
Kleine Zeitreise gefällig? Nicht dass 2024 ein allzu erfreuliches Jahr gewesen wäre, aber mit diesem Rückblick bieten wir eine Erinnerung der angenehmen Art an.
25 Alben, die uns besonders an die Herzen gewachsen sind. Alben, die nicht mehr aus dem Ohr gehen. Unsere Lieblingsalben 2024.
25 |
Fontaines D.C. Romance [XL Recordings] |
| Mit dem vierten Album wird alles anderes. Allerdings war eine solche Steigerung des Bekanntheitsgrades und die klangliche Hinwendung auf die größten Bühnen nach dem dunklen Vorgänger nur bedingt erwartbar. Andererseits konnte man den Iren nach drei fabelhaften Alben alles zutrauen und somit ist „Romance“ die bestmögliche Konsequenz mit großen Hymnen, bellendem Sprachgesang und zuweilen wabernder Psychedelik. Es ist große, strahlende Musik, die aufzeigen könnte, zu welchen Großtaten die Band um Sänger Grian Chatten noch fähig ist – die Speerspitze des kontemporären Post-Punks in all seinen Schattierungen sollte allerdings nunmehr erreicht sein. (Carl Ackfeld) |
24 |
Los Campesinos! All Hell [Heart Swells] |
| „Not right to call this old age, but it certainly ain’t youth no more“, sang das Septett aus Cardiff auf seinem letzten Album „Sick Scenes“. Heute sind Los Campesinos! sieben Jahre älter und machen emotionalen Indierock für Erwachsene. Erwachsene, die hoffen, dass die Kinder ihrer Freund*innen zu besseren Linken heranwachsen. Und die sich immer noch mit ihren Eltern über die Nutzlosigkeit der Polizei streiten. „All Hell“ macht es den Hörer*innen nicht schwer, die 15 neuen Songs ins Herz zu schließen. Es gibt große Mitsing-Refrains, Doo-Wop-Chöre, zuckrige Streicher und nur kurze, wohldosierte Ausflüge in den Moshpit (Wir sind schließlich nicht mehr die Jüngsten!). „All Hell“ ist eingängig, aber nie anbiedernd. Los Campesinos! bleiben unversöhnlich. Sie singen lieber Todesdrohungen mit Ohrwurmgarantie als naiv zu fragen: Warum müssen wir uns immer streiten? Und sie versuchen gleichzeitig, im Alter nicht zynisch zu werden, sondern weiter das Schöne in der Welt zu sehen: Liebe, Solidarität, ein blauer Himmel und ein Fußball ohne Länderspielpause und Expected Goals (xG). Die Hölle? Das ist alles andere. (Daniel Welsch) |
23 |
DIIV Frog In Boiling Water [Fantasy] |
| In Wirklichkeit hüpft der Frosch aus dem Kochtopf, wenn man das Wasser darin langsam erhitzt. Beim Menschen darf man sich allerdings nicht so sicher sein. Klimakrise? Rechtsruck? Wir sitzen das einfach aus. Den Soundtrack für die letzten Momente vor dem Siedepunkt liefert das Quartett aus Brooklyn mit „Frog In Boiling Water“. Man lauscht dieser Musik wie ein Insekt, das langsam in Harz versinkt. Man ist fasziniert vom goldgelben Schimmer und merkt zu spät, dass der Bernstein hart geworden ist. Denn es steckt viel Schönheit im sanften, aber dennoch kraftvollen Shoegaze von DIIV, in jeder strahlenden Akkordfolge, in jeder fast gehauchten Zeile von Zachary Cole Smith. Und die Musik verspricht Hoffnung, aber das ist trügerisch. Weil es sich entweder um leere Versprechungen der neoliberalen Selbstoptimierungsindustrie handelt, die DIIV auf ihren Konzerten und in ihren Videos parodieren, oder weil im Titelsong zwar die Möglichkeit eines Neustarts angedeutet wird, dieser aber mit Bücherverbrennungen beginnt. DIIV wollten mit „Frog In Boiling Water“ ein politisches Shoegaze-Album aufnehmen. Weder bietet diese Art der Musik Raum für scharfsinnige politische Analysen in den Texten, noch rüttelt sie die Hörer*innen auf und treibt sie auf die Barrikaden. Aber sie lässt uns spüren, dass uns der Kapitalismus wie eine gemütliche Gewichtsdecke ganz sanft, aber stetig erdrückt. (Daniel Welsch) |
