Es ist die Unregelmäßigkeit, die das erste Album von Sevendeaths so beeindruckend eröffnen lässt. „Petrograde“ wechselt in seinem Verlauf mehrfach die Form, besitzt aber von der ersten Sekunde an eine physische Präsenz, die nicht nachlässt. Ein Dröhnen ergießt sich voluminös windfaserig wie ein Nebelhorn, nicht in strenger Gleichförmigkeit, sondern in seinen Druckzonen Schwankungen unterworfen, als könne sein Erschaffer selbst es nicht ganz bändigen. Es endet unter einer harten Attacke mit rabiat abgehacktem Stottern als wortloser Cyber-Schmerzensschrei.

„Concretè Misery“ ist die Art von Album, die im Ringen nach den richtigen Worten für seine Beschreibung schnell nach Referenzen greifen lässt – in etwa: Man stelle sich Dan Deacon als Hillage-Verehrer vor, Tim Hecker in Kollaboration mit Hudson Mohawke, Fennesz als Teil der wiedervereinigten Emeralds – doch eine einzige, allgemein passende erscheint unvorstellbar. Derlei Verweise sollen schließlich keine Nachahmung implizieren, sie sind in ihrer Vielfalt gleichermaßen Ausdruck des Facettenreichtums dieses Werkes und der Bemühung, seinen Effekt an ähnlich profunden Hörerfahrungen zu markieren. Es ist eine Synthsinfonie elementarer Imposanz.

Dass es sich dabei um kein ganz typisches Drone-Album handeln würde, ließ sich schon an dem Musiklabel erahnen, das es Anfang 2014 veröffentlichte – nicht weil LuckyMe eine makellose Diskographie hätte, sondern weil das Label mehr für die Dance-Maximalismen von Rustie, Baauer oder TNGHT bekannt ist als für beatlose Instrumentals. Bereits als Teil des Dananananaykroyd-Nebenprojektes Americanmen war der Edinburgher Steven Shade Mitglied der LuckyMe-Familie, so fanden seine Solostücke auch schnell ihren Weg in Mixe oder DJ-Sets seiner schottischen Kollegen – „Petrograde“ eröffnete bereits 2012 Rusties „Whyteandblack“-Compilation. Doch gerade weil Shades Musik in ihrer Intensität daneben nicht zurückstehen muss, ist es ganz etwas anderes, auf „Concretè Misery“ eine gute halbe Stunde in seinem Kopf zu verbringen. Die sechs Stücke fließen ineinander in einer Art, die keine echte Pause von ihrem aufmerksamkeitfordernden Magnetismus erlaubt, aber auch schnell die Verschiedenheit seiner Ansätze illustriert.

So ergießt sich „Ghostache“ in fast shoegazigen Bitfluten à la Fennesz, als zunehmend grelltimbriger Monolith jedoch unwillig, gleichermaßen Zugang in sein Inneres zu gewähren. Anders „And Another Another” mit seiner ominösen Pianomelodie, die ein wenig an neuere Mogwai erinnert, dabei aber eine Kompaktheit und eine apokalyptische Tonführung besitzt, die zu offensiv beunruhigend und packend ist, um zur atmosphärischen Begleitung zu taugen. Unausweichlich ist das satte Bassvolumen, das alles umso mehr umfasst, je lauter man die Soundanlage dreht, umso effektiver nimmt es auch ab der Mitte des Stücks graduell bis zum völligen Verschwinden ab. Die selbe Richtung scheint „All Night Graves“ anfangs einzuschlagen, doch in dichten Wellen ergießen sich alsbald pizzicatohafte und halsbrecherisch rasant arpeggierte Melodien wie ein maximalistisches Auskotzen regenbogenfarbener 16-Bit-Videosoundtracks.

Spätestens hier wird klar, wie Sevendeaths sich bestens auf dem gleichen Label wie ein Hudson Mohawke einreihen kann, denn auch seine Klangästhetik ist einer digitalen Soundwelt entsprungen. Shaw verwendete keine analoge Klangquellen oder Instrumente für „Concretè Misery“, über MIDI-Gitarre oder Tenori-On kanalisierte und manipulierte er von Hand die ausschließlich synthetischen Tonquellen, während eigens programmierte Sequencer die unmenschlich schnellen Tonläufe mit einem gewissen Zufallselement inszenierten, das gerade „All Night Graves” überwältigend unberechenbar macht. Shaws Musik projiziert Schmerz, Verwirrung und Beklemmung, wenn sich das Titelstück breit und wie eine digital zerbombte Ruinenlandschaft erstreckt und doch zugleich klaustrophobisch eng wirkt. „In The Room“ ist im Finale ein Ringen um Erlösung, wie Rettung suchende Arme aus einer Grube recken sich die Anschläge empor und suchen nach Halt, rutschen ein ums andere Mal ab, bis am Ende das schrecklichste von allen Geräuschen zu hören ist: Die geräuschleere Stille.

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