Abseits vom Ladrock-Klischee, das sich seit den Arctic Monkeys  auf der Insel breitgemacht hat, hat sich in den letzten Jahren eine Handvoll hervorragender UK-Bands mit eher transatlantischen Anklängen nach oben gespielt. Neben der Blood Brothers/Superchunk-Kreuzung Dananananaykroyd oder den an 90er US-Indierock anknüpfenden Sky Larkin  wusste auch das Trio Johnny Foreigner mit seinem herrlichen Debüt „Waited Up ‚Til It Was Light“ aus einem verschmähten Strang nordamerikanischer Gitarrenmusik Neues zu weben: Dem Post-Hardcore.

Was ihre melodischen Songs dabei auszeichnete waren kantig-dynamische Lautstärke- und Richtungswechsel, ein halsbrecherisches Tempo und shoutiger, zweigeschlechtlicher Wechselgesang wie ihn im UK vor ein paar Jahren Help She Can’t Swim kurz hatten aufleben lassen. Kein Jahr später ist bereits das nächste Album fertig, nachdem sich der Vorgänger noch inhaltlich um die Schattenseiten ihrer Heimat Birmingham drehte gibt „Grace And The Bigger Picture“ Eindrücke ihrer weltweiten Tourerei wieder.

Genau so verstreut wie JoFos Tourgeschichte gibt sich leider das Arrangement der Stücke in der ersten Albumhälfte, trotz hohen Energiepegels, euphorischer „Whoo!“-Einwürfe und der zugegeben guten Singles „Feels Like Summer“ und „Criminals“ sind die Wechsel zwischen den Stücken nicht stimmig, ein richtiger Hörspaß will sich dabei nicht einstellen. Entwickelt hat sich die Band selbst theoretisch zum Positiven, ihr Sound ist angemessen wuchtig geblieben, das vom ohnehin schwer beschäftigten Schlagzeuger Junior Elvis Washington Laidley irgendwie noch zusätzlich gespielte Keyboard ist aber besser ins Gesamtgeschehen integriert und Bassistin Kelly Southern ist mit mehr Sologesang zu hören, was „I’llchoosemysideandshutup, Alright“ jedoch nicht zu mehr als einem typischen Intro eines Trail-Of-Dead-Songs macht.

Direkt besser wird es mit „More Heart, Less Tongue“, mit seiner Keyboardführung und den Vokaldehnungen von Southern und Gitarrist Alexei Berrow in zwei leicht verschiedenen Melodieführungen hört man von Ferne fast schon die frühen Get Up Kids grüßen, jene, die selbst noch unter „Post-Hardcore“ rangierten. Auf den folgenden Stücken ist der Spannungsbogen dann auf einmal in sicherer Hand, vom Einminüter „Kingston Called, They Want Their Lives Back“ bis zum noch (aber ebenso angemessen) kürzeren „(Graces)“ senkt sich das Tempo graduell, nur um in „Dark Harbourzz“ wieder anzuziehen. Auch wirken die Songs weniger bemüht, selbst das herrliche, epische Endstück „The Coast Was Always Clear“, eine Art Punk-„Transatlanticism“, schafft es, Motive aus vorhergehenden Stücken zu zitieren und das so selbstverständlich wie sinnvoll wirken zu lassen. Unterm Strich bleibt dennoch nur ein halbes gutes Album, auch wenn der Wille zur Weiterentwicklung,  zum Abwechslungsreichtum und zur Kohärenz da ist, haben Johnny Foreigner es hier nicht geschafft alles zu balancieren. Den passenden schlechten Kalauer kann sich mit dem Albumtitel wohl jeder selber zurechtlegen.

62

Label: Best Before Records

Referenzen: Help She Can’t Swim, Les Savy Fav, Drive Like Jehu, Dananananaykroyd, Fight Like Apes

Links: Homepage, Best Before Records

VÖ: 28.10.09 (UK)

Ein Kommentar zu “Rezension: Johnny Foreigner – Grace And The Bigger Picture”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Absolut auf den Punkt gebracht, tolle Rezi, Uli!

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