jarviscockerGut dreißig Jahre mussten nach der Geburt von Pulp ins Land streichen, bevor Jarvis Cocker irgendwann die ganz große Lust überkommen sollte, seine traditionell scharfsinnigen, beißenden „Schlußfolgerungen“ auch mal mitsamt üppiger Portion dreckigen Rocks an die wackeligen, maroden Mauern der Jetztzeit zu klatschen. Mit wieviel Enthusiasmus dabei zu Werke gegangen werden kann, verdeutlicht schon allein das Front-Cover von „Further Complications“: Der inzwischen Mittvierziger in schiefliegender Position, den Kopf spitzbübisch in die Ecke gepresst, die Augen hinter den Brillengläsern fordernd aufgerissen. Jede Menge Mätzchen. Die pure Lust am Leben also, seit jeher, versteht sich: „In the beginning there was nothing & to be honest, that suited me just fine, I was three weeks late coming out of the womb in no great rush to join the rest of Mankind.“

Es bedarf keines Jahre andauernden Geschichtskurses oder gar des Förderunterrichts in Erdkunde, um festzustellen, dass es einen nach Chicago verschlagen hat, genauer gesagt in die analogen Weiten des Electrical Audios;  Steve Albini und Jarvis Cocker, zwei Persönlichkeiten unterschiedlichster Natur und Herkunft, haben nach jahrzentelangem Nebenher auf dem letztjährigen Pitchfork Festival beidseitig auf erste Annäherungsversuche äußerst positiv reagiert. Der gegenseitige Respekt, sicherlich nicht nur vor dem musikalischen Schaffen des jeweils Gegenüberstehenden, stand zu keiner Zeit im Wege, sondern verhalf vielmehr zu prachtvollen, ungeahnten – und wie immer natürlich vollends ernst zu nehmenden – Schandtaten, die auch ein Andrew Falkous in seinen McLusky-Blütezeiten nicht besser hätte formulieren können: „You find a good woman & then you fuck her till your hair falls out“ knallt es einem in „Caucasion Blues“ ungewohnt rau und ungebremst um die Ohren. Und auch wenn gegen Ende der ersten Halbzeit („Leftovers“, „I never said I was deep“)  das Tempo ein wenig aus dem Spiel genommen wird und auch die Bläser ihren Auftritt bekommen, ja, danach sogar mit „Homewrecker“ eine luepenreine Saxophon-Nummer zum Zug kommt, täuscht das nicht über den Grundtenor der Platte hinweg: Der Titeltrack, „Angela“, „Pilchard“ oder das bereits erwähnte „Caucasion Blues“ ziehen allesamt den eindeutigen Geruch von altem Motorenöl  hinter sich her. Die Albini „Produktion“ tut ihr übriges, längst sind Shellac viel näher als Pulp. Und den schmutzigen „Fuckingsong“ haben wir ja noch gar nicht aufs Feld geschickt…

Natürlich sind die Fußspuren anderer Inselbewohner stets im Sand zu erkennen, können der Begeisterung des subjektiv empfundenen Neuen und vor allem der Lust auf dieses Abenteuer aber nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Jarvis Cocker geht vehementen Schrittes seinen Weg und gewährt all seinen Sehnsüchten voller Inbrunst den nötigen Freiraum, zumindest für dieses eine Mal: „A snowstorm every time I shake my head. But that day is not tonight & if we keep moving – dancing tight – They might never catch us“ heißt es zum Ende des auch in einer Strandbar sicher gut aufgehobenen „You’re In My Eyes (Discosong)“. Doch wie so häufig im Leben bringt das Schöne auch immer die Angst des Verlustes mit sich, selbst in den größten Trubelzeiten: „I don’t want to lose you again“ pfeift es am Ende beinahe per Endlosschleife durch den Wind. Der Trip ist vorbei, der Blick für die reale Welt zurück. Die Eindrücke aber bleiben.

7.7 / 10

Label: Rough Trade / Beggars / Indigo

Referenzen: Shellac, Pulp, The Divine Comedy, Richard Hawley, McLusky, Future Of The Left

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 15.05.2009

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