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AUFTOUREN 2025 – Das Jahr in Tönen

Zwölf Monate sind vergangen, einmal mehr. Das Musikjahr 2026 kommt allmählich in die Gänge, doch vorher wollen wir noch einmal einen Blick nach hinten werfen.

So viel Musik es auch gibt, so verschieden die Vorlieben und Ansichten, haben wir uns einmal mehr zusammengefunden, um unsere gemeinsamen Lieblingsalben zusammenzutragen. Hier sind unsere 25 aus ’25.


25

Saya Gray

SAYA

[Dirty Hit]

„SAYA“ entstand auf einem mehrmonatigen Roadtrip durch Japan und Kalifornien, und was schreit mehr nach weiten Landschaften als Slidegitarre und Country-Twang? Doch damit wäre nicht mal ein Eckpfeiler von Saya Grays zweitem Album abgesteckt, es folgt allein der Tradition, dass ein gebrochenes Herz zu großen Songs führen kann. „Where were you when I needed you most?”, singt sie zu angedötschten, zähen Beats, verhaltener kommt der Twang nicht nur in „10 Ways ( To Lose A Crown )“ zurück, wo sich Gray kontrastierend erhebt. Immer wieder setzt sie unorthodoxe Klangpointen, hier das Platzen einer Seifenblase, dort ein leise ins Off gebelltes „You! You!“ – ein Spiel mit Hall und Raum, in dem ihre Stimme ebensogut prominent wie aus der hintersten Ecke ertönen mag. (Uli Eulenbruch)


24

The Divine Comedy

Rainy Sunday Afternoon

[Divine Comedy Records Limited]

Neil Hannon ist nach wie vor ein Garant für hinreißend melodieverliebte Musik. Deutlich ruhiger als zuletzt sorgen die anheimelnden Stücke für genau die wohligen und wärmenden Schauer, die man sich für einen verregneten Sonntagnachmittag wünscht. Lieder, die so nostalgisch wie zeitlos über Alltagsbegebenheiten berichten und zum kurzen Innehalten einladen, wechseln sich mit kurzen Sehnsuchtsmomenten ab. Abgerundet wird das Album mit einer fantasievollen und abwechslungsreichen Instrumentierung – doch vor allem im zurückhaltenden wie thematisch intensiven „The Invisible Thread“ kommt die melancholische Wucht des Albums besonders zur Geltung. (Carl Ackfeld)

23

Racing Mount Pleasant

Racing Mount Pleasant

[R&R Digital]

Vor rund 20 Jahren wäre nach Veröffentlichung des Debüts von Racing Mount Pleasant vermutlich ein Ruck durch die Musiklandschaft gezogen, der Arcade-Fire-ähnliche Zustände erreicht hätte. Dieser Vergleich lässt sich bei der Band, die unter dem Namen Kingfisher bereits ein achtbares Album vorgelegt hatte, nicht vollends wegdiskutieren, auch wenn die Eckdaten zuweilen etwas anders lagern. Mischt man noch eine gehöre Portion Black Country, New Road hinein, fügt zu gleichen Teilen Folk, Jazz, Saxophonklänge und einen wehmütigen Leadsänger dazu, kommt es zu einer spannenden Wiedergeburt, die in den fließenden Songs des Albums Heimat findet. Ein Album, das gerade durch die Neuordnung Stilakzente setzt, ohne aufgeregt oder gar aufregend zu sein – aber das ist seine große Stärke. (Carl Ackfeld)


22

Other Lives

Volume V

[Play It Again Sam]

Dass „Volume V“ phasenweise wie ein Western-Soundtrack klingt, ist sicherlich kein Zufall. Schon seit jeher ist es eine Spezialität der Band, eher intime Folk-Klänge gleichsam in einen größeren Zusammenhang zu übersetzen. Und so öffnen sich direkt beim Opener und beim cineastischen „What’s It Gonna Take“, das gerade so am Kitsch vorbeischrammt, die Weiten der Prärie und der Canyons. Other Lives präsentieren in der Topographie eine friedliche Welt, kehren aber im Detail auch Politisches nicht unter den Teppich. (Felix Lammert-Siepmann)


21

Jenny Hval

Iris Silver Mist

[4ad]

