Fire On FireThe Orchard

„Some like the distance.“

Wenn man sich als Kind schon für Musik interessiert hätte, dann wäre diese Platte sicher die perfekte Untermalung gewesen für Lagerfeuernächte und Nachmittage auf Wiesen im Sonnenschein. Musik wie sie Ende der Sechziger kaum anders gespielt worden wäre. Was zuerst an diesem Album dann trotzdem erstaunt, ist, dass es trotz des innewohnenden „Woodstock“-Zeitgeistes nicht antiquiert, sondern im Gegensatz zu manch anderem „Freak Folk“-Act sehr modern, frisch und neu klingt.
Vermutlich liegt es daran, dass sich die einzelnen Bandmitglieder schon seit geraumer Zeit kennen und in anderen Bandprojekten wie Big Blood zusammenspielten, deren Releases heutzutage allerdings nur noch unter größtem Aufwand zu bekommen sind. Ebenso gehen die Veröffentlichungen von Cerberus Shoal auf ihre Kappe, deren Musik irgendwo im Prog-Post-Experimentel-Punk beheimatet war. Wie in einem vollkommen natürlichen Prozess ist es dann dazu gekommen, dass die Band in akustische Gefilde vordrang. In der heutigen Formation spielen Fire On Fire nun seit 2004, als sie gleich mal ein gemeinsames Haus bezogen, zusammen. Was dann als Improvisieren in der Küche begann, nahm immer weitere Formen an und wurde später zu „The Orchard“, welches live im Wohnzimmer im Zeitraum 2005/2006 aufgenommen wurde.
Und genau dadurch gewinnt diese Platte: Die Atmosphäre der Musik ist sehr dicht und wunderbar homogen, man hört ihr zu jeder Zeit an, wie sehr die Band miteinander harmoniert. Immer wieder blicken Bluegrass, Folk, Gospel, Psychedelic und Soul um die Ecke und von irgendwoher winkt die Incredible String Band. Und auch wenn jedes Bandmitglied seinen Teil zu den Vocals beiträgt, ist es vor allem die Stimme von Colleen Kinsella, die für eine geschlossene und melodische Stimmung sorgt. So entwickelt „Squeeze Box“ eine tolle Dynamik und Dramatik, die einen sofort mitreist, jedoch nie aufdringlich wirkt. „Grin“ hingegen lehnt sich eher entspannt auf einem Floß zurück, während Kinsella einen umlullt: „Merry On, Merry On/ Oh Won’t You Please Carry On?“
An kaum einer Stelle geht man das Risiko eines Experiments ein. Doch vermutlich würde das auch der Leichtigkeit der Platte schaden. Wenn die Schwermut hereinbricht, dann meist durch die Texte wie in „Tsunami“ („What to do but turn away?“), aber selbst hier bleibt es eher bei der Andeutung. Die Percussion versteckt sich immer dezent im Hintergrund und lässt der Saite und dem Gesang den eingeforderten Freiraum. Die Atmosphäre entfaltet sich langsam und wirkt an jeder Stelle furchtbar einfach. Vor einem kreist längst das Bild eines schönen Spätsommers. Tanzende Blätter, Bäume, die im Wind schwingen, und das Gewitter, das hinter den Bergen wartet. Das sind Töne um ihrer selbst, um der Leidenschaft willen: „And if we tear this kingdom down/ let it be with a deserving and joyous sound.“
Diese Musik atmet Natur und kommt direkt aus dem tiefsten Wald, aber nicht etwa aus dem Märchenwald der Gebrüder Grimm, sondern aus dem „Walden“ von Thoreau. Und der forderte schon: „Simplicity! Simplicity! Simplicity!“

7.7 / 10

Label: Young God

Spieldauer: 62:22

Referenzen: The Incredible String Band, Fleet Foxes, Arborea, Fairport Convention, Vashti Bunyan, Pentangle

Links: MySpace, Young God

VÖ: 10.12.2008

Ein Kommentar zu “Review: Fire On Fire – The Orchard (2008)”

  1. Pascal sagt:

    So Björn, möchte Dich an dieser Stelle mal im Namen aller herzlich bei uns begrüßen! Die anderen fragen schon nach Dir…Album ist übrigens in der Tat sehr hörenswert.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum