AUFTOUREN 2014Geheime Beute

AUFTOUREN 2014 - Geheime Beute

Mit Musik ist es wie mit vielen guten Dingen: Es gibt nie genug und immer zuviel.

Wir können uns noch so bemühen, die nischigsten Niederungen des wöchentlichen Albumfüllhorns im Blick zu behalten, einiges flutscht immer durch – sowohl während des Jahres als auch am Ende. Daher möchten wir euch wie immer nicht nur unsere große Konsensliste präsentieren, sondern auch heute und morgen 30 großartige Werke aufzeigen, zu denen wir bislang noch nichts geschrieben hatten oder die wir gar komplett übersehen hatten. Von emotionalem Dance über ätherischen Pop bis zu röhrendem Noise-Rock – hier gibt’s etwas Unbekanntes zu entdecken, garantiert!


Mitski – Bury Me At Makeout Creek [Double Double Whammy]

Zart und sanft kann jeder: Zwar startet „Texas Reznikoff“, der erste Song von Mitskis vorzüglichem dritten Album „Bury Me At The Makeout Creek“, ungewohnt zurückhaltend, verwandelt sich aber in der zweiten Hälfte in ein krachendes, schepperndes Indie-Rock-Monster, das zuviel vom Lo-Fi-Topf genascht hat. Das erinnert hier und da an Angel Olsen, was jedoch keineswegs schlecht ist: Wie bei Olsen sind auch hier selbst die vergleichsweise ruhigeren Stücke, wie etwa „Francis Forever“ oder „I Will“, in ihrer gewaltigen Intensität kaum zu übersehen. „Drunk Walk Home“ sei Dank gibt es dann schließlich auch noch einen Platz auf dem Treppchen zur Kratzbürste des Jahres 2014: „Fuck you and your money/ I’m tired of your money.“ (Jennifer Depner)


Francis Harris – Minutes Of Sleep [Scissor & Thread]

Nirgendwo klang das Saxophon im Musikjahr 2014 trauriger als durch den Morast der Depression auf „Minutes Of Sleep“. Keine Spur von frivolem Glamour oder triefender Sinnlichkeit, auch die von geduldig komponierten Piano- und Streicherläufen getragenen Stücke drücken allumfassende Beengung und Niedergeschlagenheit aus, alles erscheint nur durch einen nebligen, krisseligen Dunstschleier. Dass meistens ein housiger Beat darum gezimmert ist, als Faden eines Lebenswillen mit einer minimalen Beschwingtheit versehen, ist Nebensache: Dies mag Musik sein, zu der man tanzen kann, doch man wird es wohl kaum wollen. Außer mit permanent gesenktem Blick und einem Taschentuch in Griffreichweite. (Uli Eulenbruch)


DeJ Loaf – Sell Sole [IBGM]

„Came up on my own, didn’t need nobody.“ Auch wenn die 23-jährige DeJ Loaf in der Hook zu „On My Own“ selbstbewusst ihre Autonomie zu Protokoll gibt, war es vor allem ein Instagram-Post von Drake, der ihr erstmals größere Aufmerksamkeit und nur einen Monat später sogar einen Plattenvertrag beim Majorlabel Columbia bescherte. Doch statt eines Debütalbums veröffentlichte die Rapperin – die auf der aktuellen Compilation „Shady XV“ von Eminems Label ihre Heimatstadt im Song „Detroit vs. Everybody“ vertreten darf – im Oktober mit „Sell Sole“ zunächst ein weiteres Mixtape. Auch wenn das eröffnende „Bird Call“ beweist, dass DeJ Loaf vier Minuten ohne Hook oder Refrain durchspitten kann, konzentriert sie sich auf den restlichen Songs auf die von Kollegen wie Drake oder iLoveMakkonen bekannte Mischung aus melodischem Singsang und Rap oder gibt wie in „Me U Hennessy“ und „Easy Love“ die R’n’B-Croonerin. (Daniel Welsch)


