Áine O'DwyerMusic For Church Cleaners Vol. I & II
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Label:
MIE
VÖ:
27.02.2015
Referenzen:
John Cage, Julia Holter, Michael Pisaro, Eluvium
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Autor: |
| Uli Eulenbruch |
Je mehr Streaming-Plattformen zur Schnittstelle zwischen Musikschaffenden und Musikhörenden werden, umso mehr scheint das Albumformat von Playlists abgelöst zu werden. Neben Unterteilungen in Musikgenres oder aktuelle Charthits versammeln diese Musik vor allem als klangliche Alltagsbegleitung für gewisse Stimmungen und Zwecke: Es gibt Playlists für schlechtes Wetter, für die Gartenarbeit, zum Aufwärmen für die Samstagnacht, für lange Bahnfahrten, zum Motivieren am Montagmorgen, zur geistigen Entspannung oder Konzentration, für Sport, Schlaf und Sex und und und …
Die dafür ausgewählte Musik ist in der Regel nicht als Playlist-Material eingespielt worden. Sei es zum künstlerischen Selbstausdruck, zur Publikumsunterhaltung oder zur Rentensicherung, kaum jemand wird im musikalischen Schaffensprozess eine konkrete Zweckmäßigkeit wie „Musik zum Rasenmähen“ oder „Musik zum Frühjahrsputz“ im Sinn haben. Anders verhält es sich mit der Irin Áine O’Dwyer: Die gelernte Harfistin bekam die Erlaubnis, die Orgel der St-Mark’s-Kirche im nordlondoner Islington zu spielen – aber nur außerhalb der Gottesdienste, während der samstäglichen Gebäudesäuberung. Über mehrere Monate war so – abgesehen von einem Flohmarkt und einem Kaffeetreff – ihr einziges Publikum das Reinigungspersonal, das aber zum ambienten Teil der in „Music For Church Cleaners Vol. I & II“ gesammelten Aufnahmen wird. Man hört das Staubsaugen, Fegen, Bänkerücken ebenso wie jedes Husten oder auch in „’Deep Sound‘ Invocation“ die Bitte, dass O’Dwyer nicht zu lange auf einer tiefen Note verweilen solle – es klänge irritierend.
Grund für diese Beschwerde mag „Harold Campings Lament“ gewesen sein, das nach einem Weltuntergangs-Prophten betitelt von einer unheilvollen Bassresonanz getragen wird, die für die Untenstehenden zum einzigen hörbaren Ton wird. Meditativ in sich gekehrt hingegen wird „We Plough The Fields And Scatter“ vom Rauschen des Reinigungsgebläses überlegt. Als das Gerät ausgeschaltet wird, beendet auch O’Dwyer ihr Spiel, das sie ohne nennenswerte Orgelerfahrung nur zum Teil improvsiert, wie es in der liturgischen Orgelmusik üblich ist. Ihre Zweckentfremdung dieses christlich-sakralsten aller Instrumente zur Begleitung einer der denkbar weltlichsten Tätigkeiten nimmt immer wieder andere Züge an, wird im nebligen „Return To Fugue“ geradezu psychedelisch oder spielt mit „For The Souls Of Our Fleas“ umso kühner auf, weil hier einmal keine Umgebungsgeräusche eingehen.
„An Unkindness Of Ravens“ hat die goldenen Töne, um ein Altarssakrament zu begleiten, doch nicht nur der Titel zeigt an, dass O’Dwyer nicht andächtig nach oben schaut. Nachdem ihr Spiel zu Ende ist, läuft die Aufnahme noch weiter: Zum zweiten Mal weist dieselbe Frau darauf hin, bitte nicht zu lange auf einer Note zu verweilen oder sie vielleicht etwas leiser zu spielen. O’Dwyer entschuldigt sich und gelobt Besserung – sie ist ja auch schließlich nur zu Gast hier.


