Tyondai BraxtonCentral Market

Ein Blick auf die Stichwortzettel von Zukunftsforschern genügt:  Interdisziplinarität als Arbeits- und Denkform steht ganz oben auf der Agenda, wenn es darum geht, neue Erkenntnisse zu schaffen. Denn längst sind die einfachen, erklärbaren Systeme und Weltbilder der Vergangenheit von einer hochkomplexen Verwobenheit abgelöst worden, die neue Herangehensweisen einfordert. Und auch in der Popkultur wandelt sich langsam das Selbstverständnis und öffnet neue Perspektiven.

Tyondai Braxton denkt bereits in offenen Systemen, kennt keine Demarkationlinien zwischen altehrwürdiger Klassik und hipstermäßiger Elektronik. Musik, das ist für den New Yorker ein Komponentensystem, aus dem man sich nach allen Regeln der Freizügigkeit bedient, um daraus neue Klangwelten zu erschaffen. Im Gegensatz zu seiner Sozialisation als Sohn eines Jazz Musikers (Anthony Braxton) legt er  aber wenig Wert auf das intuitive Zusammenspiel und den laxen Rahmen, den eine Improvisationssession bietet. Vielmehr sind Konzept und Konstruktion seine wichtigsten Paramenter und die lassen sich selbstredend auch auf seinem zweiten Solowerk wiederfinden. Berührungsängste mit unterschiedlichsten Genres wandelt er in kindlichen Entdeckergeist um – und die Unterscheidung zwischen „E“- und „U“-Musik kennt er sowieso nur als antiquierte Folie aus dem Geschichtsunterricht.

Entsprechend wild geht es auf „Central Market“ zu. Das Spiel mit den Variablen Loops, Stimme und Filter atmet Entdeckergeist. Tyondai schachtet Effekte, überführt Stimmen in Töne und Töne in Stimmen. Alles vibriert, alles lebt. Dieser  elektronische Unterbau bettet die Arrangements, die er für das Wordless Music Orchestra komponiert hat. „Opening Bell“ wummert mit sturem Puls, bevor sich Klavier, Pfeifen und Geräusche der Scharlatanerie schuldig machen. Der nachfolgende Übergang zur klassischen Geste ist ebenso klug wie exemplarisch für das komplette Werk: Als Einheit ersonnen, verschwimmen hier die Grenzen zwischen analog und digital, verlieren sich in einem nicht mehr nachzuhaltenden Gemisch aus Klängen – und das ihrer Klarheit und Struktur zum Trotz. Späterhin kitzeln Geigenparts am Gaumen, bevor sich nach der bewährten dramatischen Grundformel Zuspitzung und Katharsis umschlingen. Das ewigliche Spiel zwischen laut und leise, zwischen Aufgebehren und Ergeben nimmt seinen Lauf: Klavier, Oboe, dumpfe Blechbläser, Pauken rangeln miteinander – dazwischen E-Gitarren, Clownerie-Tröten und Beatbox-Gesänge. Das ruhelose und durchtriebene „Platinum Rows“ steht dabei als zehnminütiger Songmonolith im Zentrum, täuscht links an und zieht rechts vorbei –  ein schelmisches Vergnügen.

Als Mitglied der Math/Avantgarde-Truppe BATTLES ist Tyondai auch das Brachiale und Obskure nicht fremd: Zerschossene Prismen, gespenstische Walgesänge dringen in die serielle Dynamik des Klassischen ein und übernehmen zum Ende hin die Herrschaft. „J. City“ erinnert nicht nur aufgrund des Gesangs an die Machenschaften von „Trail Of Dead“, sondern auch in seinem Größenwahn: Stolpernde Strukturen, überdehnte Instrumentalisierung in einem möglichst abgefuckt-coolen Ambiente. Bei „Dead Strings“ würgt das Drumming die elektronischen Derwische (oder doch andersrum?), die Koordinaten verschieben sich bis hin zum Avantgardistischen –  das Oben, das Unten sind sowieso bereits zur Unkenntlichkeit verbogen. Auf neun kopflosen Minuten geht es derweil rund. Wohin? Das weiß wohl Tyondai selbst nicht. Das Ziel scheint ein wenig aus den Augen verloren – die stimmige Einheit ist längst zerborsten. Ein unversöhnliches, angestrengtes Ende. Jedoch zum Selbstzweck: Die Fratze als Betonung der gelungenen Symbiose des Anfangs.

Keine Frage, der letzte Ausflug zum Muckertum hätte nicht sein müssen – bereits vorher pflasterten genug Hinhörer Tyondais Weg.  Und auch die Stravinski-Adaptionen sowie die Orchesterleistung sind gewiss Ansprüchen von Klassik-Hörern nicht gewachsen – im Popkontext aber durchaus einmalig. Vielleicht ist daher die Frage nach der Qualität im Endeffekt auch gar nicht tragend und wichtig. Dass es hier einen Musiker gibt, der die nötigen Fäden zwischen Orchester und Laptop spannt und für den eine Vision nur dann gilt, wenn man sich wenigstens an ihrer Umsetzung abgearbeitet hat, ist bereits Glücksfall genug für die Musikwelt. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn  in Zukunft Mut statt Scheuklappen vorherrschten, wenn der Dialog und das Experiment als künstlerische Position in den medialen und kommerziellen Vordergrund rücken würde. „Central Market“ ist deswegen auch ein durch und durch pädagogisches Werk im Zwischenraum zwischen Klassik und digitaler Klangproduktion . Dies hier will keine „Neue Musik“ sein, zeichnet aber einen gangbaren Weg für die Zukunft vor, will Musik wieder neue Relevanz laden.

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Label: Warp

Referenzen: Battles, Trail Of Dead, Stravinsky, Avalanches, Zach Hill, Gang Gang Dance

Links: MySpace

VÖ: 18.09.2009

2 Kommentare zu “Rezension: Tyondai Braxton – Central Market”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Glückwunsch, Markus. Schon zum zweiten Mal heute;)

  2. […] offenen Systemen, das insbesondere solch artverwandte Größen wie John Zorn, Mike Patton oder auch Tyondai Braxton (Battles) eindrucksvoll vorleben, steht auch hier im Zentrum, wenngleich sich Extra Life zuweilen […]

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