Jane Weaver – The Silver Globe [Finders Keepers]

Jane Weaver weiß, wie man hypnotisches Potential maximiert. Auch wenn „The Silver Globe“ in seinen bewegteren Stücken öfters an die stoische Repetition des Motorik-Beats oder stereolabbigen Post-Rock erinnert, sind Weavers Grooves im Detail vor allem beim Basslauf etwas verspielter und erzeugen ihre Tiefenwirkung im Wechselspiel mit dezent spac(erock)iger Gitarre und komplex verwobenen, evokativen Synthwolken und -strömen. Beatlos erinnert das vor allem in der Albummitte an Broadcast, anderswo an ein nicht so dröges Geoff-Barrow-Projekt, doch spätestens Weavers grenzätherischer Gesang führt ihre diversen britischen Einflüsse zu einer stimmigen Eigenwelt zusammen, die ihre Formen und Farben so scheinbar greifbar macht wie ein lebhafter Traum. (Uli Eulenbruch)


Fredrik Kinbom – Oil [Capstan]

Der Schwede Fredrik Kinbom beherrscht seine Lap-Steel-Gitarre aus dem Eff Eff und doch ist sein zweites Album „Oil“ zum Glück weder eine hawaiianische Odyssee, noch ein klassisches Country-Album geworden. Vielmehr entlockt Kinbom dem Instrument Momente, die Stehhaare und Gänsehaut verursachen. Dabei entsteht ein Sound, der Gedanken himmelwärts schicken kann. Kinboms Musik, allen voran das herausragende „Ought To“, das von einer undurchdringlichen Ruhe beherrscht zu sein scheint, rastet und ruht und sorgt für Entschleunigung und Kontemplation. Gerne verfangen sich zudem ein paar weiche Jazzrhythmen wie in „Come Down“ in den zumeist bläulich schimmernden Stücken. „Oil“ ist ein kleines, aber gerade in seiner Feinheit unglaublich spannendes Album, das einen unbemerkt von hinten anspringt. Und dann hat es einen. (Carl Ackfeld)


Delicate Features – The Passenger [Not Not Fun]

Jetzt da der kurze Hype um Lo-Fi-House verblasst ist und der Ableger 100% Silk bis auf das großartige Partyalbum von Magic Touch wenig Denkwürdiges herausbrachte, gab sich das Mutterschiff Not Not Fun selbst mit einem besonders gut verlesenen Jahr ein Geschenk zum zehnten Labeljubiläum. Neben den Late-Night-Beats von Afterhours und dem Chillout der Legendary Hearts und Eleventeen Estons beeindruckten dabei besonders Delicate Features mit ihrem atmosphärisch dichten „The Passenger“ jenseits tradierter Matsch-Psychedelik: Das Duo aus Sankt Petersburg breitet synthige Dreambeat-Visionen aus, die mal Radmila Nikogosians operesk kraftvolle Stimme rahmen, mal ganz instrumental ihren cineastischen Eigenlauf nehmen. (Uli Eulenbruch)


Chung Antique – Sweater Weather [20 Sided]

Nicht ganz zu Unrecht gilt Math-Rock gelegentlich als etwas zu verbissen und statisch – wenn überhaupt, denn in diesem Jahr ist er freilich fast komplett vom Radar verschwunden. Chung Antique stemmen sich gegen diesen Trend und bringen mit ihrem Debüt im wahrsten Sinne des Wortes wieder etwas frischen Wind ins Genre. Ihr Ansatz klingt aufgelockert, der Platz, den die Band für andere Richtungen freimacht, wird in schöner Regelmäßigkeit ausgenutzt. So ist der Einfluss der heimischen Westküste klar herauszuhören, wenn Chung Antique in bester Pavement-Manier die Konventionen über Bord werfen und sich frei von vorgefertigten Schemata austoben dürfen oder wie die Blood Brothers die verzerrten Gitarren zum Äußersten treiben. Und dazwischen wird schnell klar, dass „Sweater Weather“ auch als klassisches Genre-Album wunderbar funktioniert. (Felix Lammert-Siepmann)