22 |
Moin You Never End [AD 93] |
| Als Moin vor über 10 Jahren als Auskopplung des Elektronikprojekts Raime begann, war zunächst nicht einmal klar ersichtlich, ob Joe Andrews und Tom Halstead überhaupt traditionelle Rock-Instrumente spielten. Auch mit Perkussionistin Valentina Magaletti zum schon länger live auftretenden Trio angewachsen, blieb und bleibt die Herangehensweise von Moin collageartig, wenn sich in „Cubby” ein Vocal-Sample und impulsweise antreibendes Schlagzeug um gelooptes Saitenzupfen drehen. Ihr drittes Album mag stellenweise den Geist des Post-Punk atmen, synkopierte Gitarre und Regenwetter-Stimme inbegriffen, „It’s Messy Coping” mag im Shoegazigen wölkeln, aber ihr Art-Rock bleibt texturell dronig und unter Zunahme von Samples enorm eigenbrötlerisch. Gleichzeitig öffnet sich das Trio auf „You Never End” für Kollaboration, auf der Hälfte des Albums mit Vokalist*innen wie James K, die effektprozessiert durch „What If You Didn’t Need A Reason” geistert oder Olan Monk, doppelstimmig das eröffnende „Guess It’s Wrecked” einschattierend. Eigene Wege gehen muss nicht bedeuten, dass man sich vom Rest der Welt abgrenzt. (Uli Eulenbruch) |
21 |
Frail Body Artificial Bouquet [Deathwish Inc.] |
| Auch 2024 mussten eine Menge Wut und anderes herausgeschrien werden. Frail Body setzten in dieser Disziplin direkt zu Anfang des Jahres ein Ausrufezeichen. Wenn Screamo auf Blackgaze trifft, ist das zwar keine neue Mischung; dennoch ist sofort klar, dass „Artificial Bouquet“ das Zeug hat, ein etwas eingeschlafenes Genre wieder wachzurütteln, so ergreifend und geradlinig es auf den Hörer hereinprasselt. Stellvertretend mag hier „Runaway“ stehen, dessen melodischer Beginn in Wirklichkeit eine falsche Fährte legt und nur die kleine Einleitung zu der Mauer bereitet, die sich anschließend aufbaut und unter lautem Getöse für alle Zeit stehenzubleiben scheint. Es bleibt wenig Versöhnliches in „Artificial Bouquet“. (Felix Lammert-Siepmann) |
20 |
International Music Endless Rüttenscheid [Timeless Melancholic Music] |
| Macht man sich zu Fuß auf den Weg vom Essener Hauptbahnhof nach Rüttenscheid (selbst in gemächlichem Tempo ist das in unter 20 Minuten zu schaffen), stößt man zu Beginn auf großzügige Achsen für den PKW-Verkehr, die von repräsentativen Gebäuden gesäumt sind: Theater, Philharmonie, Folkwang-Museum und vielem mehr. Ein Hauch der Bonner Republik umweht die Szenerie. Der Übergang nach Rüttenscheid selbst erfolgt nicht schlagartig, sondern sanft. Auch in den kleinteiligen Strukturen des Quartiers ist noch der Geist des Althergebrachten zu spüren. Insofern dürfte „Endless Rüttenscheid“ mit seiner wohltuenden Herzlichkeit auch nicht als Lobeshymne, sondern eher als Utopie ausgelegt sein. Für Rückzugsorte im Kleinen, gegen die Einmischung der Mächtigen. (Felix Lammert-Siepmann) |
19 |
Hana Vu Romanticism [Ghostly International] |
