Die Marktwirtschaft ist ein ziemlich komplexes System. Das zu durchschauen, überlassen wir lieber den Profis. Nur so viel: Das Prinzip von Angebot und Nachfrage steht im Mittelpunkt aller Verflechtungen. Und das gilt auch im Musikgeschäft. Ein Label kann eine Nachfrage zwar befeuern, aber nicht von Null auf generieren.

Man muss mit Seitenhieben gegenüber kulturfernen Schichten zwar vorsichtig sein, aber der Appell an die niedersten Balzinstinkte (SEX! TITTEN! ÄRSCHE!) und stumpfsinnig-übersichtliche Beats (SCHRANZ!) scheinen immer wieder und immer noch zu funktionieren – vielleicht auch, weil Kultur- und Musikvermittlung in unserer Gesellschaft nicht alle Mitbürger erfasst und so eine ganz eigene Geschmackswelt abseits von musikalischem Können, Freude am Experiment oder anspruchsvolleren Songstrukturen existiert. Eine große Gruppe Konsumenten, die mit ästhetisch minderwertigen, hedonistisch aufgemotzten Songs schon ihre Bedürfnisse nach Musik befriedigen kann. Sei es die konservativ-heile Welt der Volksmusik, die penetrante Gefühlsaffektion des Schlagers oder der Partyfaktor von Eurodisco.

Man kann es also keinem Label oder Künstler vorwerfen, wenn sie sich genau diese Prinzipien zunutze machen. Alex C alias Alex Christensen (U96– „Das Boot“) war im letzten Jahr mit „Du hast den schönsten Arsch der Welt“ so erfolgreich, dass er in diesen Tagen die „Goldene Schallplatte“ überreicht bekommt. Die Melange aus bewusster Provokation (soweit das heute noch möglich ist), eingängiger Melodie und geklautem 90er-Beat ist ein Prunkstück, um die Mechanismen von Reißbrett-Kunst zu demonstrieren. Legitim ist zwar jegliche Art von Musikproduktion, aber mit künstlerischem Anspruch und Schaffen hat das sicherlich rein gar nichts zu tun.

Das bewusste Selbstzitat und Reproduktion sind weitere Merkmale von Musik, die aus der Perspektive von fortgeschrittenen Hörern wie Hohn und Spott gellen. „Never change a winning team“ hat sich auch Alex C gedacht und für seine neue Single „Liebe Zu Dritt“ (nein, kein Stereo Total-Cover) erneut seine Animationssängerin Y-Ass ans Plastikmikro gestellt. Aber was für die Wiedererkennbarkeit für die Stimme gilt, gilt bei Alex C in besonderem Maße auch für seine Melodie(n). Beinahe könnte man ihm Plagiatismus unterstellen, vergäße man, dass es pures Copy’n’Paste aus dem eigenen Schaffen ist. Und das in erschreckender Perfektion, so dass selbst Modern Talking als Paradies der Kreativität gelten dürfen. Man kann ihm nicht einmal „sellout“ vorwerfen, denn das ist das einzige Prinzip seiner Produktionstätigkeit. Alex C besitzt zudem die Chuzpe, alle diese identischen, geklonten und nur minimal verfremdeten Tracks auf ein und dieselbe Platte zu pressen. Als ob er sich der Horizontbeschränktheit seines Publikums derart bewusst ist und für einen Song gleich doppelt abkassieren will. Aus purer Gier und mangels überhaupt nur einer Idee sind es dann schnell vier Lieder geworden, derer drei übrigens bereits schon das Cover einer Maxi-Single schmücken durften. Minimal eben die Vocals hochgepitscht und einen neuen sinnbefreiten Text drübergekleckert. Fertig ist der Instant-Hit. Die Kuh will eben solange gemolken werden, bis aus der Zitze nichts mehr quillt.

Vermutlich nennt es Alex C schlichtweg „serielles Arbeiten“ – und eine gewisse Dreistigkeit und Cleverness lässt sich wohl nicht abstreiten. Zudem weiß um den Fakt, dass nur das reißenden Absatz findet, was bekannt ist. Er verkürzt mit seiner Art der Nicht-Musikproduktion den zeitlichen Weg des Bekanntwerdens (durch Promo, Radio, Fernsehen, Club und Werbung) auf ein unerträgliches Minimum. Das Image ist sowieso schon lange ruiniert, falls es denn je positiv gewesen sein sollte. Zurück bleibt nur der schale Geschmack des Betrugs, den er an seinen Konsumenten vollzieht. Konsumenten, die ihm diesen Trick wissentlich mit Geld vergelten – die Klingeltonmafia reibt sich die Hände. Denn wenn eines gewiss ist: „Liebe Zu Dritt“ wird wieder einmal nach den Regeln der Marktwirtschaft bestens funktionieren.

PS: Das Anspielen folgender Tracks (jeweils eine Minute reicht) lässt wahlweise schockiertes Kopfschütteln oder einen Lachflash zurück. Und sagt nachher nicht, wir hätten euch nicht gewarnt…

Liebe Zu Dritt

Doktorspiele

Du Hast Den Schönsten Arsch Der Welt

Ein Bisschen Nymphoman

9 Kommentare zu “Zwischenstopp: Der Copy’n’Paste-Mann: Ein Lehrstück der Musikproduktion”

  1. Pascal sagt:

    Das ist echt eine unglaubliche Frechheit, da unterscheiden sich ja die Extended Version und der der Radio Edit jeder x-beliebigen Maxi-CD deutlich mehr voneinander als hier die ganzen vier, naja, was soll man sagen, Tracks?

  2. Bastian sagt:

    Lohnt echt nicht, sich drüber aufzuregen, der Mann kennt halt sein KLF-Handbuch. Aber faszinierend ist das schon, zumal eigentlich jeder 14jährige dazu in der Lage sein sollte, das Internet zu bedienen. Mal sehen wie lange die Dreistigkeit noch aufgeht und was dann als nächstes kommt.

  3. Pascal sagt:

    Davon ab: Sehr gut geschriebener, äußerst amüsanter, Artikel, Markus!!!

  4. Bastian sagt:

    Interessant: auf dem Cover: zwei Weiber, ein Kerl. Video und, nun ja, Text lassen aber auf die umgekehrte Kombination schließen. Ob er damit nicht die Gemüter seiner Kundschaft verwirrt…

  5. florian sagt:

    ich will es nicht hören ich will es nicht hören ich will es nicht hö…*klick*
    oh mein gott. und die verkauft er tatsächlich als drei eigenständige songs? der mann hats raus, der aggro berlin des elektro.

  6. Sven sagt:

    Erschreckend, wahrhaft erschreckend. Für das Musikland Deutschland nur mit Phrasen zu relativieren. Wo Licht ist, da fällt auch Schatten. Aber ist da überhaupt so viel Licht?
    Jedenfalls schön, dass wir auch in diese Bereiche einen Blick werfen.

  7. Alvaro sagt:

    Sehr amüsanter Artikel und noch viel besser, die vier Beispiele. Ich habe herzhaft gelacht. Danke

  8. Cowboy sagt:

    Bin gerade beim Stöbern hier auf den Artikel gestoßen. Echt sehr treffend geschrieben. Und das Anhören der 4 Beispiele … naja … danach weiß man gute Musik noch mehr zu schätzen. Aber auch ich musste lachen…

  9. […] ab, auch hier sind Text und Melodie anderswo entwendet worden: einer käsigen Eurodance-Produktion aus den Fingern Alex […]

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