Der 20. Geburtstag von Warp – ein Ereignis, das einem die Ausnahmestellung des Londoner Labels abermals vor Augen führt und  AUFTOUREN förmlich dazu drängt, die beiden letzten Jahre nochmals Revue passieren zu lassen. So folgt nun der 4. und letzte Part unserer kleinen Serie – hier findet ihr Teil 1, hier Teil 2, und hier geht es zu Teil 3.


flyinglotus

Flying Lotus | Los Angeles (2008)
Digitales Knistern / pulsierendes Rauschen / elektrostatische Aufladungen / krummbeinige Beats / Trockeneis-Nebelschwaden / Kettenrasseln / verbogene Texturen / Freejazz / Roboter vs. Mensch / HipHop-Beatgerüste / Weltenhektik / rastloses Verheddern / fliegende Brüche / Glitch / Luftlöcher in der Atmosphäre / das Dunkel / das Geheimnis / das Später. Keine Frage, dieser amerikanische Produzent wird verstärkt Scharnierfunktion besitzen – setzt er sich doch so souverän zwischen die Stühle Elektro und HipHop, dass einem Angst und Bange wird. Mit metallischem Klang und einer gewissenlosen Härte verweigert er sich jeder Anbiederung und umkurvt jeglichen Anflug von Melodie. Flying Lotus gehört die Zukunft fast ganz alleine.

90

born ruffBorn Ruffians | Red Yellow & Blue (2008)
„I Need A Life“ – ein Wahnsinnssong. Nicht unbedingt im struppigen Original, vielmehr im achtminütigen Four Tet-Remix, der aus einem Rocksong mit mäßigem Gesang und übersichtlicher Entwicklung eine Schippe mehr Spannung bietet und Remixen wieder Sinn stiftet. Die Kanadier selbst gehen da viel intuitiver vor. Gute Melodien, zappelige Gitarren und eine LoFi-Attitüde steht auf dem Programm, die dem Warp-Spektrum eine ganz neue Facette bietet. Die jugendliche Unbekümmertheit ist eben doch immer eine Versuchung wert. Es darf auch getanzt werden!

64

lidellJamie Lidell | JIM (2008)
Geht es gut, dass ein weißer Brite sich an der schwarzen Seele des Souls vergreift? Durchaus. Bereits mit Dusty Springfield in den 60er Jahren erlebte dieser Stil auch in Britannien seine Hochzeit: als „Blue Eyed Soul“. Das präzise Wissen um die Wirkmacht alter Klassiker von Little Richard, Otis Redding, Stevie Wonder, Funkadelic und Motown schwingt auf „JIM“ jederzeit mit und so wird der Tanzboden zum pophistorischen Spiegel. Dass Jamie Lidell sowieso stehts authentisch ist, hat er mit seiner Metamorphose vom rabiaten Laptop-Noiser zum gefühlvollen Crooner längst bewiesen. „JIM“ ist ein nahezu perfektes Popalbum, das konsequent ohne Elektronik auskommt und zu 89% aus natürlich gewachsenen Melodien besteht.

89

clarkturningClark | Turning Dragon (2008)
Störrische IDM-Beats greifen an! Todesmutige Kamikaze-Panzerkreuzer vs. blutig-geschlagene Taktstampfer – „Turning Dragon“ ist nicht nur im Unterton eine aggressive Angelegenheit: Technoid vom Grundsatz, aber dann zu brüchig, um wirklich als Techno durchgehen zu können. Flächen zerbersten unter der Last der Einfälle, die Polydimensionalität lässt bei manchen Tracks rasch den Überblick verlieren, so dass dieses Album (wie jedes aus der Clark-Trilogie) absolut fordernd auftritt.

60

autechreAutechre | Quaristice (2008)
Nerdmusik, vom Ansatz her. Die Titel heißen „FwzE“ oder „90101-51-1“ und sind zersplitterte Module, Klänge aus dem Hinterkopf von irgendwelchen Rechner, erdacht, um mit Maschinen reden zu können. Relais bleepen, Drähte glühen, die Zukunft blinkt. Furchtbar hektisch geht es bisweilen zu – und für Leute, die nicht gerade T-Online-Systemtechniker sind oder in Shortcuts denken, bleibt das wohl alles eher ein riesengroßes Klangexperiment als Musik. Aber für das was es ist, ist es hervorragend. Aberwitzige, saugeile, rasante, manchmal auch gelig-flüssige und höchst atmosphärische Tonmaterie. Ein Beweis, wie weit es die Menschheit schon gebracht hat. Ein prototypisches Warp-Album.

74

3 Kommentare zu “Labelspezial: Warp | Die Alben 2008-2009 (IV)”

  1. […] Amy Winehouse, allerdings dürfte es mehr Zufall denn Kalkü gewesen sein, dass Jamie Lidell „JIM“ in dieser Form veröffentlichte, denn dieser britische Tausendsassa gibt nichts auf Trends und […]

  2. […] der Fuchs, die Rampensau, der Wunderknabe, der Sexy Motherf****r. Nach seinem letzten Album “Jim” kamen doch tatsächlich vereinzelt Anschuldigungen auf, er wäre zu konservativ geworden, […]

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