| Hana Vu kommt aus der umtriebigen Indie-Folk-Szene Kaliforniens. Für das Cover zu ihrem Album „Romanticism“ stellt sie das Bild „Judith tötet Holofernes“ von Artemisia Gentileschi nach, nur dass Vu selber ist die Person ist, die enthauptet wird. Dieser Akt der Gewalt, der in seiner ursprünglichen Fassung als einer der Befreiung und Emanzipation gelesen werden kann, scheint Vu dazu zu dienen, ihren inneren Kampf mit dem Älterwerden zu versinnbildlichen. Jener zieht sich auch durch viele Songs des Albums, am beeindruckendsten wohl bei „22“. Auch musikalisch weiß „Romanticism“ mit seiner satten Produktion zu überzeugen. (Mark-Oliver Schröder) |
18 |
The Body & Dis Fig Orchards Of A Futile Heaven [Thrill Jockey] |
| The Body loten gerne Extreme aus. Das gilt zunächst für die Grenzen des Metals, dem sich Chip King und Lee Buford – im Herzen immer Punks geblieben – sowieso nie zugehörig fühlten. Das gilt aber auch für die Grenzen des Hörbaren: Ihr Sound bewegt sich vor allem an den äußersten Enden des Spektrums. Der Bass ist mehr spür- als hörbar, Chip Kings schrilles Kreischen geht mehr unter die Haut als ins Ohr. Den Raum zwischen diesen Extremen füllt auf „Orchards Of A Futile Heaven“ die in Berlin lebende Produzentin, Sängerin und DJ Felicia Chen aka Dis Fig mit ihren Stimmen (im Plural). Mal durchschreitet sie diesen Raum mit dem heiligen Ernst eines Mönchchors („Dissent, Shame“), mal schlängelt sie ihre Stimme mit der Eleganz einer Entfesselungskünstlerin durch den zerklüfteten Lärm („Orchards Of A Futile Heaven“). Meist gibt Dis Fig dabei den lieblichen Gegenpart zum Duo aus Providence, Rhode Island, steigert sich im fast zehnminütigen „Coils Of Kaa“ aber in einen besonders widerborstigen Wutanfall. (Daniel Welsch) |
17 |
Adrianne Lenker Bright Future [4AD] |
| Es ist weniger bemerkenswert, wie viele Songs die Amerikanerin zwischen ihrem Soloschaffen und ihrer Band Big Thief auf die Beine stellt, als auf welch durchgängig hohem Niveau sie dies vermag. Doch hört man „Bright Future”, wirkt das fast schon selbstverständlich. Lenkers sechstes Soloalbum atmet einen Geist von Spontanität und Zusammenwirken, auf einer Wellenlänge scheint sie mit den Mitspielenden (vorwiegend Nick Hakim, Josefin Runsteen und Mat Davidson), die ihr Gitarren- und Klavierspiel dezent komplementieren. Aufgeraut kratzen Stimme und Runsteens Violine in „Vampire Empire”, „Sadness As A Gift” ist kaminfeuerwarme Wermut, solo zieht „Cell Phone Says” in seinen Bann mit einer Melodie, die auch einen Song mit voller Instrumentierung tragen könnte, aber nicht muss. Wie das Ergebnis einer gewaltigen kreativen Anstrengung klingt „Bright Future” nicht – und ist auch daher bemerkenswert. (Uli Eulenbruch) |
16 |
Maya Shenfeld Under The Sun [Thrill Jockey] |
| Vom Spirituellen in den U-Bahn-Tunnel – so beginnt die Reise durch Maya Shenfelds Drone-Welt. „Tehom” wirft ein langes Echo, rattert und dampft wie eine alte Lok, nachdem gerade noch „A Guide For The Perplexed” das zweite Album der Berlinerin im Crescendo orgelartig langgezogener Noten eröffnet hatte. Am anderen Ende bettet eine sakrale Stimmwolke „Analemma” in ein traumhaftes Melodiebett, „Interstellar” funkt in kosmischen Synthesizer-Arpeggien – Klänge die, wie der Albumtitel mit einem davorgedachten “There is nothing new …” andeutet, an sich nicht zum ersten Mal ertönen. Es sind die panoramahafte Melodieführung und die Komplexität ihrer Arrangements, die Shenfelds Kompositionen eine so herausragende Wirkung verschaffen. (Uli Eulenbruch) |
15 |
Chat Pile Cool World [The Flenser] |
