Plattenkritiken


Rezension: Woods – Songs Of Shame

Rezension: Woods - Songs Of Shame

Freakfolk ist tot, Antifolk sowieso. Gut so, denn mit solch abgedroschenen Kategorien könnte man dem, was hier veranstaltet wird doch eh niemals gerecht werden. Zwar tragen Jeremy Earl und Jarvis Taveniere den obligatorischen Wald sogar im Bandnamen und auch an der nötigen Versponnenheit mangelt es den beiden nicht, Räucherstäbchen, Stirnbänder und ähnliche Ungehörigkeiten kann man aber trotz einem gelegentlichen Hang zur Psychedelik beruhigt ganz unten im Giftschrank liegen lassen.

Wenn man überhaupt vergleichen will, dann noch am ehesten mit der Lo-Fi-Bewegung der frühen und mittleren 90er beziehungsweise deren heutigen Wiedergängern. Auch hier ist das bevorzugte Aufnahmegerät der Kassettenrecorder im heimischen Schlafzimmer und Stücke enden gerne einmal in Katzengejaule oder versuchen sich in schrottigen Black Metal-Interpretationen.

„Songs Of Shame“ ist bereits das dritte (oder war es das vierte) Album, das die beiden unter dem Namen Woods veröffentlichen, allerdings das erste, dem via Pitchfork und Co etwas größere Aufmerksamkeit zukommt. Und es verhält sich trotz leicht erkennbarem Trend zur allmählichen Läuterung immer noch wie ein außer Kontrolle geratenes Pfadfinderlager, auf dem die Wandergitarren zu gequälten J Mascis- und Crazy Horse-Abenteuerlichkeiten missbraucht werden, während Gruppenleiter Jeremy Earl dazu den bekifften Neil Young gibt. Überraschungsmomente und Ausschreitungen wie den fast zehn Minuten lang lodernden Psych-Folk-Jam „September With Pete“, der klingt als hätte jemand die gesamte Wochenration Whiskey aus Versehen über dem Lagerfeuer verschüttet, sind da natürlich unvermeidbar.

Bei allem Sinn für Abwegigkeiten bewahren sich Woods aber im Gegensatz zum Großteil ihrer Schratkollegen stets die nötige Tiefe und Ernsthaftigkeit sowie einen Sinn für großartige Popsongs. So bilden Verlust und Entfremdung die Themen einer durchgehend melancholisch angehauchten Platte, die sich im Graham Nash-Cover „Military Madness“ sogar zaghaft an so etwas wie (man mag das Wort ja heutzutage kaum noch ausschreiben) Gesellschaftskritik versucht und die mit „To Clean“ oder „Gypsy Hand“ Lieder zu bieten hat, die wohl auch The Decemberists oder Belle And Sebastian gerne geschrieben hätten, um sie dann auf weiche Kissen aus allerhand Streichern und Bläsern zu betten. Den Beweis dafür, dass es dieser Schutzmaßnahmen gar nicht benötigt, liefert „Songs Of Shame“ ein aufs andere mal und findet seinen Höhepunkt schließlich im zutiefst sehnsuchtsvoll eingesungenem und von der verträumten Quengelgitarre getriebenen „Rain On“, einem der traurigsten und besten Songs des laufenden Jahres.

Er lohnt sich also, der Ausflug in diese höchst wundersamen Gebiete des Waldes, auch wenn dabei natürlich nicht dafür garantiert werden kann, jemals wieder hinauszufinden. Die beiden Vorgängeralben „At Rear House“ und „How To Survive In The Woods“ sind übrigens mindestens genauso empfehlenswert.

Wertung: 80

Label: Woodsist / Shrimper

Referenzen: Smog, The Mountain Goats, Neil Young, Cocorosie, Devendra Banhart, The Pica Beats, Mount Eerie

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 14.04.2009 (US)


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2 Kommentare zu “Rezension: Woods – Songs Of Shame”

  1. [...] die zum Major gewechselten Crystal Castles, die zerschossenen Sleigh Bells und die ganz formidablen Woods, die quasi im Jahrestakt schon wieder ein neues Werk am Start haben. “Long Distance” [...]

  2. [...] größeren Publikum dürften Woods aus New York erst seit ihrer letztjährigen Großtat „Songs of Shame“ bekannt sein. Mit einer fein austarierten Mischung aus schleppendem Folkrock und simplem [...]

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