Jenny Hval ist seit jeher bekannt für entrückte musikalische Perlen in atmosphärisch dichtem Gewand. Iris Silver Mist ist da keine Ausnahme, sondern setzt der mal absurden, mal grotesken, immer augenzwinkernden Lyrik noch eine Schippe drauf. Im nach einem Parfüm benannten Album geht es mal um Reinkarnation eines Burgers, das Dasein als Rose, Heiner Müller, öfters auch um Zigaretten und Rauchen als meditative Praxis, Tod, Sterben. Überhaupt gibt es deutlich mehr existentialistische Fragen und Überlegungen als noch auf dem wunderschönen Vorgänger Classic Objects. Jenny Hvals Schaffen auf Iris Silver Mist ist viel mehr als die Summe der Teile, die an sich schon atemberaubend wirken: verwinkelte Texte, die sich oft erst nach mehreren Anläufen erschließen – oder auch gar nicht; Wechsel zwischen Gesang, Spoken-Word, Instrumentalem; 90-sekündige Miniaturen neben sechsminütigen Klangreisen. Auf Albumlänge durchaus eine Herausforderung, aber damit auch eine Aufforderung zum Hinhören, zum Ausscheren, zum Fallenlassen. (Benedict Weskott)

20

Abor & Tynna

Bittersüß 

[Jive]

Es war vielleicht dann doch ein wenig zu mutig, das zwar eingängige, aber auch polarisierende „Baller“ zum ESC zu schicken, doch darüber hinaus ist es auch ein wenig schade, das österreichische Geschwisterpaar nur auf diesen cleveren Hyperpop-Beitrag zu reduzieren. „Bittersüß“ ist ein Album, das man zwischen die aktuellen Werke von Oehl, Nina Chuba oder auch Sofia Portanet einordnen kann – der juvenile Sprachduktus ist dabei vielleicht nicht jedermanns Geschmack, ist aber hier eben nicht nur Mittel zum Zweck, sondern sorgt eben wegen seiner guten Einbindung ins Gesamtklangbild für den Unterschied. (Carl Ackfeld)

19

Perfume Genius

Glory 

[Matador]

Mike Hadreas hat noch kein schlechtes Album aufgenommen. Nach dem herausragenden „Too Bright“ mit seinem Überhit „Queen“ ist „Glory“ ein weiteres Album, das eher von seiner Songorientierung lebt. Der aufs erste Ohr verkopfte Kunst-Pop der beiden Vorgängeralben ist passé, der Künstler nimmt sich große, nicht immer ganz einfach zu fassende Melodien und baut sie zu fassbaren, eindringlichen Songs zusammen. Ob das herrlich zerschossene Duett mit Aldous Harding – das im Übrigen hinreißend bebildert ist – oder auch die herrlich unkitischige Liebesballade „Angel & Me“, jeder Song zeigt, dass Perfume Genius dieses Album atmet, ja förmlich lebt. Aus vielen fabelhaften Einzelstücken entsteht so ein grandioses Seelenbild, so dass der Diskographie des immer noch jungenhaften Musikers ein weiteres fantastisches Kapitel hinzugefügt wird. (Carl Ackfeld)


18

Chat Pile & Hayden Pedigo

In The Earth Again

[Computer Students]

Eine Kollaboration, die Musikbegeisterte nicht zwingend auf dem Schirm gehabt haben, ist das Aufeinandertreffen von Chat Pile und Hayden Pedigo. Erstere sind schön länger kein Geheimtipp mehr und zählen zu den neuen Wegbereitern eines Noise Rock, wie er von Scratch Acid, The Jesus Lizard oder Killdozer skizziert wurde. Sie sind eine Urgewalt, die Lyrics mit politischem Unterton und harsche Musik amalgamieren. Pedigo ist eher für die leisen Töne bekannt, der Gitarrist aus Texas, der sich gerne als irgendwie tragischen Cowboy inszeniert. Sein Spiel ist geprägt durch Finger Picking und seine instrumentalen Songs evozieren eine amerikanische Landschaft voll von Tumble Weed und schier endloser Weite, einen nie existenten Sehnsuchtsort. Wie passen diese beiden musikalischen Pole nun zusammen? Wider Erwarten erstaunlich gut! Pedigo und Chat Pile lassen auf „In The Earth Again“ ihre Stile nicht aufeinanderprallen, sondern weben sie nahezu fließend zusammen. Und wenn man als Hörer:in meint, den einen oder anderen Einfluss direkt heraushören zu können, ist man beim Lesen der Credits oft arg überrascht ob deren Urheberschaft. (Mark-Oliver Schröder)


17

Valerie June

Owls, Omens, And Oracles

[Concord]