Baby Ghosts – Maybe Ghosts [Drunken Sailor]

Nach Joanna Gruesome (2013), Evans The Death (2012) und Gold-Bears (die wohlgemerkt selbst zur Jahresmitte nahtlos an ihr 2011er Erstwerk anknüpften) kam diesmal das jubilante Thrash-Pop-Debüt des Jahres von Baby Ghosts. Die werfen sich auf „Maybe Ghosts“ lieber Hals über Kopf, lieber mit vollem stimmlichem und gitarrigem Enthusiasmus als auf perfekte Technik bedacht in eine mitreißende Melodie und korkiges Gegniedel nach der anderen. Lediglich in „Crash“ gerät die Atempause zwischen der Durchbretterei durchgängig ausbruchsfrei, ansonsten scheint es das Quartett aus Salt Lake City kaum aushalten zu können, das nächste Mal wieder loszurumpeln. Man braucht nicht erst die runtergeschraubten Demoversionen des „Ghost Walk“-Tapes, um das solide und durchaus auch schlechtgelaunte Songwriting-Fundament wahrzunehmen – ohne das würde diese Platte beim Hören nicht zu so einem mitreißenden Vergnügen. (Uli Eulenbruch)


Megafortress – Believer [Driftless]

Es ist kein weiter Weg von Perfume Genius zu Megafortress. Bill Gillims erstes Soloalbum atmet in einem ganz ähnlichen Rhythmus und fängt eine Stimmung ein, die deutlich an die Alben von Mike Hadreas erinnert. Doch Gillim ist fast noch eine Spur ätherischer. Mal setzt er seine Stimme in flüchtige Zusammenhänge, zerbricht Strukturen zu Klangscherben, versteigt sich in unendlich wirkende Langsamkeit. Dann wieder wird er atonal, erschafft ein stimmloses Kunstlied und verfängt sich in aufbauschenden Klavierkaskaden, denen fast immer zum Heulen zu mute ist. Instrumente wie Saxophon und Querflöte rauschen vorbei und lassen „Believer“ nie beliebig, aber auch nicht konstruiert wirken. Vielmehr nehmen sie den Puls von Beginn an auf und begeistern mit ihrer unbezwingbaren Lust an der Zerbrechlichkeit. Dadurch wird „Believer“ zu einem echten Suchtmittel, das sein Potential mit jedem Mal mehr ausschöpft. (Carl Ackfeld)


Mark Barrott – Sketches From An Island [International Feel]

Seinen Höhepunkt wie auch sein Ende schien das von Anfang über ein Verwirr-, Versteck- und Pseudonymitätsspiel selbstmythisierte Label International Feel 2012 mit der gleichnamigen Compilation erreicht zu haben, nach der erst einmal nichts Weiteres in Sicht schien. Doch nach seiner öffentlichen Selbstenthüllung und dem Umzug von Uruguay nach Ibiza trieb Chef-Fühler Mark Barrott das Leichtigkeits-Revival nochmal mühelos im Alleingang auf die Spitze: „Sketches From An Island“ ist eine grazile New-Age-Suite aus Balearic mit meditativer Zupfgitarre, weichem Disco-Boogie, Handperkussion in einem Meer aus Wellenrauschen und Vogelzwitschern und Synths, die zu bodenverhaftet im Tropenwald oder im Sonnenuntergang an der Küste schwelgen, um ins All abzuheben – Glückseligkeit währt hier am längsten. (Uli Eulenbruch)

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2 Kommentare zu “AUFTOUREN 2014 – Geheime Beute”

  1. Carl Ackfeld sagt:

    Wow, ist die Ian William Craig toll! Wo hattest du die denn in deiner Vorauswahl versteckt, Uli?

  2. Zur Zeit der Vorauswahl war die noch in meiner „Platten, die ich allmählich wirklich mal gehört haben sollte“-Liste.

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