Schatten formen sich bei Sonnenuntergang auf dem Boden einer alten, leeren Fabrik. Sämtliche Last verfliegt und die Konturen verlaufen, bis sie selbst in dem Abend aufgegangen sind. „Boca Negra“ ist immer noch ungreifbar wie seine vier Vorgänger, aber nicht weil ihm jede Substanz fehlt, sondern weil diese von den Wänden zu tropfen scheint.

In stillen Momenten perlt sich langsam durch die Perkussion ein leises Jammern von Tönen. „Quantum Eye“ geht so auch in den ersten Hördurchgängen ein wenig unter, ist es doch einfach der ideale Punkt, um das Trommelfell kurz baumeln zu lassen, bevor „Confliction“ mit seinem holprigen Einstieg wieder sämtliche Konzentration fordert. Die Trompete lässt sich von dem Schlagzeug treiben und es ergibt sich eine tragende Melodie, bevor die Schleuse geöffnet wird und sich die Töne zurückziehen. So bläst sich „Boca Negra“ wieder und wieder auf, nur um dann abermals scheppernd die Entschlackungskur anzusetzen.

Undurchsichtig und unaufgeräumt gibt sich „Spy on the floor“, wird dann jedoch aber wieder ein runder, kleiner Teufel mit einer Melodie, die sich in der Waschmaschinentrommel hin und her schaukeln lässt.  Die Einordnung in den Avantgarde-Jazz sollte einen nicht abschrecken, denn trotz Ecken und Kanten und Spielereien sind die Dinge greifbar. Wo Sekunden vorher noch gegen den Strich gebürstet wurde, gibt es ein paar Sekunden später die lieblichsten Schmeicheleien. Launig raunt „Laughing with the sun“ bis es alle Viere von sich streckt. Das Anrennen enthält schon Anfang, Ende und Neubeginn. Konstruktion und Destruktion werden ein Prozess, der sich hin und her wiegt und am Ende die Klänge in den Äther drischt.

In sich hält die Stücke eine Stimmung zusammen, die eine Leichtigkeit ausstrahlt, die nie in Naivität abgleitet. Wer Schubladen wie Freejazz auspacken möchte, wird sich auf dünnes Eis begeben, denn die Freiheit ist hier nicht gleichbedeutend mit der Ausdehnung ins Unendliche. Schubladen sollten sowieso aus der Altbauwohnung geworfen werden. Es ist ein Ritt, ein Trip, ein Rausch in den schönsten Tönen. Der Glanz kommt aus der Ruhe und dunkle Töne gehören zum Spektrum dazu. Wo viel Schatten ist, ist immer auch Licht.

76

Label: Thrill Jockey / Rough Trade

Referenzen: Chigago Underground, Tortoise, In The Fishtank, John Zorn, Miles Davis

Links: Homepage: myspace | Labelseite

VÖ: 29.01.2010

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