Plattenkritiken


Review: The Thermals – Now We Can See

thermalsEin Blick auf den Veröffentlichungstermin des letzten, bis dato erfolgreichsten Longplayers der Thermals, “The Body, The Blood, The Machine”, verrät, dass die Arbeit an dem neuen, inzwischen vierten Werk ziemlich viel Zeit verschlissen hat. Umgerechnet in etwa so viel wie Hutch und Kathy für die gesamten ersten drei Alben benötigten. Zugegeben, ausgiebige Tourneen, der Abschied von Sub Pop und die damit einhergehende Suche nach einem neuen Label, ja, auch der inzwischen routinemäßige Wechsel an den Drums, all das hat Kraft und Nerven gekostet. Und dennoch: Irgendwie keimt hier der Verdacht, die Thermals hätten nach der Vielzahl von Liebesbekundungen Angst, ihr blütenweißes Image könne sich in ein leichtes Grau verfärben, sofern die hoch gesteckten Erwartungen des Rezipienten nicht restlos erfüllt würden. So macht sich Hutch über einen langen Zeitraum immer wieder auf die Suche, um vermeintliche Schwachstellen auszubügeln – das leicht flaue Gefühl in der Magengegend resultiert in der Scheu, das Baby endlich von der Nabelschnur zu trennen. Insbesondere im Vergleich mit den ersten beiden Low Budget-Werken läuft “Now We Can See” folglich unter der Marschroute “Perfektion vs. Spontaneität” oder – auf Klangebene übertragen – unter “Hi-Fi” vs. “Lo-Fi”. Trotz dieser differierenden Herangehensweise gelingt es der Band auch anno 2009, beinahe allem gerecht zu werden.

Thematisch knüpft “Now We Can See” nahtlos an den Vorgänger an, lässt sich dabei aber nicht so leicht in die politische Ecke drängen. Nachdem am Ende von “The Body, The Blood, The Machine” alles in Schutt und Asche zerlegt wurde, steht nun zwingend logisch der Tod im Vordergrund. Der Opener “When I died” gibt bereits mit den ersten Zeilen die Richtung vor: “The earth was too hot / The air was too thin / I took off my clothes / I took off my skin / I crawled to the sea / That was calling for me / So I could swim / Yeah, so I could swim.” Es ist wieder einmal die ganz große Gabe des Hutch Harris,  bitterböse, gesellschafts- und vor allem gattungskritische Texte in einen zarten Blätterteigmantel einzurollen und dabei so geschickt zu verstecken, dass die Adressaten dieser Kritik vor lauter Heißhunger gar nicht bemerken, was für einen tiefgründigen Brocken sie da gerade konsumieren. Es spricht für einen Sympathen wie Hutch, sich dieser Kritik selbst aber gar nicht entziehen zu wollen, sondern diese in Form zahlreicher vor Freude strotzender “Whoos” mit einer ordentlichen Portion Selbstironie zu garnieren. Überhaupt lässt einen “Now We Can See” wieder einmal durchweg die Lust verspüren, freudig und laut mitzugröhlen. Ob “Liquid In, Liquid Out”, das oben schon erwähnte “When I Died”, “I Let It Go”, der Titeltrack oder “When We Were Alive” – einzelne Highlights zu nennen ist inmitten dieser Hitdichte schlicht nicht möglich.

So haben die Thermals ihre perfekte Pop-Platte geschrieben, dabei aber einige Kompromisse in Kauf nehmen müssen. Die druckvollen Drums des Vorgängers, der “Küchenflair” erster Tage, der Geschwindigkeitsrausch von “Fuckin A” und auch die kleinen Fehler hier und da sind auf der Strecke geblieben. Perfektion fordert halt seinen Preis. Dennoch reiht sich “Now We Can See” würdig und erhaben in die bandinterne Diskographie ein und zeichnet sich vor allem durch seine Geschlossenheit aus. Demnächst darf es dann gern auch wieder ein wenig mehr kratzen und rumpeln.

7.7 / 10

Label: Kill Rock Stars (Cargo)

Referenzen: Hutch And Kathy, Oxford Collpase, Titus Andronicus, Beat Happening, Guided By Voices, Modern Lovers, Pavement, Les Savy Fav, Spoon, The Hold Steady, Japandroids

Links: MySpace, Homepage

VÖ: 03.04.2009


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3 Kommentare zu “Review: The Thermals – Now We Can See”

  1. florian sagt:

    gelungener text, pasi. erfrischend unfanboyig ;)

  2. Bastian sagt:

    jepp, das mit dem Blätterteig ist super. ich bekomm gerad hunger…

  3. Cowboy sagt:

    … seit heute auch endlich in meinem Besitz… tolle Scheibe!

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