Chris GarneauEl Radio

Die Wunder der Natur sind niemals aufdringlich. Erst bei genauerer Bertrachtung lassen sich etwa die vielen grazilen Verästelungen und Details eines Blattes entdecken. Dieser scheinbaren Genügsamkeit, die Schönheit nie zum Selbstzweck verkommen lässt, ist es wohl zu verdanken, dass Natürlichlichkeit, gar nicht im hippiesken Sinne, im Schaffen des Menschen als Idealbild gilt und er sich der Natur, wie zum Beispiel zur Zeit des Jugendstils, immer wieder gerne bedient.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Musik Chris Garneaus, denn zwar ist auch diese im höchsten Grade verschnörkelt und verspielt, dabei jedoch nie auf den großen Effekt aus. Erst hinter die bewusst zurückhaltende Fassade geblickt, lassen sich in der Zerbrechlichkeit seines Klavierspiels und dem von Zweifeln durchtriebenen Falsett des Protagonisten große Momente voll verzaubernder Intimität finden.

Aber genug der Süßholzraspelei und zu „El Radio“, dem neuen Album des jungen Herren: Auch dieses beinhaltet wieder zahlreiche dieser pittoresken Songkleinode, die schon sein 2007er Debüt „Music For Tourists“ zum nicht mehr ganz so gut gehütetem Geheimniss aller Berufs- und Hobbymelancholiker machten. Dem bei derart kunstfertiger und zurückgezogener Musik in letzter Zeit oft erhobenen Vorwurf der (Neo-)Bürgerlichkeit entgeht Chris Garneau dabei vor allem durch den androgynen ewig mit dem Leben hadernden Ausdruck seiner Stimme und der Bitterkeit, die seinen verworrenen Texten meistens innewohnt. „Let Them Be Buried, Buried Alive. In Their Suits, In Their Ties“ heißt es beispielsweise in „Dirty Night Clowns“, das, nachdem das Album durch ein wunderbar wehmütiges Akkordeon in „The Leaving Song“ eröffnet wurde, mit seinem klappernden Drumbeat und operettenhaften Streichern ein erstes I-Tüpfelchen auf Garneaus Kammer-Pop setzt. Ähnlich gestrickt ist auch „Fireflies“, das zu hüpfendem Piano von einer äußerst seltsamen Freundschaft zu berichten weiß. Dieselbe Pianomelodie wird in „Les Lucioles En Re Mineur“ dann noch einmal aufgegriffen um zu belegen, dass Chris Garneau eben nicht nur Elliott Smith und Cat Power sondern auch Erik Satie und Claude Debussy verinnerlicht hat. Den Spagat zwischen Songwriter und Komponisten weiß er dabei ziemlich genau auszuspielen, nur um sich im Ernstfall doch immer wieder für ersteren zu entscheiden. So ist „No More Pirates“ mit seiner feierlichen Trompete ein schönes Beispiel für clever orchestrierte Popmusik und so könnte „Hometown Girls“ breitbeiniger und mit etwas mehr und Pathos eingesungen nicht nur dank Mundharmonika glatt als waschechte „Fotohandy-Feuerzeug-Ballade“ durchgehen. Im Titel dieses Songs offenbart sich übrigens auch der Umstand, dass das Album zuallererst den Frauen im Leben des schwulen Chris Garneaus gewidmet ist und sich seine Schwermut so angenehmerweise vom üblichen Liebesleid und Trennungsschmerz vieler seiner Kollegen abhebt.

Die Krux jedoch, die „El Radio“  ein wenig innewohnt, ist eine andere. Zwischen all den brillanten Momenten und  unverkennbarem immer wieder aufblitzendem Talent scheint es nämlich manchmal so, als seien dem Künstler schlicht und einfach die Ideen ausgegangen. Dann klingt er eher müde als verzweifelt und es entsteht solch uninspiriertes Füllmaterial wie „Raw And Awake“, in dem Sänger und Gitarre über die ersten zwei Minuten wirklich nur wie ein mittelmäßiges Elliott Smith-Double am Lagerfeuer klingen.  Auch „Cats And Kids“ kann sich, wie überhaupt weite Teile der zweiten Hälfte, trotz Spieluhrverstärkung einer gewissen Schlafmützigkeit nicht verwehren. Vielleicht wären ein paar Lieder weniger sinnvoll gewesen, vielleicht liegt es auch nur am Fluch der zweiten Geburt, dass man kleine Fehltritte hier weniger verzeiht als noch auf „Music For Tourists“. Am Ende bleibt „El Radio“ dann zwar vor allem ein schönes Album, aber leider auch ein bisschen vertane Chance, bedenkt man einmal, dass in den allerbesten Momenten allein die Präsenz von Garneaus Stimme in all ihrer Verletzlichkeit den Atem  gehörig stocken lassen kann.

70

Label: Absolutely Kosher / Fargo

Referenzen: Sufjan Stevens, Scott Matthew, Antony & The Johnsons, Elliott Smith, Rufus Wainwright, Peter Broderick

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 07.07.2009 (US)

3 Kommentare zu “Review: Chris Garneau – El Radio”

  1. j. sagt:

    schlafmützigkeit?
    ich halte ihn für den besten track des albums.

  2. Bastian sagt:

    gerade nochmal gehört. nein, wirklich einschläfernd, das lied. es fehlt sowas wie relief oder baby’s romance.

  3. Sven sagt:

    Nicht einschläfernd. Nach wie vor ‚Musik zum Ende von Beziehungen‘ – dieser Song erstrecht. Das ganze Album find ich dann doch wieder ziemlich gut.

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