Unterwegs


Konzertbericht: Great Lake Swimmers im Steinbruch in Duisburg (25.11.09)

Konzertbericht: Great Lake Swimmers im Steinbruch in Duisburg (25.11.09)

Endlich mal wieder eine Band, die in wenigen Stunden von der Liste “muss ich unbedingt noch live sehen” gestrichen werden kann. Die Great Lake Swimmers spielen heute in Duisburg, exakt einen Monat vor Weihnachten, eine besonders glückliche Fügung des Schicksals also. Vor dem Auftritt haben wir noch das Vergnügen, etwas mit Mastermind Tony Dekker zu plaudern.

Tonys Gedanken über…

…das Touren in Europa: “Zu Nordamerika gibt es eigentlich überraschenderweise keine besonders großen Unterschiede. Klar, in Kanada haben wir inzwischen mehr Fans, die dann auch zu den Shows kommen, aber das Publikum unterscheidet sich nicht großartig voneinander. Natürlich genießen wir jeden Tag. Gestern in Berlin zum Beispiel war es großartig.”

…die bevorstehende China- Tour: “Das ist wirklich ein Glückstreffer. In Toronto haben wir zufällig jemanden kennen gelernt, der Konzerte in China organisiert. Wir freuen uns auf eine sehr aufregende Zeit.”

…die Great Lake Swimmers als Live- Band: “Touren und Studio sind uns gleich wichtig. Es ist ein perfekter Moment, nach einer anstrengenden Tour wieder zu Hause zu sein und neues Material aufzunehmen. Der komplette Gegensatz.”

…die neue Eingängigkeit auf “Lost Channels”: “Es war nie ein im Voraus ausgegebenes Ziel, poppiger zu klingen oder mehr Leute anzusprechen. Eher ein natürlicher Prozess, den jeder irgendwann in seiner Karriere durchläuft, wenn er lange genug dabei ist.”

…die Zukunft der Great Lake Swimmers: “Ich denke, wir sind in einem ziemlich guten Rhythmus. Seit 2003 jedes zweite Jahr ein Album, in den Jahren dazwischen dann und wann mal eine EP. Für mich ist das genau das richtige Tempo, ich fühle mich weder über- noch unterfordert. So kann es noch lange weitergehen.”

…den Stellenwert von Rezensionen und Bewertungen: “Bewertungen für meine Musik interessieren mich nicht wirklich. Wenn man sich die Lage im Speziellen anschaut, sind Noten stellenweise zum Selbstzweck geworden. Pitchfork zum Beispiel ist ja inzwischen viel mehr als eine Seite im Internet. Pitchfork ist ein Genre, das sehr berechenbar geworden ist. Wir sind auf keinen Fall eine Pitchfork- Band.”

…Folk als Mainstream: “Ich finde es super, dass Bands wie Fleet Foxes so bekannt geworden sind. Es ist wichtig, dass sich immer mehr Menschen wieder für Folk Musik begeistern.”

…sein Album des Jahres: “Definitiv das neue von Timber Timbre. Erschienen auf Arts&Crafts, da solltest Du mal reinhören.” (Anmerkung: Der Mann hat Recht. Schöne Platte.)

Der Support für heute Abend hat abgesagt, nicht wirklich tragisch, dank des Champions League Klassikers Bayern gegen Haifa vergeht die Zeit bis halb zehn recht schnell. Okay, der Knaller ist das Spiel nun wirklich nicht, und so macht sich ein Gefühl von Dankbarkeit und langsam ansteigender Freude breit, als aus dem Nebenraum die ersten Töne erklingen und Tony Dekker mit seinen Mannen endlich auf der Bühne steht. Und tatsächlich sieht jeder einzelne der fünf auch auf der Bühne exakt so aus, wie ihre Musik schon seit eh und je klingt. Echte Kanadier mit Bärten und Holzfällerhemden eben, eine Spezies die gar nicht mehr so oft zu bewundern ist. Tony, lässig mit Gitarre, später häufiger mit Mundharmonika, steht naturgemäß im Mittelpunkt, der Rest fügt sich aber wunderbar harmonisch in das Gesamtbild dieser Band on the Road ein.

Der Beginn verläuft fast etwas zu verschlossen und distanziert. Das ändert sich, als die Band nach einigen Songs die Bühne verlässt und Tony alleine auf der Bühne zurücklässt. Die Zurückhaltung weicht nun einer vertrauten Intimität, zufriedene Gesichter, wohin man schaut. Auch als die Band nach recht langer Pause wieder auf die Bühne zurück kommt und die etwas schnelleren Songs zum Besten gegeben werden, bleibt die fortwährende Schönheit des Moments, die immer nur unter bestimmten Voraussetzungen zu erzielen ist: Gut aufgelegte Band, kleine, aber gut gefüllte Location, ruhiges Publikum. All dies trifft ohne Zweifel auf diesen Abend zu.

Die Stimmung der Band wird immer gelöster, sogar zu lehrreichen Anekdoten lässt sich Tony hinreißen. Es wusste bestimmt nicht jeder, dass “Concrete Heart” eigens für eine Reihe über die Architektur Torontos geschrieben wurde oder man Kreuzberg nach Konzerten auf sehr lustige Menschen treffen kann (okay, das vielleicht schon eher). Auch die Songauswahl lässt kaum Wünsche offen. Die Priorität  liegt selbstverständlich auf  “Lost Channels” (überragend hier: “She Comes to Me in Dreams”), doch auch die drei ersten Alben werden adäquat abgedeckt und während “I Am Part Of A Large Family” ist man doch glatt davon überzeugt, genau das zu glauben. Lediglich das erhabene “Falling Into The Sky” schafft es in beachtlichen 90 Minuten nicht auf die Setlist. Schade, doch auch so ist es am Ende ein würdiger Abend genau einen Monat vor Weihnachten.


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