Mit Julia Holter konnte man in den vergangenen Jahren an der Tag- und Nachtgleiche entlangschweben. Ätherik und Ambience waren auf ihren letzten drei Alben so unmittelbar und prägnant vorhanden, dass es eines jeweils eines übergeordneten Konzepts bedurfte, um das Gespür der Musikerin für Melodie und Form fühlbar zu machen. Damit ist jetzt Schluss. Holter ist unnahbar geblieben, doch spielen inzwischen songnähere Gebilde die Hauptrolle.

Es sind vor allem Streicher, die das neue Album Julia Holters zu einem Erlebnis werden lassen. „Have You In My Wilderness“ bringt ganze Heerscharen davon zum Klingen, mal mit gewaltiger Inbrunst, mal als luftige Begleiter, doch immer so prägnant wie eben möglich. Doch auch die übrige Klangpalette lässt kaum Wünsche übrig. Windschiefes Schlagwerk, gerne in Form von sanften Beckenschlägen oder tröpfelnden Chimes, das Klavier lauernd oder mit dem großformatigen Akkord im Anschlag, in „Sea Calls Me Home“ gar ein Cembalo, öliges Saxophon und luftiges Pfeifen.

Jenes „Sea Calls Me Home“ ist es dann auch, dass sich am weitesten von den vorherigen Kompositionen unterscheidet, sieht man vom kurzweiligen „Everytime Boots“ mit seiner verzwickten Schlagzeugkonstruktion einmal ab. Ersteres gleicht einem Gemälde, vielleicht einem Seestück, das brausende Wogen und den Horizont gleichermaßen im Blick hat, dazu einige in den Wellen liegende Schiffe, deren Takelage im Wind sirrt und summt. Zweiteres ist eine kurze Jazz-Pretiose, ein funkelndes Kabinettstückchen mit Rhythmus im Blut, aber eben auch dem Mut zur Pause zur richtigen Zeit. Glitzert in „Everytime Boots“ vor allem das beschwingte Tempo, sind es beim folgenden „Betsy On The Roof“ die Sterne, nach denen Holter mit dieser entschleunigten Pianoballade greift. Auf dem Dach stehen, den Mond anstarren und nach Entscheidungen suchen.

Hier merkt man ganz eindeutig, wie persönlich Julia Holters neues Werk geworden ist. Aus ihrer eigenen Gefühlswelt heraus lässt sie Bilder entstehen, die sich scheinbar nur vage verfestigen, aber nachhaltig im Gedächtnis festbrennen. Dabei fängt sie mit ihrem musikalischen Verständnis nicht nur Bilder auf, die sie in Melodien und Klänge umwandelt, vielmehr scheint sie ihre Musik mit allen Sinnen fühlbar machen zu wollen. Die rhythmischen Verstiegenheiten im sonderbaren „Vasquez“ etwa, die sich hinter dem verwaschenen Sangesvorhang auf der Haut festsetzen und für aufgestellte Nackenhaare sorgen. Die heruntergefallenen Orangen in „Night Song“, deren Geruch nach süßem Sirup sich in Nase und Mund festsetzt und deren herbe Frische die sommerliche Nacht schmecken lassen. Das im hinkenden 6/8-Takt gezupfte Cello, dem sich der Herzschlag in jedem betonten Moment anzupassen droht, bis er plötzlich innehält.

Julia Holter bemüht instinktiv das Vermögen, sich auf eine „Reise“ zu begeben, das gerade in der populären Rezeption von Musik eine gehörige Rolle spielt. Doch während es landläufig oft bei einer oberflächlichen Stippvisite bleibt, erreicht Holter mehr. So schmeckt man das Salz des Meeres im fabelhaften „Lucette Stranded On The Island“ und wähnt sich in maritimen Gefilden. In „Silhouette“ erschafft sie Schattenrisse ihrer Erinnerungen, deren Konturen sie wiederum in ihre Melodien flicht. Es ist ein ständiges Sich-Wähnen, ein Sich-Einfinden in die Umstände der Künstlerin, ein „Mitreis(s)en“-Lassen, das an Eindringlichkeit kaum zu überbieten ist. War Julia Holter in ihrer ambienten Phase bereits ein Genuss, ist „Have You In My Wilderness“ sicherlich das gerne zitierte Sahnehäubchen.

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