crystal-antlersEs gibt noch Hoffnung

Mit Rock, also dem richtigender 60er und 70er mit langen Haaren, Blut, Schweiß und dem ganzen Zeug, ist das ja so eine Sache, schon seit Ewigkeiten totgesagt erlebt er nun in ziemlich regelmäßigen Abständen seine Revivals, deren Protagonisten dann aber selten mehr zu bieten haben als das ewige Wiederaufwärmen alter Posen. Nur ganz selten kommt es vor, dass es einem Grüppchen von Jungmännern tatsächlich gelingt dem alten Ungetüm noch einmal glaubhaft neue Lebensgeister einzuhauchen. In den 90ern wären da Motorpsycho besonders hervorzuheben, in den auslaufenden 00er Jahren vielleicht …Trail Of Dead und auch für das nun kommende Jahrzehnt gibt es jetzt berechtigte Hoffnung auf eine Band die bereit ist und das Zeug dazu hat, diese Tradition fortzusetzen.

Nachdem ihre Debüt-EP und das darauf vertretene schleimhautverätzende Gebräu aus Stooges, Prog, Psych und Brennspiritus im letzten Jahr einer kleinen weil selten hochenergetischen Offenbarung gleichkam, legen die Crystal Antlers nun ihren ersten Longplayer nach, der zugleich eine der letzten Veröffentlichungen des altehrwürdigen Touch & Go-Vertriebs darstellt. „Tentacles“ heißt das Ding und macht seinem Namen alle Ehre, denn es ist ein wahres Monster geworden, das hier wütet und zuckt und so ziemlich alles aus den letzten „50 Jahren Rock“ (Thomas Gottschalk) in einem reißenden Strudel vereint. Orgelgegniedel trifft auf Gitarrengegniedel, Bassist und Sänger Jonny Bell schreikrächzt mit jeder Menge Wut im Bauch, als wolle er den hin und wieder auftauchenden Blechbläsern Konkurrenz machen und das Schlagzeug trommelt sich gemeinsam mit den zusätzlichen Percussions in einen voodooähnlichen Trancezustand, auf dass es keinen Morgen mehr gäbe. In Zaum gehalten wird dieser ganze Zirkus lediglich von der wie üblich wirksamen Dröhnung aus Lärm und Feedback, die davon zeugt, dass diese Sechs ihre Hausaufgaben auch in Sachen Postpunk und Noiserock  gemacht zu haben scheinen, eine ganz und gar beeindruckende Lektion Rockgeschichte also.

Das beste an dieser rund 40 minütigen Abfahrt ist jedoch die Tatsache, dass die Crystal Antlers die berüchtigte Mars Volta-Falle umgehen und es ihnen größtenteils gelingt, ihre Spielwut und Ideenvielfalt in die richtigen Bahnen zu lenken. So bleibt die Band bei aller Liebe zu ausuferndem 70er Jahre-Rocksdekadenzen doch immer catchy und stets auf den Punkt, sodass sich nach einiger Zeit echte Hits aus diesem wilden Tohuwabohu  herausschälen. Der mit kreischenden Gitarren gen Wahnsinn groovende Titeltrack oder die soulgetränkte  Fastballade „Andrew“  wären hier besonders hervorzuheben. Und auch wenn das Songwriting an anderen Stellen dann vielleicht doch noch etwas zu wünschen übrig lässt, dürfte wohl allein die unbändige Energie der Antlers  in Zukunft dafür sorgen, den Patienten Rock  noch  ein paar weitere Jahre am Leben zu erhalten. Er wird es ihnen danken.

7.7 / 10

Label:Touch & Go (Soulfood)

Referenzen: Motorpsycho, The Stooges, MC5, The Jimi Hendrix Experience, The Mars Volta

Links: MySpace

VÖ: 11.04.2009

Ein Kommentar zu “Review: Crystal Antlers – Tentacles”

  1. Malinka sagt:

    ja! ja! ja!
    was für eine super rezension!
    trifft genau das, was es ist, ein ungetümes, verspieltes Monster!

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