Plattenkritiken


Review: The Pica Beats – Beating Back The Claws Of The Cold (2008)

Seattle scheint momentan sowas wie die kreative Schaltzentrale für außergewöhnliche, auf ehrliche Art und Weise berührende Bands zu sein, anders wäre sonst wohl nicht zu erklären, warum so kurze Zeit nach dem Debüt der Fleet Foxes gleich der nächste, höchst ambitionierte Act nachlegen kann. Und wieder hat Sup Pop die Finger im Spiel, wenn auch dieses Mal in Form der “Tochter” Hardly Art. Die Pica Beats legen jedenfalls mit ihrem zweiten Album “Beating Back The Claws Of The Cold” ein so großes Werk vor, das selbst die so großartigen, in ähnlichen Gefilden spielenden Decemberists beeindrucken dürfte.

Gleich der Opener “Poor Old Ra” zieht einen in den Bann, spätestens wenn zum ersten Mal die ergreifende Stimme von Sänger Ryan Barrett ertönt. Dieser als Quasi-Vorab-Single seit geraumer Zeit durch das Netz kursierende “Appetizer” erweckt sicherlich nicht selten Neugierde, warf aber auch gleich die Frage auf, ob dieses Niveau auf Albumlänge beibehalten werden könne. Da die Pica Beats entgegen vieler Kollegen aber scheinbar gar keinen Wert darauf legen, Erwartungen zu erfüllen, nimmt sich das so prägende Moment, die Stimme Ryan Barretts, gleich beim zweiten Song eine Auszeit und lässt dem Banjo würdevoll den Vortritt. Diese Positionierung verdeutlicht recht eindrucksvoll, wie wenig die Band von gängigen Konventionen hält, wäre es doch ein Leichtes gewesen, erst einmal die zu Hauf vorhandenen Pop- und Folkhymnen abzufeuern. Denn was einen nach dem in jedem Fall beeindruckenden Instrumentalstück erwartet, ist schier und einfach grandios.

Da wären natürlich sofort das wunderschöne, zweistimmige “Shrinking Violets” oder der sich erst ganz langsam entfaltende Titelsong zu nennen, die sich den Weg in das Innere des Hörers gar nicht erst erkämpfen müssen, zu ergriffen ist man von deren Schönheit. Wer denkt, die Band hätte jetzt aber endgültig ihr Pulver verschossen, wird eines Besseren belehrt. So halten “Cognac & Rum” nach seelenruhigem Intro und das darauffolgende “Hope, Was Not A Smith Family Tradition” spielend leicht die Klasse, während “Hikikomori & The Rental Sisters” nach anfänglichen Klängen, die zur Einnahme von sinnesraubenden Mitteln überreden könnten, doch gekonnt die Kurve bekommt und zur nächsten Großtat ansetzt. Und wie es sich gehört, gibt es als Closer einen zu Vogelgezwitscher hauptsächlich von einer Akustikgitarre getragenen Song, mit völliger Inbrunst und Selbstverständlichkeit vorerst in sich ruhend, dann aber doch noch mit beinahe Neutral Milk Hotel-scher Magie zu lautstarker Pracht erstrahlend, bevor einen die Vögel mit gleichmäßigen Flügelschlägen sanft nach Hause bringen. Der Hörer ist längst vor Ehrfurcht erstarrt…

8.3 / 10

Label: Hardly Art

Spieldauer: 47:12

Referenzen: The Decemberists, Beirut, Neutral Milk Hotel, Colin Meloy, Morrissey, Arcade Fire

Links: Homepage, MySpace, Hardly Art

VÖ: 23.09.2008 (USA)


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