Es grenzt an ehrfurchterregend, wie Valerie June ihre Stimme zum Instrument aller Instrumente formen kann. So ausladend oszilliert sie in „I Am In Love“ um einzelne Silben, raunt in den Raum, wendet sich introspektiv in eine brüchigere Textur. Gewiss, zahlreiche Mitspielende setzen melodische, rhythmische, flächige Akzente, sowohl ihrem Gesang als auch dem Song als Ganzem. Doch ob im psych-souligen „Superpower“, „All I Really Wanna Do“s Doo-Wop oder dem (wenig überraschend) folkigen „My Life Is A Country Song“: Es ist Junes markantes eigenes Instrument, das ihre Worte von Hoffnung und (Selbst-)Ermutigung so sanft wie mitreißend trägt. (Uli Eulenbruch)


16

Just Mustard

WE WERE JUST HERE

[Partisan]

Das Shoegaze-Gewitter etwas zurückgeschraubt, dafür mehr bittersüße Klänge und einladende Träumereien: „We Were Just Here“ bricht mit vielen Erwartungen, schrammt bisweilen an der Grenze zum Mainstream („Dandelion“), um letztlich aber doch so einen unbeschwerten und unverfälschten Sound zu liefern, wie man ihn eigentlich nur von Debütalben kennt. Selbst in Brechern wie dem Closer „Out Of Heaven“ finden sich diese Attribute noch. Die Spielfreude der Band ist so greifbar, dass man sich oft nicht im Studio, sondern auf der Bühne wähnt. (Felix Lammert-Siepmann)


15

Natalia Lafourcade

Cancionera 

[Sony]

„Cancionera“ als Sommeralbum zu bezeichnen, wird ihm vermutlich nicht ganz gerecht und doch ist es besonders vor dem Hintergrund des eher melancholischen Vorgängers vordergründig genau das. Aber auch Songs wie das neckische „Cocos En La Playa“ und das treibende „El Paloma Y La Negra“ schlagen nicht über die Stränge. Vielmehr bewegen sie sich in den von Lafourcades sorgsam abgesteckten Grenzen, so dass „Cancionera“ keine große Strandsause wird, sondern eine Party mit ausgewählten Freundinnen und Freunden. (Felix Lammert-Siepmann)

14

Water From Your Eyes

It’s A Beautiful Place

[Matador]

Verspielt, verschnorrt, schön? Bis kurz vor den Rotbereich verzerrt bersten Gitarre und Drums aus „Born 2“ hervor, unbeeindruckt davon singsangt Rachel Brown drüber, bis sich ein Gniedelgewitter zu Double Bass entlädt. Es gibt Bands, die haben aus so einem Sound eine ganze Existenz gegründet. Für Water From Your Eyes nur ein Song auf einem ihrer vielen – je nach Zählung wahrscheinlich sieben – Alben, auf dem das New Yorker Duo eingängige Melodie zu einfallsreichem Spiel zieht. Mal rhythmisch verzogen, anderswo rein synthig, stimmlich stets gelassen bildet sich melodische Eingängigkeit aus unerwarteten Konstellationen. (Uli Eulenbruch)


13

PinkPantheress

Fancy That/Fancy Some More?

[Warner]

„Fancy That“ ist kein enorm komplexes oder umfangreiches Werk. Selbst für ein Mixtape ist es mit 20 Minuten Spielzeit auf der kürzeren Seite, und dennoch erklimmt Pinkpantheress hiermit neue Pop-Höhen. Ihre bisherige Samplefreude (fokussiert auf britische Dance-Musik der 00er-Jahre) übertrifft sie mit neuem Selbstbewusstsein im Songwriting, erzählt geradeheraus von langen Nächten im Club oder allein in den eigenen vier Wänden, Verlangen wie Unsicherheit in einer Melodieführung, die sich nicht nur in ihren eigenen Produktionen im Ohr einnistet. Auf der Expansion „Fancy Some More?“ blühen ihre Songs erneut auf in Remix-Form erneut auf, sowohl von den auf „Fancy That“ gesampelten Groove Armada und Basement Jaxx als auch den von ihnen (wie auch PinkPantheress selbst) beeinflussten Nia Archives oder Sega Bodega. Und auf der anderen Seite gibt es ihre Songs nochmal in Kollaboration mit Sugababes, Kylie Minogue oder Oklou, doch egal wie sich auch die Form ändern mag: Die große Popfreude bleibt erhalten. (Uli Eulenbruch)

