Plattenkritiken


Rezension: Dag För Dag – Boo

Rezension: Dag För Dag - Boo

Das Duo als Bandformat ist eine geradezu mythische Kombination des Rock’n'Roll. In seiner Reduziertheit nährt es beim Hörer das Gefühl, hier einer wie auch immer gearteten Seelenverwandschaft der beiden Protagonisten beizuwohnen, die dazu führt, dass das Dargebotene am Ende so viel mehr darstellt, als nur die Summe seiner einzelnen Teile.

Dag För Dag, um die es hier gehen soll, lassen sich auf ihren Touren zwar von einem zusätzlichen Schlagzeuger unterstützen, ihrem Zweierbandenstatus tut das aber aus dem Grund keinen Abbruch, dass es sich bei den in Stockholm lebenden Amerikanern Sarah und Jacob Snavely tatsächlich um  Geschwister handelt, deren Verbundenheit eben nicht nur eine musikalische ist.

Nach ausgiebigen Touren als Support solch illustrer Namen wie Lykke Li, The Kills oder Wolf Parade und einer EP im letzten Jahr veröffentlichen die beiden nun also ihr Debütalbum “Boo” und selbst wenn man wenig von solcherlei Verklärungen hält, wird man doch zugeben müssen, dass das gewisse Quäntchen Mystik, welches diese kleine Vorgeschichte enthält, ganz wunderbar zum kettenrasselnden Gespensterbluesrock passt, den Dag För Dag hier mit jeder Menge Hall und Verzerrung veranstalten. Irgendwo zwischen Jeffrey Lee Pierces Gun Club und PJ Harvey, zwischen Spaghetti-Western und Schauermärchen bannt sich „Boo“ seinen Weg durch einen düsteren Märchenwald voll fies leuchtender Augenpaare und Fallen stellender Efeuranken. Sarah Snavely gibt dazu die mysteriöse Schönheit im roten Ballkleid, die mit religiöser Inbrunst ihrer geschundenen Seele Luft macht, während verhallt dröhnende Gitarren, polternde Drums, einsame Geigen und ihr gesanglich dezent im Hintergrund agierender Bruder Jacob sie umschwirren. Dag För Dag halten dabei gekonnt die Waage zwischen Shoegaze und Glam und sorgen so über nahezu das gesamte Album für eine fiebrige Spannung zwischen veritablen Indiehits wie „Hands And Knees“ und eher ruhigen und geheimnisvoll durchs Unterholz schleichenden Songs wie „Boxed Up In Pine“. Kontrollierten Wahnsinn könnte man das vielleicht nennen.

Ihren vielleicht schönsten und verstörendsten Moment schafft die Band dabei in „Silence As The Verb“, wo der apathisch brummelnde Jacob unterstützt von stoischem Bass und Drums und die gleich ihrer Gitarre manisch aufheulende Sarah sich in immer enger werdenden Kreisen umwinden. „Animal“ hingegegen packt kurz vor Schluss die Rock-Keule aus, schwillt samt der außer Kontrolle geratenen Schrabbelgitarre an zur Hymne, in der selbst Jacob einmal aus seiner Haut fahren darf. Das und der abschließende schon auf der letztjährigen „Shootings From The Shadows EP“ enthaltene wild mit allen hier geweckten Dämonen gen Morgendämmerung tanzende Minihit „Ring Me Elise“ machen dann auch locker wieder vergessen, dass der ganze Geisterzug gegen Mitte des Albums doch das ein oder andere mal vorübergehend ins Stocken gerät. An Gespenster oder übernatürliche Kräfte von Zwei-Personen-Combos muss man jetzt zwar immer noch nicht glauben, zumindest aber wurde man für die letzte Dreiviertelstunde aufs Schauerlichste unterhalten.

Wertung: 70

Label: Haldern Pop Records / Cargo

Referenzen: The Gun Club, PJ Harvey, Sons And Daughters, The Kills, Hansome Furs, The Duke Spirit, The Jesus & Mary Chain

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 12.02.2010

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