Lidell Live WalletSein Philosophiestudium war doch sowieso nur das Alibi, um die Hoffnung der Eltern auf eine geregelte Zukunft nicht im Handumdrehen ins Reich der Wunschträume zu exportieren. Hinter der beständig bröckelnden Fassade wurden stets andere Pläne geschmiedet, vorwiegend aus Tönen. Erst als DJ, dann als Produzent eigener Tracks. Analog zur eher konfektionierten Vorgabe der Unikarriere bestand Tim Exiles Nachtleben aus dem klassischen Korsett Drum’n’Bass. Irgendwann dann der Ausbruch: Er schmeißt sein Studium und erklärt die Geradlinigkeit zum Feind. Ab jetzt ist Tim Exile Popspinner. Und was für einer.

Mit seinem Debüt für Warp Records, der Multifunktionseinheit „Listening Tree“, betritt er die größere Bühne, die nicht groß genug sein kann für einen, der als Rampensau und Improvisationstalent in offenen Systemen denkt. Obamas Antrittsrede gab es im Live-MashUp, seine aktuelle Single „Family Galaxy“ spult den Irrsinn auf 45rpm. Was als sphärisches Flattern anfängt, wird von der Vergangenheit als Drum’n’Bass-Sozialisierter eingeholt. Zwischendurch passiert jedoch mehr als auf jedem zweiten Album von vorne bis hinten zu finden ist: Bockige Beats hinterlassen beim Versuch, dazu zu tanzen, x-Beine und ausgekugelte Arme. Wahnsinnige Richtungswechsel lassen selbst Serpentinen in den Alpen wie Autobahnen aussehen. Und dann ist da noch diese Steigerung. Über fünf Minuten geht es schamlos durch die halbe Elektrowelt, schaut beim Pop vorbei und umarmt dann in grellem Schein die Männer mit der Zwangsjacke. Kein Wunder, denn anders lässt sich dieser Mann nämlich nicht mehr stoppen.

Auch die restlichen Tracks liegen angenehm neben der Spur. Schon der lädierte Opener eiert herrlich unrund und „Carouselle“ ist so beängstigend, dass es nur allzu logisch erscheint, dass nebenan auf der Kirmes immer gleich die Geisterbahn ihren Spuk treibt. Tim croont derweil angestrengt weiter und gibt den großen Meister, den er aber stets in seiner Maschine findet. Nicht immer ist das gänzlich stimmig und durch den Konstruktivismus gehemmt, den möglichst hohen Coolness-Level durch attackierende Breaks, flusige Fransen und verzerrten Singsang zu erreichen. Und zwischen all dem Chaos stößt man immer wieder auf höchst seltsame Ruheräume. Der Titelsong „Listening Tree“ gemahnt an ein schattiges Plätzchen mitten im Getümmel – was auch drei Minuten prächtig funktioniert – bis, ja bis, die Langsamkeit sukzessive durch Beats und aufbrausendes Gehabe ersetzt wird. Hier ist eben kein Raum für Langeweile. Allerdings verdrängt diese Formelhaftigkeit im Aufbau spätestens nach der Hälfte des Albums etwas das Überraschungsmoment.

Dass er aber mehr kann als durchgeknallte Sicherungen und verhedderte Schlaufen, zeigt auf eindrucksvolle Weise „I Saw The Weak Hand Fall“. Ein düsterer, behutsamer Titel mit doppelten Böden in der typisch Exile’schen Ästhetik, die sowohl futuristisch anmutet und doch auf die synthetische Vergangenheit referiert. Depeche Mode oder Cabaret Voltaire stehen bei den Vocalparts Gewehr bei Fuß, die fast entmenschlicht übersteigert ins pathetisch Unangenehme rutschen. Aber nur fast. Denn Tim Exile lässt weder Romantik noch Verklärung zu und konzentriert sich auf das, was er kann: Auf laut, plakativ, energetisch, abwechslungsreich und unübersichtlich. Das genau sind die Trümpfe, die es hier auszuspielen gilt. Und unter diesem Gesichtspunkt ist „Listening Tree“ tatsächlich ein geschlossenes Album. In einer geschlossenen Abteilung.

7.7 / 10

Label: Warp

Spieldauer: 50:17 Min

Referenzen: Clark, Venetian Snares, Kid 606, Squarepusher, Telefon Tel Aviv

Links: MySpace

VÖ: 03.04.09

2 Kommentare zu “Review: Tim Exile – Listening Tree (2009)”

  1. Raventhird sagt:

    Danke :). Richtig guter Tipp, wieder einmal.

  2. Micha sagt:

    Tolle Rezension. Trifft ins Schwarze und findet genau die richtigen Worte. Hut ab!

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