Kriechkeller und unterirdische Abwasser-leitungen eignen sich hervorragend als Schauplätze von Albträumen. Oftmals schwer zugänglich, dunkel und bedrückend, bieten sie viel Raum für gespenstische Fantasien. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass Chad vanGaalen sich genau solche Orte ausgesucht hat, um das Debütalbum von Women aufzunehmen. Denn trotz des großen musikalischen Facettenreichtums, dessen sich die Kanadier bedienen, durchläuft eine konstante unheimliche Stimmung das Album, welche durch die LoFi-Produktion – aufgenommen wurde auf Ghettoblastern und alten Kassettengeräten – noch verstärkt wird.

Von Beginn an tauchen Women mit ihren bedrohlich verschachtelten Kompositionen in eine unruhige Traumwelt, die mit dem klaustrophobisch verstörenden „Woodbine“ ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Während des sich träge dahinziehenden, immer mit dem Wahnsinn flirtenden Tracks wartet man auf einen Ausbruch der Musik, wie auf einen Schnitt in der Dreirad-Szene von Kubricks „The Shining“. Dieser erfolgt dann in Form des großartigen, vor 60s Psychedelia strotzenden „Black Rice“. Hier wandelt sich die Stimmung zum ersten Mal mit Hilfe von Glockenspiel und harmonischem mehrstimmigen Gesang, der jedoch verkündet, das gerade erblickte Licht sei „permanent daylight“. So wird schnell klar, dass dies nicht die verträumte Harmonie der Mamas und Papas ist, sondern eher die Hoffnungslosigkeit der Velvet Underground („I swear an ocean swallows me / But all I really want is just another girl“).

Trotzdem ist der mittlere Teil der optimistischste des Albums, bei dem man fast glaubt, den Horrorvisionen vom Anfang entronnen zu sein. Diese kommen jedoch mit einer wahnsinnig groovenden Bassline mitten in „Upstairs“ zurück und entfalten schließlich auf dem durch aggressives Schlagzeug getriebenen „January 8th“ und dem endgültig in grandiose Verrücktheit abdriftenden „Flashlights“ ihre volle Kraft.

Women springen auf ihrem Erstlingswerk problemlos zwischen lärmenden Geräuschkulissen und weitläufigen hallunterstützten 60s Harmonien hin und zurück. Dazu binden sie im Vorrübergehen noch etliche andere musikalische Einflüsse wie 80er Indie Rock oder den modernen „Math Rock“ der Battles mit ein. Was bleibt, ist ein Album von beeindruckender Wucht und Vielfältigkeit, welches immer wieder neue Reize beim Hören setzt. Nichts für Zartbesaitete und Popfanatiker, aber ein Hörgenuss für alle, die sich ab und an auch an ihren Horrorvorstellungen berauschen können.

8.0 / 10

Label: Flemish Eye / Jagjaguwar / Cargo

Spieldauer: 29:26

Referenzen: The Velvet Underground, Chad vanGaalen, Battles, The Zombies, The Beach Boys, Sigur Ros, Animal Collective

Links: MySpace, Flemish Eye, Jagjaguwar

VÖ: 10.10.2008

Ein Kommentar zu “Review: Women – Women (2008)”

  1. dominik sagt:

    ich würde gar nicht mal sagen das die platte nichts für popfanatiker ist. man bracht eben ein bisschen mehr zeit als mit kate nash ;)
    hab mir anfangs auch schwer mit der scheibe getan und sie schon nach 2 durchgängen (leider) bei seite gelegt. man muss schon ein bisschen bezug zu niosigen sachen haben!
    das mit dem mittelteil ist richtig gut beschrieben, gegen ende bricht sie dann wieder völlig aus ;)

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