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Rezension: Tindersticks – Falling Down A Mountain

Rezension: Tindersticks - Falling Down A MountainWarum sollte man es sich schwer machen, warum den neuartigen Einfall suchen, um die werte Leserschaft davon in Kenntnis davon zu setzen, dass die Tindersticks seit neunzehn Jahren mit unerhörter Lässigkeit die lust- und schmerzbetonte Leidenschaft zelebrieren? Die Aufgabe der Hoffnung, man könne dieser Band mit Bildhaftigkeit und Metaphern gerecht werden und ihr Tun in ein paar einleitenden Sätzen skizzieren, ist auch beim achten Studioalbum die beste Form der Ehrerbietung.

Dabei scheint alles so einfach: nach dem Ausstieg dreier Bandmitglieder und einer daraus resultierenden Neubesetzung wendet sich die Band um Stuart Ashton Staples nun bei gleichbleibenden Vorzeichen (allerlei Dandyeskes und Melancholie) ein wenig mehr dem Pop zu, als dies bei „The Hungry Saw“ von 2008 sowieso schon der Fall war. Streckenweise mag dem seit nunmehr zwei Alben die Abwesenheit von Dickon Hinchliffes Geigenspiel zugrunde liegen, jedoch kam es schon weitaus früher zu ersten Modifizierungen des Sounds, die sich zum Beispiel in der unterschiedlichen Opulenz der Arrangements niederschlug. Das vierte Album „Simple Pleasure“ ließ dann gar eine Wendung hin zu Jazz und Soul erkennen und sollte nicht die letzte Veränderung gewesen sein.

Dies jedoch sind für all diejenigen, die aus den unterschiedlichsten Gründen Vorbehalte oder gar eine Abneigung gegen Staples’ Stimme hegen, zu vernachlässigende Feinheiten, Details, die unter dieser Bedingung gar nicht erst entdeckt werden werden können. Gleiches gilt für eine selbstbewusste Hingabe an die Verletzlichkeit in den Texten Staples und die elegante Schrulligkeit, die der stets vernuschelte und dramatisch schwingende Gesang des Frontmanns im Zusammenklang mit der geschmäcklerischen Musikalität der Instrumentalisten mit sich bringt.

Dass es sich bei der erwähnten Schrulligkeit jedoch um eine Merkwürdigkeit im wortwörtlichen Sinne handelt erkennt man dann, wenn im Laufe des auf dem aktuellen Album befindlichen „Harmony Around My Table“ Leadsänger mitsamt Band in einen „Lalala“-Chor einstimmen, ohne dass folgende Gewissheit verloren geht: diese Menschen sind sich nicht nur im Klaren darüber, was sie hier tun, sondern sie könnten außerdem noch darüber referieren, wie und warum Maßanzüge zu jedem Anlass getragen werden sollten. Und beeindruckt romantisiert man sich aus einer Popgruppe einen grundlegende Lebensfragen begrübelndem Zirkel, leidgeprüften Adepten der Hingabe, die verkopft, reflektiert und doch wehrlos gegenüber der Liebe sind, die genießen, Fehler begehen und leiden, alles am besten zugleich.

Und so ist die Musik der Briten stets, und das sei wertfrei gesagt, Pathos getränkt, was auch auf die Stücken des neue Albums zutrifft, allen voran Pianoballaden wie „Factory Girls“, aber auch „She Rode Me“ mit seiner entfesselten 60s-Blockflöte. Das titelgebende Stück mit seiner Jazzigkeit schließlich ist zu gleichen Teilen cool und bedeutungsschwanger und stellt in seiner verspielten Reife eine Seltenheit dar, die man besonders dort antrifft, wo sich die Tindersticks als Mittvierziger mit fast zwanzigjähriger Bandgeschichte und Feuilleton lesender Hörerschaft mittlerweile bewegen dürften, in der Region nämlich, in der Popmusik keine Jugendlichkeit und Schnellebigkeit mehr besitzt und ein gut sortiertes Plattenregal rege intellektuelle Tätigkeit und Arriviertheit ebenso zu repräsentieren vermag wie eine umfangreiche Bibliothek, ein Punkt, an dem man ihr Ernsthaftigkeit nicht mehr absprechen kann und an dem sie vielleicht sogar zum Ideal einer Boheme passen würde, das es so nicht mehr gibt, ein Zustand, in dem man sich der Kunst und ihrem Einfluss hingibt, um durch Verfeinerung erlangte Genüsse zwielichtiger Natur zu untermalen. Doch auch, wenn hier der Eindruck erweckt wird, man habe es mit etwas besonders Erlesenem zu tun, handelt es sich bei dem, was für eine kurze Zeit über die ästhetischen Mängel der ollen bösen Welt hinwegzutrösten vermag, letztendlich einfach nur um Popmusik. Doch wer sich davon dauerhaft ernüchtern lässt, sollte sich vielleicht einer anderen Kunstform zuwenden.

Wertung: 72

Label: 4AD

Referenzen: The National, The Divine Comedy, The Walkabouts, Nick Cave & the Bad Seeds, Scott Walker, Lee Hazlewood

Links: Homepage / Myspace

VÖ: 22. 01. 2010


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