann man leider nichts machen. Ironie gibt’s da aber trotzdem zuhauf, für meinen Geschmack sogar ein wenig zu viel.

  3. Bernie sagt:

    Hey !
    Da Band hat mit der Platte einen Volltreffer gelandet. Und zwar bei den Leuten, die meinen, dass dieses ganze Tocotomtekettcar Gewäsch das höchste der Gefühle sei. Dieser ganze Hamburger Kindergarten hat doch schon in den frühern 90ern bei den Aeronauten in der ersten Reihe feuchte Hosen bekommen… Live ist diese Band ungeschlagbar ! Und wer auf dem neuen Album „ein Fünkchen Ironie“ vermisst, dem kann man nur empfehlen mal genau hinzuhören oder die mal live anschauen.
    Servus.

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