Trail Of Dead sind wieder eine Rockband. Das ist die Konsequenz der Entwicklungen, die Konsequenz aus zig brachial zertrümmerten Gitarrenhälsen, wütenden Exzessen und dem Überwürfnis mit der Major-Plattenfirma, deren Erwartungen an die Verkaufszahlen nicht erfüllt wurden. Dabei hatten die Texaner alles richtig gemacht und das Label auch. Nach dem kantigen „Source, Tags And Codes“ wurde das Klangkleid sukzessive erweitert und den größenwahnsinnigen Ambitionen der Band angepasst. Die Alben schaufelten sich mit Heißhunger durch die Pop- und Rockgeschichte, verschlangen Beatles, Bowie, Emerson, Lake & Palmer, lachten über Led Zeppelin und Sonic Youth und pissten voll Übermut auf die Gräber all ihrer Konkurrenten. Zweieinhalb Alben lang waren sie die wagnerischen Könige der Rockwelt, überheblich und arrogant – die perfekte Inszenierung schauderhafter Genialität.

Mit ihrem neuen Album übernehmen sie wieder die volle Verantwortung, verließen die Umklammerung des großen Mutterschiffs und haben mit eigenem Label die Kontrolle über ihr Schaffen. Nun heißt es, Rückgrat zu beweisen und nach dem sich eher defensiv vortastenden EP-Vorboten anzugreifen. Eine neue Kompaktheit soll es richten, die „The Century Of Self“ mit eisernen Ketten umspannt.

In gewohnter Manier bündelt das Intro Aufmerksamkeit und generiert hier Spannung aus weißen Noise-Wolken, die in epischem Format heraufquellen und sich in kakophonischem Pathos bündeln. Aufgekratzt geht es weiter, ins Gewand von fast klassischem Rocksound gehüllt – nur die schwingenden Pianohämmer verraten schon früh, dass die instrumentale Variabilität erneut Einzug ins Schaffen der Band gehalten hat. Und spätestens zur Mitte des zweiten Songs sind sie wieder da: Die großformatige Choräle und lauten Gesten. Zwischen Aufgebehren und schalem Sich-Abfinden wandelt Conrad Keelys Stimme, die prägnant knödelt und immer einen Anflug von Mühsal in sich trägt. Ein ästhetisches Prinzip, was sich auch durchaus auf die Gitarrenarbeit übertragen lässt, die zwar verstärkt druckvoll agieren, aber konventioneller und antiquierter klingen als zuletzt.

Die Texaner wissen nach fünf Alben um gutes Songwriting, das den Hörer mit ständig überraschenden Wendungen beschäftigt.„Isis Unveiled“ ist ein Paradebeispiel für einen Track, der sich unter der Last der Ambition biegt, fast erstirbt und schließlich doch aufrührerisch endet. Das Konzept der Antipoden wird gerne ausgespielt und zeigt auch das musikalische Könnertum der Band. Verquere Kracheskapaden stören Balancen, schaukeln sich zu kruden Gitarrengewittern auf und jagen Songs samt Beautiful-Loser-Atmo quer durch die Wüsten der Welt. Das geschickt um den Amélie-Soundtrack herumgebastelte „Insatiable One“ und das postrockig aufbrausende „Bells Of Creation“ (wie „Inland Sea“ bereits auf der „Festival Thyme EP“) zeigen dabei die Pole auf, zwischen denen hier nach den Regeln der Kunst Momente der Intensität entstehen sollen. Aber zwischen Leiden, Verzweiflung und Sehnsucht bleibt dieses Mal kaum Platz für wahrhaft Ergreifendes oder Mitreißendes. Die ausgefeilte Dramaturgie sitzt, die begradigte, aber kontrastreiche Produktion, ebenso – und dennoch wirkt „The Century Of Self“ innerlich zermürbt. Eine kaum zu beschreibende Ambivalenz, denn Trail Of Dead hantieren mit denselben Zutaten ihrer großen Werke, die sie lediglich etwas ins Licht des Klassischen rücken.

Vielleicht ist es auch die Spur Selbstzufriedenheit, die sich hier als Abgeklärtheit äußert und das Album nicht so erschöpfend und berührend wie zuletzt klingen lässt. Einzig „Pictures Of An Only Child“ hat wieder diese Rasanz in den bedrohlichen Untertönen. Diesen angedeuteten doppelten Boden, der Verletzlichkeit letztendlich in Stärke verwandelt, der Angst und Unzufriedenheit nicht nur in eine Richtung ausdeutet. Eben den riesenradgroßen Vorteil, den die genialistischeren Vorgänger fast umfassend in allen Songs ausspielten und sie in gleißend transzendentes Licht tauchten.

