Wir schlenderten eine ganze Weile durch die Straßen, bogen mal hier und mal da ab. Aber Richard hatte ja den Plan. Es ist wohl eines der Bilder, die sich sehr nachhaltig im Kopf festgesetzt haben: Während Women auf dem rechten Kopfhörer liefen und man gleichzeitig im linken Ohr die Gespräche der anderen oder die Geräusche der Straßen wahrnahm, ging der Blick durch die unbekannten Gassen Antwerpens, die immer wieder versuchten, das Licht der Laternen zu schlucken. Hätten Women in naher Zukunft die Absicht, ein Musikvideo zu drehen, es müsste genau in diesen Gassen wohl seine volle Entfaltung erlangen. Da es aber so schien, als hätten wir noch Zeit satt, kam der türkische Imbiss gerade recht.

Nebenbei nutzten wir die Gelegenheit und fragten den Besitzer, welchen Weg wir zu gehen hätten. Nach einem kurzen Blick auf die Karte war er sich sicher, dass es bis zum ersten Ziel, dem favorisierten Youth Hostel, nicht mehr weit war. Tatsächlich hatten wir die Adresse innerhalb von zehn Minuten gefunden, allerdings glich das von Google Maps als Schlafstätte identifizierte Gebäude eher einem Drogenumschlagsplatz als einem Youth Hostel, der tote Briefkasten war gleich im Eingang angebracht. Was soll’s? Laut Plan ist schließlich auch das nächste Hostel nur ein paar Schritte entfernt. Und das hatte immerhin 50 Bewertungen vorzuweisen, oho. Wo diese Bewertungen herkommen, ist mir nach wie vor schleierhaft.

So standen wir zu fünft vor einem dunklen Haus mit nur einer Klingel. Und welch Hohn, deutlich lesbar stand darauf geschrieben: Mustermann. Natürlich, vermutlich noch mit Max als Vornamen. Als hätte uns jemand absichtlich auf diesen Weg gebracht, um sich einen Spaß daraus zu machen, uns zuzusehen… So verstrichen die Stunden ohne zählbaren Erfolg, alle zehn Minuten erhielten wir die Info eines Passanten, es dauere ungefähr zwanzig Minuten zu Fuß bis zum Trix (der Club, in dem die Bands auftreten sollten!). Der Plan, noch vor Konzertbeginn einen adäquaten Schlafplatz zu finden, wurde erstmal ad acta gelegt.

Das Ganze glich einem kindlichen Fiebertraum. Du läufst und läufst und läufst, kommst nicht von der Stelle, die Straßen kommen Dir längst bekannt vor und die Zeit vergeht immer schneller. Etliche Kioskbesuche, wir mussten uns schließlich mit reichlich Sprit selbst immer wieder antreiben, zahlreiche Gespräche mit vermeintlichen Einheimischen und der Versuch, um acht Uhr ein Taxi zu bestellen (45 Minuten Wartezeit scheinen in Antwerpen nichts Besonderes zu sein!), alles erfolglos, bis wir dann endlich auf den richtigen Weg fanden. So tauchte es urplötzlich vor uns auf, das Trix.

Noch bevor wir die letzten Schritte gehen konnten, fielen dicke, wunderschöne Schneeflocken auf uns herab, ein Anblick, der bei allen ein entzücktes Lächeln im Gesicht hinterließ. (Sven: Ich bestand, zugegebenermaßen schon recht euphorisiert, darauf, dass der so ungewöhnlich pünktliche Schneefall nicht als Zufall verbucht würde. Es war für mich die Belohnung für die vorangegangenen Laufstunden über gefährliche Straßenbahnschienen und durch nicht annähernd so gefährliche Migrantenviertel.) Es konnte endlich losgehen! Von drinnen war noch keine Musik zu hören, wir hatten also nichts verpasst.

Der Laden gefiel schon auf den ersten Blick. Geschätzte 100 Leute versammelten sich in einem sehr fein eingerichteten Raum im ersten Stock, selbstverständlich mit Balkon. Äußerst luxuriös auch, dass wir alle unsere Taschen kostenlos an der Bar abgeben konnten. Ja, sogar das Bier war bezahlbar, 1,70 Euro kann man schon mal hinlegen. (Sven: Auch wenn mit 2 Euro etwas höher angesiedelt, stellten sich das blonde, sowie das braune Leffe als echtes Genießerbier heraus.)

Derweil kannte das Schneetreiben draußen kein Ende, einige von uns zog es für eine Weile auf den Balkon, die Stimmung hätte besser gar nicht sein können, die Vorfreude war deutlich zu spüren. (Sven: Der Raum füllte sich langsam mit mehr Leben, eine bunte Mischung von Leuten verschiedenen Alters, sympathisch befreit von jeder Indie-Arroganz, der man in Deutschland des Öfteren bei Konzerten dieser Art begegnet.) Es dauerte noch ungefähr 45 Minuten, bis Women die kleine Bühne gegenüber von der Bar betraten. Gespannt ging der Blick nach vorne. Matthew, seines Zeichens Bassist von Women und sofort an seinem Bart zu erkennen, positionierte sich in der Mitte und sorgte mit seinem selbstbewussten Spiel von Beginn an für reichlich Schwung.

Für eine noch so junge und unerfahrene Band wirkte der Auftritt verdammt reif, geschickt wurden immer wieder zwei aufeinanderfolgende Songs verknüpft, Pausen zum Klatschen gab es somit nur nach jedem zweiten Stück. Das Publikum hob sich den Beifall dafür aber geduldig auf und applaudierte lautstark. „Black Rice“ wurde noch in der ersten Hälfte des Sets platziert und ist natürlich sowas wie der Stimmungs-Anheizer, Songs wie „Shaking Hands“ oder „Upstairs“ wurden live eh wunderbar umgesetzt und auch die neuen Stücke der Band überzeugten auf ganzer Linie.

Nachdem die Band mit großem Applaus zu einer Zugabe aufgefordert wurde, erklangen die letzten Töne. (Sven: Auch für solche, die sich bis dato mit der Musik von Women noch nicht wirklich auseinandergesetzt hatten, war klar, dass die Jungs mehr als nur ein Geheimtipp sind.) Women räumten die Bühne nun für ihren „Ziehvater“ Chad vanGaalen, einer groß gewachsenen, imposanten Gestalt, die von der Ausstrahlung her ein wenig an den guten Stephen Malkmus erinnert. So langsam machte sich ein gewisses Kribbeln im Bauch bemerkbar. Nicht nur einmal ertappte ich mich dabei, leise „City Of Electric Lights“ vor mich hinzusummen. Es würde nicht mehr lange dauern…

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