Self Defense Family scheinen ein Faible für Konzepte zu haben. Das letzte Album „Try Me” beschäftigte sich in zwei sehr langen Spoken-Word-Passagen mit der Vita der Ex-Pornodarstellerin Jeanna Fine. Es folgten mehrere Singles, welche sich zumindest im konzeptuellen Kontext unter anderem an Krautrock abarbeiteten und eine EP, die (wie es ihr Name schon besagte) nur Duette enthielt. Jetzt besagt ein Sticker auf dem Cover von „Heaven Is Earth“: „Aufgenommen in ikonischen Indiestudios mit legendären Knöpfchendrehern“. Das legt nahe, dass das Konzept diesmal in einer Reise zu diesen Legenden und legendären Orten bestand, um irgendwie Geschichte zu atmen und vom magischen Touch der Studiozauberer zu profitieren.

Bei all dieser Konzeptualisiererei vergisst man beinahe, dass es sich bei Self Defense Family inzwischen um eine der umtriebigsten Bands im US-Post-Hardcore-Emo-Geschehen handelt. Dennoch stellt sich natürlich die Frage: Hört man signifikante Unterschiede auf Grund der verschiedenen Locations und Techniker? Irgendwie nein, auch weil die Band die Songs nicht nach Studios gruppiert und die Übergänge, trotz diverser Einspielorte, zeitweise camouflagierend flüssig gestaltet sind. Zudem bleibt sie ihrem Trademarksound  treu, den man wie folgt beschreiben könnte: Die Band taumelt in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen durch ihre Songs, in deren Grooves immer mal wieder kleinere Stolperfallen eingebaut werden. Darüber lamentiert Patrick Kindlon seine Texte im unverwechselbaren Sprech-Singsang.

In dieser Manier versammelt „Heaven Is Earth“ acht Songs und schon der erste namens „In My Defense Self Me Defend“ macht exemplarisch deutlich, in welch einer Misere man sich als denkendes Wesen in der ausgehenden Postmoderne mit ihren undurchsichtigen Strukturen befindet. Wenn man eigentlich für Nichts und Niemanden verantwortlich zu sein scheint und alle Themen schon verbrannt und geleakt sind, scheint so keine persönliche Relevanz mehr sichtbar und man/frau widmet sich lieber weiter der Selbstbeschau. Auch an harmonische zwischenmenschliche Beziehungen sollten wir lieber nicht denken, denn was sollte in einer Welt voller kranker Selbstdarstellung schon an positiven Erfahrungen gemacht werden können, wenn alle persönlichen Ansprüche von vornherein am Gegenüber und seinen Eitelkeiten und Unzulänglichkeiten abprallen müssen?

Vor allem aber: Haben wir es bei diesem Album in seiner Gesamtheit mit einer nihilistischen, misanthropen, schwerverdaulichen Darbietung zu tun? Mitnichten. Zwar erschließt sich die Güte von „Heaven Is Earth“ nicht sofort, aber man versinkt darin, wird eins mit dem somnambulen Fluss, beginnt beinahe unbewusst über seine eigenen Erwartungen und Ansprüche zu reflektieren und möchte anschließend glatt nochmal eintauchen.

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