Plattenkritiken


Review: John Zorn – The Crucible

john-zorn_crucibleDas vierte Album, das Zorn mit Patton, Baron und Dunn aufgenommen hat (dem sog. „Moonchild Trio“), ist wieder einmal ein Werk der Extreme – irgendwo zwischen Jazz, Improvisation, Noise und Avantgarde.  Ein aufgeschlossenes Hörverhalten ist  Grundvoraussetzung, um sich diesen Tönen zu nähern. Wer frühere Veröffentlichungen von Zorn mit dem Moonchild Trio kennt, wird wissen worauf er sich hier einlässt. Zwischen den Polen Genialität und Wahnsinn, Himmel und Hölle, Freude und Zorn spielt sich alles ab. Und das Pendel schlägt weit schneller als im Sekundentakt.

Zerfahrener als ein Eichhörnchen, das auf der A3 unter die Räder kam und in seinen letzten Sekunden aus authentischer Ich-Perspektive berichtet, eröffnet „Almadel“ den Wahnsinn; Pattons Stimme überschlägt sich förmlich zwischen Kreischen, Grunzen und Stöhnen. Daneben steht gleichberechtigt Zorns Saxophon, die beiden treiben sich gegenseitig an bis zum völligen Zusammenbruch. Das Gesamtbild der Musik wirkt trotz des Improvisationscharakters immer strukturiert und verschleppt sich nicht in endlos wiederholende Passagen, sondern schlägt an jeder möglichen Stelle einen Haken, dem problemlos gefolgt werden kann. Dabei entsteht zwischen der Musik und dem Hörer eine wunderbare Spannung, die sich immer wieder löst und neu aufbaut.

Wirklich herausstechend aus dem musikalischen Nährboden ist nur „9×9“, das durch den Gastauftritt Ribots mit dem Hardrock anbändelt, da das erste Mal die Gitarre gleichberechtigt neben Stimme und Saxophon tritt, allerdings am Ende doch wieder in das gemeinsame Ziel einläuft, das alle Stücke verfolgen: den totalen Kollaps. Es gibt keine Schwierigkeiten der Musik an irgendeiner Stelle zu folgen, sie entgleitet einem nie vollkommen, doch bleibt das thematische Konzept, an dem sich die Platte vielleicht versucht, unklar. „The Cruicible“ könnte auf ein gleichnamiges Drama von Arthur Miller hindeuten oder auf eine Romantrilogie von Sara Douglass. Daneben finden sich im Booklet vier Zitate von Nietzsche, Pessoa, Crowley und Artaud; und was es mit den „incantations“ [frei übersetzt Zaubersprüche] aus dem Necronomicon auf sich hat, die scheinbar einen Kern der „Texte“ ausmachen, darf ebenfalls frei assoziiert werden. Alleine durch diese vielen Querverweise wird deutlich, in wieviele unterschiedliche Richtungen diese Platte zu lenken vermag. Definitv bewusstseinserweiternd und eine der interessantesten Veröffentlichungen des Jahres.

7.7 / 10

Label: Tzadik/ SunnyMoon

Referenzen: Painkiller, Fantomas, Naked City

Links: Tzadik, MySpace

VÖ: 30.01.2009


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4 Kommentare zu “Review: John Zorn – The Crucible”

  1. Raventhird sagt:

    Oh… sehr geil. Hatte ich gar nicht auf dem Schirm, diese Platte. Werde ich aber schnellstens nachholen, John Zorn ist schon seit langem einer meiner heimlich Favoriten. Aber mit Vocals? Kann ich mir erstmal gar nicht richtig vorstellen…

  2. Pascal sagt:

    @Raventhird: Naja, Vocals würde ich das ja nicht gerade nennen;)

  3. Björn sagt:

    Doch, doch… Das funktioniert gut. :)

  4. [...] radikale Denken in offenen Systemen, das insbesondere solch artverwandte Größen wie John Zorn, Mike Patton oder auch Tyondai Braxton (Battles) eindrucksvoll vorleben, steht auch hier im [...]

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