12

Patrick Wolf

Crying The Neck

[Apport]

Auch mit „Crying In The Neck“ liefert Patrick Wolf wieder ein ausgesprochen englisches Album ab. Die recht lange Pause ist ihm kaum anzumerken, sofort wird der Hörer wieder in malerische Landschaften und mystische Erzählungen hineingezogen. Der Opener „Reculver“, der im Schnelldurchgang Wolfs bisherigen musikalischen und persönlichen Weg miteinander verwebt, stellt sich sogar als einer der mitreißendsten Songs seines Schaffens überhaupt heraus. Über allem schwebt eine Erhabenheit, die selbst aus den vereinzelt aufploppenden Coldplay-esken Refrains eine Kunstform macht. (Felix Lammert-Siepmann)

11

Model/Actriz

Pirouette 

[Dirty Hit]

Das Erstlingswerk war ein störrisches, ungestümes Biest mit Haken, Ecken, Kanten und nahezu unkanalisierter Wucht. „Pirouette“ baut darauf auf, sortiert und ordnet ein – ohne jedoch an Durchschlagskraft zu verlieren. Der Fairytale-Catwalk in „Cinderella“ ist dabei nur die Spitze des Eisbergs, so queer und camp wie Cole Haden durch das grandiose Video stolziert und so offenherzlich wie plakativ Sexualität, Mindset und Coolness präsentiert, ist das ein Spektakel sondergleichen. Model/Actriz wirbeln ihre Hörerschaft ganz schön durcheinander, mischen industrielle Klänge mit bollernden Beats und sägenden Bässen, dazu schreit Haden seine Gedanken im Flüsterton und mit der gewissen Laszivität in die Nacht – ein ganz besonderes Hörerlebnis! (Carl Ackfeld)


10

Cass McCombs

Interior Live Oak

[Domino]

„Interior Live Oak“ ist fast so etwas wie die Krönung auf Cass McCombs‘ mehr als 20-jährigem Weg seit seinem Debütalbum. Es ist nicht so, dass er zwischendurch große Durststrecken oder Tiefen zu überwinden gehabt hätte, doch so hellwach und spielerisch leicht hat man ihn selten erlebt. Und das Album nimmt sich Zeit: In weit über einer Stunde pendelt es zwischen dem großen Ganzen und Alltagsbeobachtungen, zwischen Skizzen und ausladenen Songstrukturen. Hier ist Amerika noch in Ordnung. (Felix Lammert-Siepmann)


9

Agriculture 

The Spiritual Sound

[The Flenser]

Agriculture haben schon auf ihrem Debütalbum bewiesen, das sie es mit ihrem „ecstatic black metal“ ernst meinen. „The Spiritual Sound“ legt die Messlatte noch einmal deutlich höher, dreht freier und macht damit in meinen Augen alles richtig. Dabei scheren sie sich einmal mehr nicht um gängige Genrekoventionen. Ihr Black Metal ist nicht pure, er saugt alles auf was das Quartett aus LA will: Death Metal, Shoegaze, Post-Rock, Screamo und gerne auch alles in einem Song. Aber es wirkt eben nicht wie Versatz, sondern wie aus einem Guss. „The Spiritual Sound“ hat viele große Momente, mein persönlicher ist dennoch „My Garden“. Ein Song mit Twists, die mir eine Gänsehaut bereiten und ein mehr als vortrefflicher Einstieg in das, was noch kommt. Für mich eigentlich die Metalplatte des Jahres, auch wenn eine andere hier weiter oben in der Liste steht. (Mark-Oliver Schröder)


8

ROSALÍA 

LUX

[Epic]

Das Phänomen Rosalía setzt mit LUX ihrem bisherigen Schaffen einmal mehr die Krone auf. Mit einer illustren Gästeschar, die von Björk und Yves Tumor bis hin zu Pharrell Williams und Venetian Snares reicht, eröffnet sie einen Reigen eklektischer Popmusik, die ihresgleichen sucht. Mit Streichern, die den Songs zufällige neue Eckpunkte bescheren, mit unverwertbar vielen Stimmfarben und Sprachen, die sich organisch in das Album einfügen. Und mit Rosalía selbst, die sich nicht nur als ikonische Lichtbringerin inszeniert, sondern diesen Zustand persönlicher Befreiung und Erlösung auch auf der gesamten Albumlänge auslebt. Dass es „Berghain“ mit seinem kultischen Video und dem (unter anderem deutschsprachigen) Chorgesang dabei sogar bis in die Top 20 der deutschen Charts geschafft hat, ist dabei nicht nur Randnotiz. Global, interkulturell, multilingual – LUX ist alles davon. (Carl Ackfeld)

