Plattenkritiken


Review: Bibio – Vignetting The Compost

bibiovignettingNicht einmal Ratlosigkeit bleibt von diesem Album. Es begnügt sich mit purer Anwesenheit und ist dabei in seiner selbstzufriedenen Machart kein bisschen arrogant. „Vignetting The Compost“ ist einfach da und stört nicht. Es passt immer, ist überaus zuvorkommend, hat für jeden Tag und jeden Geschmack passende bedürfnisstillende Produkte im Angebot. Das macht es zu einer universalistischen Sache, zu einem herrlichen Rundumschlag, der aber nicht weiter auffallen will. Dieser Sonderbarkeit fiel auch jegliche Aufmerksamkeit zum Opfer: Bibio werden mit medialer Missachtung und amazon-Verkaufsrang #139.851 gestraft. Warum eigentlich?

An der Zugänglichkeit kann es nicht liegen, zwar leiern die Songs als ob sie das bereits vierzig Jahre tun, aber im Grenzbereich zwischen Fingerpicking-Folk und lädierten Geräuschen ist das genau die richtige. Das lichte, drollig wuselnde “Weekend Wildfire” ist das Paradestück für die eingängige Ader des kauzigen Steven Wilkinson, der sich als Person fast vollständig aus dem Rampenlicht subtrahiert. Auch das hochmelodiöse „Dopplerton“ schafft es mit einem ganz simplen Gitarrenmotiv und zugefächerten Details das kreative Werkeln auf den Punkt zu schnitzen: Meist ist es nur eine einzige Idee, ein einziger Sound, der entweder in Schlaufen gelegt wird oder episch mit der digitalen Teigrolle ausgebreitet wird. Wenn es dann noch zu Melodien oder Gesang reicht, ist der Optionalbereich erreicht. „Great Are The Piths“ schafft das spielend mit hippieskem Folkpop und hymnischen Vocals, der Opener „Flesh Rots, Pip Sown“ kommt gar mit seinen knarzigen Quetschungen und Vogelgezwitscher besonders naturnah daher – das Gitarrenmotiv gibt dieser psychedelischen Schaubude nur den letzten Drall. Ein Track, der der humanistischen Theorie nahe kommt: auf das Menschsein konzentriert, mit Würde und Güte eingespielt und aus dem Vollen schöpfend.

Viele Songs sind Momentaufnahmen, Schnellschüsse und entbehren großgestrickten Arrangements, verlieren sich mitunter gar in minimalistischer Erleuchtung. Aber spätestens ein paar Tracks später ist die Strukturfreiheit wieder im Staub versunken und das Songwritertum triumphiert wieder. So schafft es der Engländer Bibio, die Ästhetik zumeist amerikanischen Landschaften zu entlehnen, am Laptop eine Zusatzgeräuschkulisse zu kreieren und so der Zeitlosigkeit eine Fassung in Tönen zu geben. Kontemplativ, gewiss, aber trotz diverser Effekte herrlich vielfältig, unverfälscht und geerdet. Ein bester Freund, der das Harmoniegefühl und die innere Ruhe über Komplexität stellt und wabernde Ahnungen als melancholische Träumereien verpacken kann. Wenn sich am Ende dann die akustischen Blenden zerdehnen, ist das ein federsanfter Ambient-Ausklang. Ebenso meditativ wie beglückend.

Nachtrag: Nach Fertigstellung dieser Review wurde bekannt, dass Bibio inzwischen bei Warp-Records gesignt ist. Dem nächsten Album (erscheint bereits im Sommer!) dürfte somit eine größere Aufmerksamkeit zuteil werden – wobei auch das jetzige Label, Mush Records, eine hervorragende Anlaufstelle für tolle Musik ist.

7.7 / 10

Label: Mush

Referenzen: Caribou, Dosh, Efterklang, Jeff Buckley, Helios, Amerikanischer Folk

Links: MySpace, Mush Records

VÖ: 06.02.2009

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