Plattenkritiken


Jochen Distelmeyer – Heavy

Jochen Distelmeyer - Heavy

Einige Alben können durch Musikalisches über textliche Schwächen hinwegtrösten, bei anderen wird aus Freude an den Arrangements oder Sound oftmals erst zu einem Zeitpunkt auf den Text geachtet, an dem man zu keiner Wertung mehr fähig ist. Dieser Fall tritt vermutlich bei der Beschäftigung mit einigen wunderbaren Bands der frühen 60er ein, doch soll uns das heute nicht weiter interessieren, immerhin liegen die Dinge bei Jochen Distelmeyers „Heavy“ anders. Ich schrieb gerade absichtlich Jochen Distelmeyers „Heavy“ und nicht Jochen Distelmeyers Soloalbum „Heavy“, denn durch das Weglassen dieses einen Wortes soll deutlich werden: es handelt sich hier um ein eigenständiges Werk, etwas, das Jenseits von Jedem (Entschuldigung) und auch abseits Blumfelds steht, und davon würde das Anhängsel „Soloalbum“ einfach ablenken.

Blumfeld legten eine Entwicklung hin, die die Distelmeyers war. Viel scheinbar vollkommen Gegensätzliches ließe sich dadurch zusammenführen, dass als Inhalt der Stücke ein Sehnen nach Liebe und einem ehrlichen, also widersprüchlichen Leben angenommen wird, ein Selbstbewusstsein, das sich durch Dinge, die Verantwortung fordern, nicht in seinem Urteil trüben lässt. Distelmeyer stellte mit Blumfeld immer wieder alles in Frage, auch, was er bejahte, und das galt für jedes Album. Auf „Heavy“ gibt es nun jedoch Texte zu hören, die sich mit Situationen abfinden und sich an ihnen abarbeiten. „Ich schau mir Fotos an und leid’ wie ein Tier / egal was ich auch probier“, heißt es in „Nur mit Dir“, wie auch an anderen Stellen auf dem Album geht es hier um den Schmerz einer Trennung, die sich nicht rückgängig machen lässt. Damit wird ein in seiner Direktheit neues Thema in die Texte Distelmeyers eingeführt, nach Wunsch und Erfüllung nämlich die Trennung, ein Umstand, der den Titel „Heavy“ durchaus rechtfertigen könnte. Überhaupt ist es so eine Sache mit dem Namen des Albums und damit auch der Frage, wieviel Koketterie oder Ironie in den Texten steckt. Bei der Beantwortung hilft die Erinnerung an Songs wie „Tiere um uns“ oder auch “Wellen der Liebe”, denn dann wird klar, dass auch hier kein einziges Mal gezwinkert wird. Und genau das wäre das einzige, womit man den Songs schaden könnte, träte dadurch doch eine Musik in den Vordergrund, die schlichtweg als solider Pop hörerfreundlich zwischen Akustikgitarre und etwas härterem Rock angesiedelt ist. In Verbindung mit der Abwesenheit jeglicher Ziererei bildet sie so allerdings eine wunderbare Kulisse für das Schweben der gesungenen Wörter über allen Instrumenten, man hört zu und ist ergriffen von „Bleiben oder Gehen“ und bemerkt spätestens bei „Murmel“, wie wunderbar stimmig dieses Album ist. Natürlich geht es auch wieder diffus politisch zu, aber auch das ist Teil des Ausdrucks der Erfahrungen eines Lebensabschnitts, in dem sich bemerkbar macht, dass vermeintliche Belanglosigkeiten etwas Besonderes sind, währenddessen man sich in einer Lebenswelt befand oder befindet, die sich als Alltag bezeichnen lässt. “Heavy” ist ein reifes Album, ein kunstvoller und kühner Entwurf über die Konfrontation mit einem Leben, das sich nicht alleine führen lässt.

Wertung: 82

Label: Columbia / Sony BMG

Referenzen: Blumfeld, Kante, Element of Crime, Die Sterne, Nils Koppruch, Sport

Links: Homepage, Myspace

VÖ: 25.09.2009


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