Zwei verschiedene Platten – mal anders diskutiert!

Der heutige Heimweg mit der Bahn hat mich dazu veranlasst, einen lange im Hinterkopf hausenden Gedankengang endlich an die Oberfläche kommen zu lassen. Ob es an meinem Zustand, meinen Gedanken, dem Befinden oder der Umgebung lag, weiß ich nicht mehr genau. Jedenfalls hat das Hören der neuen Shearwater-LP eine Anzahl von eigenartigen, äußerst emotionalen Gefühlen hervorgerufen. Kennt ihr die Momente, in denen einen die Musik völlig überrumpelt und der Körper den Klängen so hoffnungslos unterlegen ist, dass man beinahe Angst bekommt, die Kontrolle zu verlieren? Shearwaters neue LP ist ein Beispiel für die Vertonung unzähliger Emotionen. Angst, Trauer, Verzweiflung und Wut prägen diese Platte. Es sind die großen Gefühle. Es ist der Wille des Körpers, diesen freien Lauf zu lassen, die Verzweiflung einzugestehen. In was für einem komplett anderen Zustand muss dann Musik entstehen, die die pure Resignation vertont? Ist die Resignation vielleicht nur die Ermüdung des Körpers, ständig gegen die Trauer ankämpfen zu wollen? Ich habe zu diesem Anlass eine Platte von Flying Canyon ausgesucht und versuche gerade, einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Stimmungen herzustellen? Ist das „eine“ wirklich nur einen Schritt weiter in der Zeitleiste? Der nur logische Schritt? Jeder von euch ist herzlich eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen, ich freue mich jedenfalls über jede neue Erkenntnis. Denn wer auch immer schon mal in einer Situation war, in der er es nicht geschafft hat, schwer wiegende Ereignisse zu verarbeiten, wird vielleicht wissen, wovon ich spreche. Für mich ist die Resignation sowas wie der letzte Schritt, ein vielleicht letzter Hilferuf. Ich weiß selbst noch sehr genau, wie mir die generelle Gabe, zu fühlen, langsam aber sicher abhanden kam. War das nur Schutz? Selbst äußerst schmerzhafte Gefühle scheinen einem in solchen Momenten willkommen, zeigen sie doch wenigstens, dass man zu fühlen noch in der Lage ist. Ich persönlich habe lange Zeit gebraucht, viele Momente jemals wieder so intensiv erleben und wahrnehmen zu können wie zuvor. Ist dieser Prozess des Abstumpfens ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr rückgängig zu machen? Können Gefühle wirklich absterben? Naja, jedenfalls bin ich überzeugt davon, dass Songs existieren, die die besondere Gabe haben können, seinen eigenen Gefühlszustand zu erkennen. Ein Vergleich der nachfolgenden Platten mag dem ein oder anderen vielleicht auf imposante Weise zeigen, wie detailgetreu nachgezeichnet werden kann, wo und an welchem Punkt des Verlaufs von völligen emotionalen Gefühlsausbrüchen bis hin zur totalen Distanzierung zu jeglicher Art von Gefühl man sich befindet.

Shearwaters zweite LP „Rook“ ist in meinen Augen ein sehr geeignetes Beispiel für die Vertonung sämtlicher höchst aufwühlender Gefühle. Alleine der Opener „On the death of the waters“ zeigt dies auf eindrucksvolle Weise: Ein leises Klavier, die überaus emotionale Regung in der Stimme in nahezu jedem gesungenen Wort, die die Trauer dann doch nicht über die ganze Zeit aushält und dem völligem Krach weicht. Die Wut hat für kurze Zeit die Macht übernommen. Fast schuldig fühlend, setzt man sich nach seinem kurzzeitigen Ausraster wieder hin und versucht die gesamte Situation zu überdenken, zu verstehen, was hier abgelaufen ist. Shearwaters Sänger Jonathan Meiburg scheint beim Schreiben dieses Songs Gefühle gehabt zu haben, die die meisten von uns kennen. Das klingt nicht wie der Versuch, das Laut-Leise-Schema möglichst optimal mathematisch berechnet zu einem geeigneten Song zusammenzustückeln. Nein, es klingt wie der verzweifelte Versuch, durch das Zeigen und Herauslasen der Emotionen Hoffnung schöpfen zu können, diese damit zumindest ansatzweise zu verarbeiten. Dabei liegen Trauer und Verzweiflung, aber eben auch Wut sehr dicht beieinander. Noch ist man aber in der glücklichen Lage, überhaupt fühlen zu können. In „South Col“ besitzt die Platte dann sogar noch einen Moment, der zudem noch das völlige Unbehagen vertont. In diesem Moment regiert eine besondere Art schauriger Angst, die beinahe körperlich zu spüren ist. „The snow leopard“ strahlt dann wiederum wenige Sekunden später nur so vor Schönheit, die so ergreifend ist, dass die Tränen nur mit Mühe zurückgehalten werden können. Als ob man sich kurz nach Ende einer Beziehung an die schönsten Momente erinnert. Momente, die eine magische Ausstrahlungskraft besitzen, einem aber trotzdem unmissverständlich vor Augen führen, dass diese eben der Vergangenheit angehören. Vielleicht helfen zumindest die an genau jener Stelle sehr prägnanten Drums bei dem Versuch, die Gedanken zu verwischen. Shearwater kann somit als perfekter Soundtrack zum verträumten Stöbern des Foto-Albums der vergangen Liebe durchgehen und würde dabei sicherlich helfen, die Bilder wieder zum Leben zu erwecken. Aber nicht jeder wird mit dieser immensen Anzahl von Gefühlen zurechtkommen. Sehr gut möglich, dass einige beim Hören der Songs unheimlich tief in den Sumpf zurückgezogen werden. Jedenfalls dürfte sie am Abend der Trennung fehl am Platz sein, es sei denn, man beabsichtigt den selbstzerstörerischen Weg zu gehen und zu versuchen, sich so lange den Gefühlen auszusetzen, bis es eben nicht mehr geht, es somit nicht mehr schlimmer werden kann. Einmal an diesem Punkt angekommen, ist der Weg zur Resignation wohl nicht mehr weit.

