balmorheaErinnert sich noch jemand an den putzigen Walter? Der aus den „Wo ist Walter?“- Büchern. Ein lustiger Kauz mit Brille, immer schelmischem Grinsen und den rot-weißen Klamotten. Wie man als Kind nun Stunden vor diesem Buch verbracht hat und Walter im Dschungel gesucht hat… Und dann kam das Abschlussbild. Das Bild mit den Hunderten von Waltern. Es trieb einen fast in den Wahnsinn. Die Parallelen zu diesem Album sind mehr als augescheinlich. Unter tausend altbekannten Schemen gibt es doch immer einen Unterschied, etwas das bisher ungehört war, das sich entfalten und blühen muss. Und sobald einem der Gedanke durch den Kopf schießt, etwas Altbekanntes gefunden zu haben, offenbart sich ein neues Detail, was nicht zum Gesuchten passt, aber doch einfach wunderschön für sich ist. Da wäre zum Beispiel das Klavier am Ende von „Truth“, die wunderbare Feinfühligkeit von „Night In The Draw“ und immer wieder die treibende Kraft, der Strudel der Katharsis.

Balmorhea haben sich mit ihren ersten beiden Alben den Ruf einer „Folk-Ambient-Postrock“-Band erspielt und auf diesem Album tun sie nichts, um dem zu widersprechen, im Gegenteil: Die Vocals treten in den Hintergrund, wenn sie überhaupt auffallen; die meisten Stücke kommen sowieso ganz ohne aus. Die Stimme ist ein gleichberechtigtes Instrument unter vielen. Daneben gibt es wieder akustische Gitarren, Klavier, Streicher, Banjos und das postrocktypische Laut-Leise Spiel, jedoch wirkt dieses durch den Umstand, dass Balmorhea immer wieder unerwartete Richtungen einschlagen, deutlich abwechslungsreicher und frischer als bei so manchen Genre-Kollegen. Als eindrucksvolles Beispiel wäre das ekstatische Ende des Openers „Settler“ zu nennen, das fast schon leichtfüßig mit „clap hands“ daherkommt und so Assoziationen zur letzten Sigur Ros Platte hervorruft. Auch „Remembrance“ ist ein exzellenter Song, der dunkel mit Banjo, Gitarre und Streichern beginnt, bis sich im Hintergrund eine Stimme erhebt. Der Spannungsbogen nimmt seinen Lauf, Hektik liegt in der Luft wie ein Gewitter. Das Schlagzeug setzt ein und drückt die Kurve wieder nach unten. Das Banjo spielt fröhlich mit den Streichern, nimmt das Thema vom Songanfang wieder auf und der Song klingt dann kurze Zeit danach zufrieden aus. Kaum ein Album hat einen so widersprüchlichen und doch passenden Namen wie dieses. Es gibt keine Brüche mit dem Gefühl, Balmorhea spielen in ihrer ganz eigenen Welt auf. Sie fordern vom Hörer das Versprechen ein, dass er bedingungslos in diese Welt eintritt, sich konzentriert und auf diese Musik vollkommen einlässt, keine Fragen stellt und nicht nach hinten oder vorne schaut. Wer sich darauf nicht einlassen kann oder will, der sollte um diese Scheibe einen Bogen machen. Zudem ist dieses Werk sicher nicht die Erfindung des Rades, nicht selten überkommt einen das Gefühl, das alles doch schon irgendwoher zu kennen (ein rot-weißer Pulli) – jaja, diese verflixte Suche wieder…

Nach der dynamischeren, aber nicht minder guten Tour EP ist diese Platte wunderbar in sich geschlossen und geht den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Balmorhea legen mit ihrem dritten zugleich ihr vielleicht interessantestes und schönstes Werk vor, das immer dann großartig wird, wenn man glaubt, Walter gefunden zu haben.

7.3 / 10

Label: Western Vinyl

Spieldauer: 41:44

Referenzen: Mono, From Monument To Masses, Olafur Arnalds, The Appleseed Cast, Sigur Rós

Links: HomepageMySpace

VÖ: 10.03.09

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