7

Oklou

choke enough

[Because Music]

Oklou bringt Bewegung in Kristallwelten. Die gern effektverdoppelte Stimme der Französin gleitet über Ambientes wie über Beats, die ihre Songs wellenartig voranbewegen, Synths erhaben glasig bis wohlgemut („ict“). Entscheidend ist dabei die Geschwindigkeit: wenige und kurze Atempausen, ihre Produktionen pulsieren in einer Frequenz, die einem Festival-Rave entsprechen könnte – doch der große Beat droppt nicht, auch wenn sich „want to wanna come back“ mal mit Trance-Versatzstücken voranschaukelt. „choke enough“ umwallt, elektrisiert, evoziert dabei aber vor allem eine wundersame Atmosphäre. (Uli Eulenbruch)


6

FKA twigs

EUSEXUA

[Parlophone]

Ab in den Körper damit! Auf „EUSEXUA“ ist der Titel Programm, das Sinnliche nicht hinterm Schlafzimmervorhang verborgen, es will raus in die Welt. Noch bevor twigs FKA war, praktizierte Tahliah Barnett Anfang des letzten Jahrzehnts R&B in reduzierten Clubsphären, ohne dass ihrem hauchigen Gesang die Seele verblich. Derartige Präzision behält sich etwa der Electro-Pop von „PERFECT STRANGER“ bei, auch einem Dance-Track wie „CHILDLIKE THINGS“ und „ROOM OF FOOLS“ verschmieren vor lauter Schweiß nicht die Konturen. Gewachsen ist die Waghalsigkeit, das Selbstvertrauen, mit der FKA twigs ihre Stimme in „STRIPTEASE“ nahtlos von sphärischen Höhen in markante Physikalität umschwänkt und wieder zurück. Was in etwa auch die Bedeutung des neologistischen Titels evoziert – eine momentane Transzendenz, die über noch Euphorie hinausgeht. Nur halt in Popform.(Uli Eulenbruch)


5

caroline

caroline 2

[Rough Trade]

caroline, eine achtköpfige Bandhydra aus London, haben im Mai ihr zweites Album veröffentlicht. Gibt es einen Innovationssprung zum Vorgänger? Nein. Ist das ein Manko? Nochmals: Nein. „caroline 2“ macht nämlich alles, was den Vorgänger so erfrischend anders gemacht hat, einfach noch besser. Die Songs – wenn man die Stücke, die caroline spielen, denn so nennen kann – widersetzen sich jeglicher Songstruktur. Und sie wirken wie aus einer Impro-Session entstanden, fast unfertig. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Lauscht man tiefer in das Album hinein, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass hier nichts dem Zufall überlassen worden ist. Auch die Produktion wird noch einiges zur eingefangenen Magie beigetragen haben. So entsteht eine immense Intimität und Intensität, die caroline in die erste Liga des aktuellen Post-Rock katapultiert und obendrauf gibt es eine Kollaboration mit der fantastischen Caroline Polachek. (Mark-Oliver Schröder)


4

Lorde

Virgin

[Universal]

Die größte Frage spart sich Lorde auf „Virgin“ bis ganz zum Ende auf: „Am I ever gonna love again?“ Mit dem etablierten Abstand von vier Jahren war es 2025 Zeit für neue Musik der Neuseeländerin und nach dem Eskapismus des sonnendurchfluteten „Solar Power“ standen alle Zeichen auf einen rohen, introspektiven Nachfolger. Das bahnbrechende Rework von „girl, so confusing“ mit Charli xcx hatte Lorde gerade erst nachhaltig ins kollektive Popkulturbewusstsein zurückbefördert, da legte sie mit „What Was That“ direkt in neuer Klang- und Bildästhetik nach. Spätestens die klanglich rauen, lyrisch eindrücklichen und visuell atemberaubenden Singles „Man Of The Year“ und „Hammer“ machten klar, woher der Wind auf ihrem vierten Album weht: Die Platte handelt von sexueller und körperlicher Selbstbestimmung, fluider (Geschlechts-)Identität („Shapeshifter“, „Hammer“), Essstörungen („Broken Glass“), toxischen Liebesbeziehungen („What Was That“, „Current Affairs“, „David“), Erwartungsdruck von Lordes Mutter („Favourite Daughter“), Erwachsenwerden bzw. Nicht-erwachsen-werden-Wollen („GRWM“). Die Musik dazu ist unpoliert, manchmal skizzenhaft („Clearblue“), an andere Stelle aber auch warm und umarmend („Shapeshifter“). „Virgin“ operiert 35 Minuten lang am offenen Herzen und am Ende wird nicht vernäht, sondern einfach offengelassen. Lorde in Bestform. (Benedict Weskott)