| Einmal in den Abgrund bitte. „Every moment that the bird sings sweetly/ Can’t be captured by the tip of the ballpoint pen/ I couldn’t take on the weight of existence/ I couldn’t watch them execute my friends.” Auf ihrem zweiten Album betreiben Chat Pile das Gegenteil von Schönmalerei, das sich aber weniger als Schwarzmalerei entpuppt als der Blick aus dem Fenster. In bissigem Noise-Rock erzählt „Cool World” von den Unterdrückten dieser Welt und denen, die ihren Untergang wollen, vergeblicher Hoffnung auf Gerechtigkeit, vergebliche Hoffnung überhaupt. In Moll, durchaus auch irgendwie melodisch eingängig, wirken die Vocals von Raygun Busch aber selbst schreiend wie in „Shame” weniger wie externe Aggression als nach innen gewandt – Ausdruck einer Seele, die kaum noch verarbeiten kann, was ihr auf Bildschirmen aus aller Welt begegnet. (Uli Eulenbruch) |
14 |
Mount Eerie Night Palace [P. W. Elverum & Sun] |
| Es ist schon etwas merkwürdig: Bereits bei der Ankündigung eines neuen Albums – wenn es denn überhaupt groß angekündigt wird – geht man im Falle Phil Elverums fast automatisch davon aus, dass es wieder nicht enttäuschen wird. Nur um letztlich doch wieder überrascht zu sein, wie großartig es geworden ist. „Night Palace“ ist eine verdichtete Enzyklopädie der naturalistischen Stille und des Innehaltens begleitet von Walen, Wind und Nebel. Sie lässt sich dabei einen Spalt breiter auffächern als so mancher Vorgänger. In 80 Minuten finden all seine Stile so viel Zeit wie selten zuvor auf einem Elverum-Album. (Felix Lammert-Siepmann) |
13 |
Cindy Lee Diamond Jubilee [W.25TH] |
| Cindy Lees Psych-Pop ergießt sich über das Dreifachalbum „Diamond Jubilee” wie aus einem Füllhorn. Mal mehr, mal weniger verschroben, immer mindestens ein wenig sonnengebleicht scheint so eine Menge an Songs zunächst unüberschaubar und auch nach dem fünzigsten Hören unfassbar, zumindest in ihrer Gesamtheit. Für sich genommen finden die Songs aber schnell ins Ohr, mit sanft verhalltem Doo-Wop wie „Wild One” oder dem knarzigen Glam von „Stone Faces”, der steicherumschwirrten Ballade „Crime Of Passion”, von “Ist das nicht alles etwas viel?” nähert man sich immer mehr der Antwort “Nein”. „Diamond Jubilee” ist wie eine Reise durch Cindy Lees kreatives Gehirn, leicht sprunghaft von einer Idee zur nächsten und mit unerwarteten Querverbindungen, so dass man sich bei der Frage ertappt, ob „Wild Rose” an einen 60er-Radioklassiker erinnert, das Motiv eines anderen Stücks auf diesem Album wiederaufgreift oder man es mal wieder zuviel auf Repeat hat laufen lassen. Erinnerungen an Gestern und Morgen. (Uli Eulenbruch) |
12 |
Warhaus Karaoke Moon [Play It Again Sam] |
| Dass Belgien ein gutes Pflaster für kreative, gern auch elegante Musik ist, die zwischen Indie-Rock und schwelgerischem Pop oszilliert, zeigt wiederholt Maarten Devoldere mit seinem Quasi-Soloprojekt Warhaus. Noch näher an den offenkundigen Vorbildern Cohen, Cave und (Jarvis) Cocker war er noch nie, das wird vor allem in der genialen Hommage „Jim Morrison“ sichtbar. Doch eigentlich erfordert es das ganze Album, um alle Kleinigkeiten, Verzierungen und Versatzstücke nachzuvollziehen – wie zum Beispiel dass die wunderbare Sylvie Kreusch (einst Band- und Lebenspartnerin des Musikers) die Hintergrunddiseuse gibt und so den Songs den letzten glänzenden Schliff verleiht. (Carl Ackfeld) |
11 |
The Decemberists As It Ever Was, So It Will Be Again [YABB] |