Ein Wechsel der CD macht einem schlagartig deutlich, was Resignation wirklich bedeuten kann. Im Gegensatz zu Shearwater gibt es bei Flying Canyon überhaupt keine Regung mehr in der Stimme. Hier hat jemand komplett mit der Situation abgeschlossen und ist wohl nicht mehr zurückzuholen. Ein einziger Durchgang von „In the reflection“ genügt, zu empfinden, wie gleichgültig hier das „Sein“ betrachtet wird. Das wirklich allerletzte, was einem noch bleibt, ist, diesen Song zu Ende zu spielen. Es existierten absolut keine Gefühle mehr. Nicht das leiseste Anzeichen von Wut ist erkennbar. Die Traurigkeit wird komplett unterdrückt. Hat überhaupt keine Chance mehr. Angst gibt es längst eh gar nicht mehr. Wovor auch? Was dem Hörer bleibt, ist ein leises Anzeichen von Verzweiflung, die dem Ganzen vorausgegangen sein muss. Die Gefühlslage des Protagonisten kann nicht nur nachempfunden, sondern förmlich miterlebt werden. Es ist die zeitlich gesehen wohl letzte Phase, die ein Mensch durchlebt, um mit einer Sache fertig zu werden, dessen Ausmaß sich nur schwer vermuten lässt. Das Album erschien übrigens im November 2006 in den USA, kurze Zeit später verstarb Sänger Cayce Lindner. Er nahm sich mit nicht mal 40 Jahren das Leben. Was bleibt, sind diese wunderschönen, überwältigenden, erschreckend ehrlich vertonten Songs, die vielleicht einigen von uns helfen können, uns in solchen Situationen nicht allein zu fühlen. Ein nochmaliger, abschließender Vergleich dieser beiden Platten stellt auf eindrucksvolle Weise dar, wie unterschiedlich die Menschen mit Trauer umzugehen versuchen. Oder, in welcher Phase des Trauerns sie sich gerade befinden.

Hier gibt es die betreffende Musik zu hören:

Shearwater

Flying Canyon

2 Kommentare zu “Zwischenstopp: Trauer vs. Resignation”

  1. Florian sagt:

    „Kennt ihr die Momente, in denen einen die Musik völlig überrumpelt und der Körper den Klängen so hoffnungslos unterlegen ist, dass man beinahe Angst bekommt, die Kontrolle zu verlieren?“

    klar. gerade das macht doch musik so toll. leider wird das immer seltener, also ist auch ein gewisses „abstumpfen“ vorhanden und wenig kickt mich heute in meinem jungen alter noch bis zu dem level, wie es vor ein paar jahren der fall war. die flying canyon werd ich mir wohl auch mal antun müssen ;)

  2. Andi sagt:

    Holla, krieg ich Gänsehaut bei Shearwater. Die sind ja mal großartig.

    „Naja, jedenfalls bin ich überzeugt davon, dass Songs existieren, die die besondere Gabe haben können, seinen eigenen Gefühlszustand zu erkennen.“

    Songs, die so viel alte gute/schlechte Erinnerungen hervorrufen. War gerade doch sehr darin versunken. Ah, abgestumpft bin ich nicht. Läuft gerade großartig, wenn ich die Augen zu mache. Haha, ob man das auch immer auf den Konzerte gesehen hat? :-D

    Hm, die Kontrolle verlieren? Jetzt im negativen Sinne war das früher mal beängstigend, aber ich denke derzeit läuft alles, daher besteht da keine Gefahr mehr, dass ich mich verlier. Aber nichtsdestotrotz gibt mir die Musik immernoch soviel wie früher.

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