3

Deafheaven

Lonely People With Power

[Roadrunner]

“Sunbather” ist inzwischen ein Klassiker, ein Genresprenger und Meilenstein und ich habe das Album beim Erscheinen hier auch ausgiebig gewürdigt. Seitdem sind mehr als 10 Jahre vergangen in denen Deafheaven natürlich nicht untätig gewesen sind. Sie experimentierten mit ihrem Sound und veröffentlichten mit „Infinite Granite“ sogar ein reines “Shoegaze”-Album, das viele Fans irritierte, aber in mir über die Jahre gewachsen ist und sicherlich zu einer Neuentdeckung empfohlen werden sollte. An dieser Stelle geht es aber um „Lonely People With Power“, ihr diesjähriges Album, das nur vordergründig auf Nummer sicher spielt, fühlt man sich beim Hören doch gelegentlich an die Hochphasen von „Sunbather“ erinnert. Doch Deafheaven wären eben nicht Deafheaven, wenn sie so verblieben. Vielmehr verweisen sie spielerisch auf ihre Bandgeschichte, öffnen sich aber für Neues. Es gibt einen wirklich dunklen Drone mit Jae Matthews von Boy Harsher, an einer anderen Stelle taucht Paul Banks von Interpol auf, oder es wird mit NEU! geflirtet. Fremdkörper? Mitnichten bei einer Band, die offensichtlich immer noch auf ihrer ganz eigenen Reise ist. (Mark-Oliver Schröder)

2

Geese

Getting Killed

[Partisan]

Wahrlich erstaunlich, wie viele Referenzen und längst verblasste Erinnerungen beim ersten Durchgang auf einen einprasseln. Und doch ist „Getting Killed“ hinter der ersten Schicht Nostalgie ein wahnsinniger Koloss. Es ist ein irre lässiger Ritt durchs Chaos, der durch den kakophonischen Gesang (anders würde es gar nicht funktionieren) Cameron Winters an beiden Enden eines seidenen Fadens zusammengehalten und vor dem Umkippen bewahrt wird. War der Vorgänger „3D Country“ der endgültige Durchbruch für die Band, Winters Solo-Album „Heavy Metal“ im Advent 2024 eine eindrucksvolle Bestätigung, so hat „Getting Killed“ Geese zu nichts weniger als zur wichtigsten Indie-Rock-Band der Gegenwart gemacht. (Felix Lammert-Siepmann)


1

Turnstile

Never Enough

[Roadrunner]

Zu keiner Platte hatte ich dieses Jahr ein zwiespältigeres Verhältnis als zu dieser. Vordergründig ist Turnstile eine Hardcore-Band seit 2010 am Start und verwurzelt im DIY-Ethos und ich muss gestehen, dass nicht nur der gefeierte Vorgänger „Glow On“ an mir vorbeigerauscht ist. So wurde ich von „Never Enough“ quasi kalt erwischt, konnte anfangs mit dieser musikalischen Wundertüte wenig anfangen. Wir gleiten hinein in „Never Enough“ auf schimmernden 80er-Synths, gefolgt von Midtempo-Bombast – übergroße Emotion, slicke Produktion, alles schreit Stadion und großes Festival. Eigentlich alles Dinge die mich stutzen lassen, dennoch kam ich immer wieder auf dieses Album zurück. Ertappte mich dabei, nachts im Halbschlaf, Textfragmente oder Melodiebögen vor mich hinzusummen. Irgendwie hatte mich die Band aus Baltimore gepackt und die anfangs befremdende Erfahrung wich purer Euphorie, wie wenn Turnstile Pop-Punk in Semi-House mit Tranceanleihen auflösen, wenn auf einmal Bläser oder Flöten zum Einsatz kommen oder wenn alles dann doch einfach nur glitzert, wie die Sonne auf sich leicht kräuselndem Wasser an einem warmen Sommertag. (Mark-Oliver Schröder)
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