Plattenkritiken


Review: Voltaire – Das letzte bisschen Etikette (2009)

voltaireMorgengrau

Auch drei Jahre nach ihrem unerwartet hochgradigen Debüt “Heute ist jeder Tag“ war es Voltaire nicht gegönnt, sich hinaus aus den Herzen gut informierter Fans deutschsprachiger Musik hinein in eine größere Fangemeinde zu spielen. Mit frischem Bassisten und einem Zweitwerk, das sich ungewohnt entzügelt und unkompliziert den Weg aus den Boxen sucht, könnte sich dem Quintett ein Weg fernab von unterbesuchten Kellerkonzerten eröffnen. Wie es die klaviergetriebene, offenherzige Single “Die gute Art“, die schon seit einigen Monaten erfolgreich die Vorfreude auf das Zweitwerk der Köln-Bonner schürt, vermuten ließ: Mit ihrem neuen Album ersetzen Voltaire das letzte bisschen Radiohead zwischen den Partituren durch Radiotauglichkeit und erhöhte Geradlinigkeit.

„Hast du dich oft gefragt warum die Welt ist wie sie ist, warum du jemanden vermisst, der dich im selben Moment vergisst?“. Hätte die schauerkalte Dusche im Prolog “Ganz normal“ auch in gewohnter Introvertiertheit auf “Heute ist jeder Tag“ überzeugt, folgt mit “So Still“ ein ehrlicher, weckender Klapps auf die Backe. „Warum bin ich so alleine, warum seid ihr so kühl, warum seid ihr so komisch, warum sagt keiner was er will?“. Roland Meyer de Voltaires glasklare Kopfstimme entpuppt sich erneut als großer Trumpf der Band . Und das Eis ist gebrochen. Die direkten Texte übermannen den Hörer mit einem hohen Maß an Persönlichkeit. Ist das nun viel zu flach, zu einfach, oder doch nur unglaublich warm und ehrlich? „Ich sag nur, was ich fühl!“. Stücke wie “Hier“ und “Wenn du gehst“ orientieren sich samt luftiger Melodieverliebtheit verstärkt an Coldplay oder I am Kloot und könnten Freunde verkopfter Arrangements eines “Heute“ oder “Flut“ zunächst Runzeln auf die Stirn treiben. Ist der erste Schreck des Liebhabers des Debüts erst einmal überwunden, erschließt sich “Das letzte bisschen Etikette“ schnell als kurzweilige, sprachgewandte Unterhaltung. Dennoch lassen “Was ich will“, das sich einige Schritte zu weit über die Kitschgrenze hinauswagt, “Sollichlassich“, das sich um den eigenen Verstand bluest, oder “Zu was“, welches vor lauter Endorphin seine lyrische Plätte kaschieren will, unvermeidbar Ernüchterung aufkommen. Mit “Das Haus das ich dir versprach“ lässt das Album in einer feinfühligen Lo-Fi-Ballade dann aber noch ein letztes Mal aufhorchen, kann die Befindlichkeit des Debüts letzten Endes aber nie ganz erreichen.

Und auch, wenn “Das letzte bisschen Etikette“ nach einer starken ersten Hälfte schnell die Substanz entrinnt, liefern Voltaire mit ihrem neuen Wagemut zur klaren Struktur ein solides Machwerk ab, das möglicherweise das ein oder andere Wohnzimmer mehr in nachdenkliche Apathie legen wird. „Alles Gute hat seine Zeit“.

6.3 / 10

Label: PIAS

Spieldauer: 43:30

Referenzen: Coldplay, I am Kloot, Jeff Buckley, Thom Yorke, Blumfeld, Klez.E

Links: MySpace

VÖ: 27.03.09


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