Mehr noch: Die Schönheit, die aufbrausende Eleganz, das Geflecht aus Harmonie und Brüchen wurde entkräftet, so dass selbst die wirklich eingängigen Passagen fehlen. Die Hymenhaftigkeit ist einer neuen Reduktion gewichen, die man auch als neue Bescheidenheit kommentieren kann. So bleibt der Blick zurück ein etwas wehmütiger. „Madonna“ war leidenschaftlicher, Späteres vom Sound aktueller und die Ideenfülle lebendiger. „Well I know how the best will fall, And the rest will follow” heißt es auf einem ihrer furiosen Titel von “Worlds Apart”, ihrem weiterhin verschwenderischsten und einfallsreichsten Werk. Keine guten Aussichten.

6.3 / 10

Label: Richter Scale / Superball / SPV

Spieldauer: 41:22

Referenzen: Sonic Youth, Led Zeppelin, Motorpsycho, Soundtrack Of Our Lives, Cave In, Pavement, Emerson Lake & Palmer

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 20.02.09

14 Kommentare zu “Review: …Trail Of Dead – The Century Of Self”

  1. Philip sagt:

    Led Zeppelin? ;)

  2. Markus sagt:

    Wer muckt auf? Die Auswahl an Referenzbands ist selbstverfreilich reine Willkür. Man könnte die halbe Rockgeschichte hier kanonisch ordnen und posten. Die Einflüsse sind bei Trail Of Dead ja vielfältig.

    Bowie ist natürlich auch erstmal großer Quatsch, aber die Herangehensweise und Ambition ist dann der missing link. Wobei Bowie ja eigentlich immer abgefahrener, elektronischer und experimenteller war als Trail Of Dead es je sein werden.

  3. Sven sagt:

    Ich hänge noch zu sehr an deinem Wort.
    Da braucht nur 6.3 stehen und ich bin schon enttäuscht.
    Das ist falsch so! Ich finde es durchaus etwas besser als das. Insgesamt machen sie aber zu wenig aus ihren Möglichkeiten, wenn man die letzten beiden Alben betrachtet. Sie sollten wieder mehr Mist bauen und Drogen nehmen.

  4. Markus sagt:

    …wobei ich eigentlich die Show auch immer für völlig übertrieben fand. Drumkits und Gitarren zu zerstören hat leider nichts mit Coolness zu tun. Ich sag’s mit Danko Jones auf dem Visions Westend: „Stupid Motherfuckers“.

    Aber dennoch hast du völlig recht!

    Madonna [1999] 68%
    Source Tags & Codes [2002] 81%
    Worlds Apart [2005] 89%
    So Divided (2006) 72%
    Festival Thyme [EP, 2008] 59%
    The Century Of Self [2009] 63%

  5. Pascal sagt:

    Die wahre Wonne, er hat die Prozentzahlen schon verinnerlicht;)

  6. Rinko sagt:

    da freut sich der alki :P

    aber mal wieder schönes artwork.

  7. Markus sagt:

    Mal wieder? Fürs Angucken der „So Devided“ und besonders der „Festival Thyme“ sollte es Schmerzensgeld geben…

  8. Bastian sagt:

    Worlds Apart liegt auch in Sachen Hässlichkeit vorne.

  9. Sven sagt:

    Worlds Apart fand ich schon ziemlich hübsch. Wer das nicht mag, müsste auch das Fleet Foxes-Cover mies finden.

  10. Bastian sagt:

    Nee nee, zwischen dem Breughel und Conrad Keeley liegen Welten. Musik machen kann zweiterer jedenfalls eindeutig besser.

  11. Bastian sagt:

    erschreckend lahme platte. wär mir noch viel weniger wert gewesen.

  12. florian sagt:

    1-2 ganze punkte zu wenig.

  13. Sven sagt:

    Hab ich die letzten Tage unterwegs sehr viel gehört. Fanboy hin oder her – die ist deutlich besser, denk ich auch mittlerweile.

  14. […] neue Wege und Mittel findet zu überraschen. Nach dem eher schmalbrüstigen Übergangsalbum „The Century Of Self“ und dem monumentalen Irrsinn von „Tao Of The Dead“ finden sie zurück in die Spur, […]

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