Stranded Youngsters

Eigentlich sollte diese Rezension nicht mit der Standardeinleitung vieler aktueller Post-Rock-Besprechungen beginnen: Der Grabesrede auf ein Genre, welches lange Zeit die Rockmusik revolutionieren und ihr auf ewig den Stempel experimentellen Anspruchs aufsetzen wollte. Mogwai gelten noch heute als unabdingbare Referenz und durchgehend leuchtender Stern am sonst so düsteren Himmel instrumentaler Gitarrenmusik. In einem Genre, wo spätestens seit Godspeed You! Black Emperor alles gesagt wurde, gelang es den humorvollen Schotten Album für Album neue Referenzwerke zu schaffen. Mit “The Hawk is Howling“ steht nun das sechste Album des Quintetts aus Glasgow in den Startlöchern und manch einer mag sich fragen, welcher Entwicklungsschritt nun auf den songorientierten, beinahe poppigen Vorgänger “Mr.Beast“ folgen sollte. Soviel vorweg: Noch nie waren die Schotten so ruhig, so zäh und noch nie waren sie so enttäuschend.

“I’m Jim Morrison, I’m dead“, ein Bad in schleppender Dramatik, begrüßt den Hörer als gewohnt solider Opener, wird durch das folgende “Batcat“, dem untypischsten Stück des Albums, allerdings schnell in seine Schranken gewiesen. Der wuchtige und verzerrte Gitarrensound erinnert gleich zu Beginn an den wüsten Endzeitstimmungsrock der Band Tool und entfernt sich rapide von dem sonst so ästhetischen Grundsound der Band. Viele Überraschungen offenbart “Batcat“ dem Hörer in seinen 5,5 Minuten Muskelspielchen allerdings nicht. Erst “Danphe and the Brain“ lässt schließlich die kläglich vermisste Seele durchschimmern und vermag es als einer der wenigen Stücke auf “The Hawk is Howling“ den Hörer zum gepflegten Tagtraum zu animieren. Tranceartige Zustände, die ein “Mr. Beast“ mit Songs wie “Friend Of The Night“, einem der wohl gefühlvollsten Instrumentals dieses Jahrezehnts, oder “Happy Songs for Happy People“ mit “Hunted By A Freak“ nach nur wenigen Takten bereits hervorzurufen wussten.

Seien es die schwelgerischen Momente des Vorgängers oder überbordende Ausbrüche wie die vertonte „Angst vor dem Teufel“ auf dem Debüt “Young Team“, ihre individuellen Stärken können die Glasgower auf ihrem bereits sechsten Werk nicht gewohnt souverän ausspielen. Stattdessen wartet die Band mit leichtfüßigem Gute-Laune-Post-Rock (ein hier angebrachtes Oxymoron) eines “The Sun Smells Too Loud“ auf, welches ob des einfallsreichen Titels schnell zum anerkennenden Nicken und dank des treibenden Rhythmus kurz zum fröhlichen Mitwippen anregt, dann jedoch ganze 7 Minuten ideenlos fortan gallopiert. “Scotland’s Shame“ schafft es gegen Ende des Allbums schließlich doch, sich wie ein warmer Teppich aus hallenden Wah-Wah-Gitarren sanft unter den Füßen des Hörers auszubreiten und kurz abzuheben. Nach dem ruhigen Ausklang von“Thank You Space Expert“ treffen sich die Gitarren in “The Precipe“ zum finalen Aufheulen. Was hier jedoch dominiert, ist ein seelen-, herz- und vor allem atmosphärenloses Aufbäumen der Instrumente.

Letzten Endes bleibt der Eindruck eines großen Flickenteppichs, der leider komplett ohne rote Fäden geknöpft wurde. Mogwai treten erstmals auf der Stelle und scheinen selbst kaum zu wissen, was sie diesem, ihrem Genre in Zukunft noch bieten können. Zumindest die stets gewitzten Tracktitel sorgen auch dieses Mal für das ein oder andere Schmunzeln. Die treffendste zusammenfassende Bezeichnung des fröhlichen, mal verärgerten, mal introvertierten, aber dennoch stets spielfreudigen Albums gaben die Schotten bereits mit einem Tracktitel auf ihrem Debüt: “A Cheery Wave From Stranded Youngsters“

6.3 / 10

Label: Wall Of Sound / Rough Trade

Spieldauer: 63:26 min

Referenzen: Slint, Tortoise, Explosions in the Sky, Mono, 65daysofstatic, This Will Destroy You

Links: Homepage, MySpace, Wall Of Sound

VÖ: 19.09.2008

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