Avey Tare hat dem Schreien abgeschworen. Selbst wenn er sich in „The Burglars“ stetig in Tonhöhe und kehlkopfverengter Intensität steigert, überschlägt sich seine Stimme nie – stattdessen kulminiert der wilde Trommelritt in wohliger Tieflage, umschwirrt von Panda Bears jubilantem Falsett. Auf „Painting With“ sind Animal Collective harmonisch eng miteinander verwoben wie nie – und doch keinen Deut leiser.

Ohne Deakin, der noch für „Centipede Hz“ zurückgekehrt war, nahm das Trio sein (zählt man die Live-Platten hinzu) zehntes Album locker und impulsiv auf. Wie es auch die Texte reflektieren, fast nie die Egoperspektive bemühend, ist das von Malerei und Dinosauriern inspirierte „Painting With“ ein Werk des Zusammenführens. Kunstvoll weben die beiden Vokalisten in „Hocus Pocus“ Harmonien und winden sich rasant synkopiert umeinander, während aus jedem resonanten Trommelanschlag eine kleine Explosion aus Blubbern und Fiepen entspringt. Nur selten so stark verfremdet wie in „Vertical“ und „Spilling Guts“ sind die Vocals im Zentrum der Aufmerksamkeit wie schon lange nicht mehr, mit wenig Nachhall oder gar völlig trocken bilden sie einen Kontrast zum kunterbunten Treiben drumherum. Selbst wenn dabei nicht immer so ein feiner Refrain wie im Grotesk-Funk “Golden Gal” entspringt, sind ihre Effekte momentweise immer wieder anmutig.

Der collagenhafte Charakter, den Animal Collective mit Samples aus „Golden Girls“, TV-Dinosauriern und Beach Boys oder auch Colin Stetsons Saxophon in „Lying In The Grass“ intendieren, ist weniger gut gelungen. Zu selten und kurz werden sie eingestreut, weniger wirksam für den Charakter oder Verlauf der Kompositionen als die instrumentale Soundpalette, die durch Repetition so denkwürdig eigenwillige und lebhaft animierte Perkussionsmuster kreiert wie das von „Summing The Wretch“: ein Scheppern, Schaben und Klackern, über dem so selten und kraftvoll wie die Triangel im Philharmonieorchester ein helles “Ping” ins Scheinwerferlicht tritt.

Weniger dicht texturiert, mit schubweisen Oszillationsimpulsen und mit dem melodischen Gewicht weiter in die Stimmen gelegt, scheint der Sound von „Painting With“ leichter überschaubar als das konzipiert überchaotische „Centipede Hz“, doch sind die Konturen der Klänge so diffus, dass sie schwer greifbar bleiben. Verbunden mit dem mal wieder extrem niedrigen Dynamikumfang sind so selbst die Songs mit sanfterem Stimmtonus, wie das finale „Recycling“ oder das melancholisch über den Ukraine-Konflikt sinnierende „Bagels In Kiev“, genauso druckvoll wie der explizit grelle Uptempo-Hüpfer „Natural Selection“. Ohne echte Ruhemomente werden selbst die nur vierzig Minuten des Albums in vielen Ohren schnell zu stresshaft, statt psychedelischer Immersion gleicht die Wirkung selbst mit Kopfhörern einem sonischen Frontalbewurf.

Doch an diesem Punkt ist es keine Überraschung, dass Animal Collective nicht vorwiegend darum bemüht sind, leicht Verdauliches zu erschaffen. Rückblickend erscheint eher die Konsensliebe, die „Merriweather Post Pavilion“ zuteil kam, als eine Anomalie in der Rezeption dieser Gruppe, die ohnehin seitdem ihren Ausdruck mehr denn je übers Studioalbum hinaus sucht: mit dem großartigen düsteren Filmalbum „ODDSAC“, dem “Keep”-Tape mit Solotracks von allen vieren, der transportablen Soundinstallation „Transverse Temporal Gyrus“, dem „Live At 9:30“-Album mit bekannten Stücken in neuer Form und der großen, umfassender in die Frühphase zurückgreifenden „Animal Crack Box“. In diesem Kontext wirkt „Painting With“ mit seinen kurzen Songs dann doch wieder kompakt und leicht greifbar, trägt seine Verspieltheit mit verschiedenen Covern für die physischen Veröffentlichungen und die Idee des Zusammenführens aber auch jenseits des Tondokuments: Zumindest wer die passende Hardware besitzt, kann in der „Lying In The Grass“-App mit anderen Fans an Artwork für den Song basteln. Vielleicht kann man dabei auch mal mit Animal Collective zusammen malen.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum