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Rezension: Field Music – Field Music (Measure)

Rezension: Field Music - Field Music (Measure)In der Popmusik ist man es gewohnt, in Zehnerschritten (60er, 70er, 80er…) zu denken, was für einen verallgemeinernden Rückblick oder zum reflexartigen Beschreiben unbekannter Bands ja durchaus praktisch sein kann. Recht unergiebig ist dieses System jedoch, wenn man es zum Anlass nimmt, um Prognosen am Beginn einer Dekade zu fällen, deren bemühter Charakter meist recht offen zutage tritt. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn eine große Musikzeitschrift aus mittlerweile Berlin auf dem Titelblatt ihrer Märzausgabe „Die Rückkehr der Neunziger“ ausruft.

Denn auch, wenn das Line-Up zweier großer Festivals im deutschsprachigen Raum zu einem großen Teil aus Bands besteht, die seit mindestens zehn Jahren öffentlichkeitswirksam aktiv sind, liegen diesen letztendlich wirtschaftliche Entscheidungen zugrunde, die sich am Geschmack feierwilliger BesucherInnen orientieren. Dennoch wird im Moment trotz einer geradezu babylonischen Verwirrung die verwendeten Begriffe betreffend (was bitte sollen „Indierock“ und „Die Neunziger“ in musikalischer Hinsicht sein?) allerorts im Sinne der Revival-These geordnet, analysiert, ausgerufen, spekuliert und sogar schon reagiert. Man scheint sich darüber einig zu sein, dass die Gegenwart in erster Linie dazu da ist, in Beschlag genommen zu werden, weswegen mehr vermutet und behauptet als aufmerksam beobachtet wird.

Wir aber wollen uns heute ein Beispiel an Field Music nehmen, den beiden Brüdern David und Peter Brewis aus Sunderland, deren Grübelei schon ein Ende gefunden hat und in der Vollendung des Doppelalbums „Field Music (Measures)“ gipfelte. Zwar könnte man auch hier bei Wunsch und Bedarf von der „Wiederkehr der Rockmusik“ sprechen, jedoch handelt es sich dabei nicht um die Sorte Rock, deren Fans mittlerweile alt genug sind, um das nötige Geld für Festivals und Boxsets aufzubringen, auf denen die Helden ihrer nun schon vergangenen Jugend ihnen das Gefühl vermitteln, doch noch nicht ganz so arriviert zu sein, Field Music gehen weiter zurück.

Die Harmoniegesänge und rhythmische Vertracktheit in Verbindung mit allerlei Melodiegitarrenbravour machen es deutlich: das hier ist arty, und zwar nicht Shoegaze-Techno-Weltmusik-arty, sondern Artrock-arty, wir begeben uns in eine Zeit, in der Menschen Rockmusik zu Kunst erheben wollten ohne zu bemerken, dass sich der Kunstbegriff längst verändert hatte, weswegen sie irrtümlicherweise glaubten, man müssen eine „Rockoper“ wie „Tommy“ schreiben, um (vielleicht auch von sich selbst) ernst genommen zu werden. Ganz so ambitioniert wie in der Geschichte des tauben, stummen und blinden Wunderkindes geht es auf dem dritten Album der Briten jedoch nicht zu, ihr Ehrgeiz erstreckt sich nicht auf Selbstverständnis und Prestige, sondern den Song an sich. Anders wäre es auch nicht zu erklären, dass dieses Doppelalbum trotz Fülle an Material und dessen ästhetischer Konformität stets zu unterhalten weiß, wenn man, und jetzt kommt das “aber“, sich mit der äußerst trockenen Produktion anzufreunden weiß, die durch den sehr eigensinnigen und selten fließenden Groove noch betont wird. Wunderschön sind dabei übrigens die Streicher, denen man hier einmal anhört, dass ihr Ton durch Reibung erzeugt wird, doch auch den Slidegitarren wurde der Schmelz genommen, den sie oftmals im Country besitzen. Die stete Verwendung derselben  Sounds und Instrumente erschwert es diesen zu Trägern bestimmter Stimmungen oder Effekten zu werden, sie sind vielmehr ein Rohstoff, mit dem von Anfang an gearbeitet wurde, nichts Aufgesetztes, das dem Schmuck dient.

Damit muss man sich anfreunden, Gelegenheit dazu hatte man jedenfalls auf allen bisherigen Veröffentlichungen der Band, von denen sich „Field Music (Measures)“ zwar durch einen höheren Grad an Komplexität abhebt, ansonsten aber nahtlos an sie anknüpft. Damit steht es ein wenig abseits sämtlicher popkultureller Schlachtfelder und wirkt spröde und unbeteiligt, in seinem selbst entwickelten und auch erfüllten Anspruch jedoch ist es glaubwürdig, liebenswert und respektabel. Mit ihrer sich bis ins kleinste Detail erstreckenden Planmäßigkeit sind Field Music eine Empfehlung für Menschen, denen das Klischee der Emotionalität und Authentizität bis hin zur (Selbst)zerstörung im Rock der 90er nichts geben kann, sei es, weil sie damals zu alt oder zu jung waren, vielleicht aber auch, weil sie sich und ihre Hörgewohnheiten weiterentwickelt haben.

Wertung: 73

Label: Memphis Industries / Cooperative

Referenzen: School of Language, The Week That Was, The New Pornographers, Allman Brothers, XTC, The Shins, Led Zeppelin, Pernice Brothers

Links: Homepage / Myspace

VÖ: 12. 02. 2010


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