circlesquareJeremy Shaw, der Kopf hinter Circlesquare, gönnt einem nur wenige Sekunden, schon reißt er Dich mit in den Strudel: „Wide awake pre-daybreak / Love it when the earth shakes / Hides how you just can’t sit still.“ Eine Platte, die ihre Genialität erst nach mehrmaliger Einnahme und den passenden Begleitumständen preisgeben will, beginnt. Von vornherein sei gesagt: Wer sich ob der brillant vorgetäuschten Monotonie von „Songs About Dancing And Drugs“ hinters Licht führen lässt, der möge dieses Album doch bitte auf seinem nächsten Trip einschmeißen. Es wäre nicht mal abwegig zu behaupten, dass es sich um das einzige mir bekannte Werk handelt, das selbst in Dortmund-Mengedes Bahnhofunterführung, traditionell durch vollgesprayte Wände, ziemlich grelles und gleichzeitig flackerndes Licht, umgeworfene Mülltonnen und lauter „Du Päna“- Schriftzüge gekennzeichnet, zu vollem Glanz erstrahlen kann. Das will was heißen.

Circlesquares neuer Longplayer entstammt aus so ausgefransten Seelen, dass es anfangs äußerst schwer fällt, diese Kälte, die es durchweg verkörpert, physisch auszuhalten. Erst kürzlich berichtete ein guter Freund, er habe sich die volle Dosis „Songs About Dancing And Drugs“ per Kopfhörer mit in seine Schlafstätte genommen, mit dem Ergebnis, nachts frierend aufzuwachen und das Fenster schließen zu wollen, da es ziemlich zog im Zimmer. Er traute seinen Augen nicht, als er beim Versuch das Fenster zu schließen, kläglich scheiterte. Es war gar nicht offen. Es ist fast so, als sei diese Platte nicht nur durch oder wahlweise unter Drogen entstanden, sondern würde die Folgen des Konsums real auf den Hörer übertragen. Die Spritze kann eigentlich nicht weit sein, möchte man meinen.

„Wide awake and abstract / Ideas blur with flashbacks / Today could be then or last week.“ Einmal in diesen Strudel geraten, gibt es kein Entkommen mehr. Die Zeit ist aus dem Spiel genommen. So ist es auch kein Wunder, dass nahezu alle acht Songs nicht den leisesten Drang verspüren, von den ersten Sekunden an alles preiszugeben. Ganz gemächlich kann so beispielsweise das großartige „Timely“ (natürlich, wie sollte es auch anders heißen?) minutenlang von simplen Handclaps und einer dezenten Gitarre langsam vor sich hindümpeln, bis es schlussendlich ganz heimlich und unbemerkt in von zahlreichen übereinander liegenden Schichten geprägten, höchst komplexen Struktur endet; von irgendwo her ist auch noch Jeremys vermeintlich völlig emotionslose Stimme zu vernehmen. Er wirkt gelangweilt. Auf den ersten Blick zumindest. Etwas detaillierter betrachtet, liegt der Verdacht nahe, dass hier eindrucksvoll der gefühlsarme Zustand eines Menschen beschrieben wird, der längst nicht mehr fähig ist, sowas wie Euphorie oder Trauer zu empfinden. Dafür ist es, so abstrus das in zeitlosen Sphären klingt, zu spät.

Der einzige Wille ist der nächste große Kick, das „eins werden“ mit der Musik, für mehr reicht der Blick in die Zukunft nicht aus. So findet die Platte stets zielstrebig den Weg zur nächsten Tanzfläche. Mit eisigem Tunnelblick kämpft sie sich durch und sucht die Erfüllung in leuchtenden Laserstrahlen, Nebelmaschinen und dem rhythmischen, rauschartigen Bewegen zur Musik inmitten der Gemeinschaft Gleichgesinnter, um sich für kurze Zeit aus der Isolation zu befreien („Now that everybody started to dance / Now we all dance“). Wenig später dann das erschöpfte Erwachen auf der Ladefläche eines Pick-Ups, die Lichter der Tanzfläche sind in Wirklichkeit längst die leuchtenden Sterne, für kurze Zeit herrscht Ruhe („And have you ever lay down / In the back of a pick-up truck? / In your home town / Driving around looking up“). Wie konsequent und hartnäckig Circlesquare ihren Weg gehen, zeigt das erneute Einsetzen eines stampfenden Beats, der nächste Zufluchtsort ist bereits gefunden. Ein beeindruckendes und realistisches Meisterwerk, mit einer anfangs nicht für möglich gehaltenden Hingabe und Liebe fürs Detail. Erst wenn der Zusammenhang der beiden Key-Words „Dancing“ und „Drugs“ verstanden ist, wird einem bewusst, wie ernst es diese Platte meint: „This is it / This is ours / Here we go!“

8.3 / 10

Label: !K7 (Alive)

Spieldauer: 53:38

Referenzen: Patrick Wolf, Junior Boys, Pole, Pantha Du Prince, The Whitest Boy Alive,  Leonard Cohen, The Juan MacLean, Hot Chip, Chloe

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 23.01.2009

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