Großen Plattenfirmen wird oftmals die bis zur absoluten Beliebigkeit führende Normung und Nivellierung von Musik angelastet, und setzt man sich dem Programm privater Radiosender aus, wird nicht klar, warum dem widersprochen werden sollte. Nun ist es aber von höchster Wichtigkeit, zweierlei zu vermeiden: keinesfalls darf man private Radiosender hören und geringe Umsatzsummen mit ästhetischer Qualität gleichsetzen. Schließlich vollbringen Majorlabels nicht nur Schandtaten, auch, wenn sie weit von dem entfernt sind, was ein Label über den Begriff „Unternehmen“ hinaus sein kann: die Heimat eines Sounds. Bei Tendervision aus Malmö, auf dem Yamon Yamons Debütalbum „The Wilderlessness“ erscheint, handelt es sich um solch ein Stück heile Musikwelt.

Dort hat man nämlich ein offenes Ohr für die Qualitäten gefühlvoller Songs zwischen Post- und Indierock mit einem gemäßigten Maß an Frickeligkeit, Stücke, die den oder die HörerIn niemals ratlos zurücklassen, wenn sie sich mal wieder fragen „Is it wrong not to always be glad?“. Gerne und höflich erteilen dann die verschiedenen KünstlerInnen des Labels die immer gleichen Antworten („No, it’s not wrong.“ / „Das ist alles sehr komplex.“) und zwar in einer Manier, die kaum dazu angetan ist, Menschen auf die Tanzflächen zu zwingen, eine Behauptung, die so hingenommen werden muss, da dem Autor keine Tanzveranstaltung bekannt ist, in deren Rahmen Postrock aufgelegt worden wäre. Man muss diesem nämlich  aufmerksam folgen,  denn er ist gleichzeitig stark verkopft und emotional,  und so ist dann das auf Konzerten zu beobachtende Verhalten (Kopfnicken statt Tanzen) keinesfalls Zeichen mangelnder Teilnahme. Den Gitarren aber wird es dennoch zuweilen gestattet, harschere Töne und sogar Riffs anzuschlagen, jedoch nur dann, wenn sie versprechen, auch immer emsig und brav Akkorde zu zerlegen, denn die Arbeit will getan sein, und Musik ist schließlich etwas Erhabenes, etwas, um das man sich bemühen muss, besonders dann, wenn man wie Tendervision das Erbe einer Art von Musikkultur pflegt, die ihr Dasein der Leidenschaft und nicht einem rockistischem Selbstdarstellungstrieb verdankt.

Nun mag eine solche Einschätzung zwar ein wenn auch positives, so doch recht eindimensionales Klischee sein (so frei von Rockismen ist das Genre vielleicht doch nicht, zum Beispiel gibt es bei Tendervision von neun Bands nur eine, deren Mitglieder Frauen sind), aber genau dieser Eindruck entsteht, setzt man „The Wilderlessness“ in Bezug zu den bisherigen Releases des Labels. All das bisher Angesprochene findet sich in den neun Stück wieder, daran ändert auch die vergleichsweise poppige Stimmung nicht viel. Einzelne Passagen sind geradezu fluffig, obwohl oder vielleicht gerade weil sie beinahe klassische Muster zitieren, die, so glaubt man, stets funktionieren, es aber beileibe nicht immer tun. „High Class“ zum Beispiel reiht sich anfangs nahtlos in die Riege der „Hallogallo“-inspirierten Gitarrensongs ein, bis es zu einer motorischen Schrammelei mit Pickingbreaks wird, man hat also gleich zwei Stereotypen vereint. Nähert man sich diesen, tritt die darbietende Band hinter den Schemata zurück, auch, wenn man sich darüber freut, ein gewisses Stück in genau diesem Moment zu hören, spielt es keine Rolle mehr, durch wen es vorgetragen wird. Wer mit diesem Gedanken leben kann und den guten Song an sich über oder gleichberechtigt neben einen schöpferischen Beitrag zur Gegenwart, deren Gehalt noch nicht kanonisiert wurde, stellen kann, dürfte nicht nur bei „No Depression“ genießerisch lächeln, sondern auch ein kultiviert unaufgeregtes Interesse an Popmusik besitzen. Wer sich mit einem solchen hingegen nicht zufrieden geben kann, ist auch kein schlechter Mensch, Tendervision und seine Bands werden dadurch mit Sicherheit nicht daran gehindert, eine sichere Größe für LiebhaberInnen zu bleiben.

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Label: A Tenderversion

Referenzen: American Fotball, Joan of Arc, Death Cab For Cutie, The Sea and Cake, +/-, Red House Painters, The Go Find

Links: Homepage / Myspace

VÖ: 29. 01. 2010

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