| Fakt 1: Es gibt kein schlechtes Album der Band aus Portland, Oregon. Fakt 2: Die verwendeten Vokabeln in allen bisher veröffentlichten Songs von The Decemberists würden ohne Schwierigkeiten ein mittelgroßes Wörterbuch füllen. Fakt 3: Die besungenen Geschichten und Begebenheiten sind nahezu grundsätzlich durchzogen von mythischen, historischen oder sagenhaften Themen. Fakt 4: Die Befindlichkeiten der USA spielen durchaus eine übergeordnete Rolle. Fakt 5: Die Stimme Colin Meloys ist die eines modernen Bänkelsängers. Fakt 6: All das hat sich auf dem fabelhaften achten Album nicht geändert und so lädt das Werk mit seinen bis zu 19-minütigen Songs zum eindringlichen Schwelgen zwischen Folk, barockem Pop im Stile des Canterbury Sounds und uramerikanischen Melodien ein. (Carl Ackfeld) |
10 |
The Last Dinner Party Prelude To Ecstasy [Island] |
| Bei keinem Album dieses Jahr habe ich so lange gezögert, gehadert, mit mir gerungen und bin doch immer wieder zu ihm zurückgekommen wie bei „Prelude To Ecstasy“. Alles schien mir zu ausgedacht, zu perfekt inszeniert: Der Pomp, die Kostüme, das über allem schwebende Campe. Alles kam mir vor wie Augenzwinkern und ich haderte. Schnell fanden sich Songs in meiner ersten Lieblingsplaylist 2024 und in der zweiten wieder. Schlussendlich musste ich diese Platte haben. Ob da nochmal was nachkommt? Scheißegal! „On Your Side“ hat mir mehr als einmal den Tag gerettet. (Mark-Oliver Schröder) |
9 |
Mannequin Pussy I Got Heaven [Epitaph] |
| Mit dem Titelsong zu Beginn des Albums springt Frontfrau Marisa Dabice die Hörer*innen an wie ein Hund, bei dem man hofft, dass er wirklich nur spielen will. Und ja, „I Got Heaven“ ist verspielter als der Vorgänger „Patience“ vor fünf Jahren, auf dem Marisa Dabice die Erfahrungen mit einem gewalttätigen Partner zu trotzigen Ich-komme-schon-klar-Hymnen verarbeitete. Jetzt ist Marisa Dabice wieder die „badass“ Frontfrau der ersten beiden Alben, die Spaß am Spiel mit Lust und Begehren hat. Auch musikalisch ist „I Got Heaven“ verspielter als der Vorgänger, das Quartett aus Philadelphia entfernt sich weiter von seinen Punk-Wurzeln. „Nothing Like“ und auch der Closer „Split Me Open“ hätten The Cardigans so ungefähr in ihrer „Gran Turismo“-Phase geschrieben. Für die naiv-liebliche Ballade „I Don’t Know You“ packt Schlagzeugerin Kaleen Reading die Besen aus. Mit seinen Abzählreim-Strophen erinnert der Song an „1234“ von Feist – zumindest bis sich die Dröhn- und Drohkulisse im Hintergrund aufbaut. Wie schon auf dem Vorgänger scheuen Mannequin Pussy weder die großen Pop-Momente noch die kurzen Hardcore-Attacken wie „OK? OK! OK? OK!“, „Of Her“ und „Aching“. (Daniel Welsch) |
8 |
Tapir! The Pilgrim, Their God And The King Of My Decrepit Mountain [Heavenly] |
| Sollten die Musiker unseres Platz 11 irgendwann mal in Rente gehen, haben sie hier einen potentiellen Nachfolger gefunden. Deren Debütalbum fasziniert mit kreativem Storytelling über drei deutlich voneinander abgegrenzte Akte, einer fantastischen Geschichte, die in unterschiedlichen musikalischen Ausprägungen zwischen Folk, Prog, (Soft-)Rock und ambienten Strukturen erzählt wird und einem Stimmengewirr, das arg an das Debüt der artverwandten San Fermin erinnert. Spätestens wenn „My God“ erklingt und britischen Crooner-Folk mit dem gleichnamigen Motown-Stück kreuzt, glaubt man alles gehört zu haben – doch krönen die Londoner ihr aus drei EPs bestehendes Werk mit dem strahlenden „Mountain Song“, für dessen nahezu plastische Anmutung noch der richtige Fantasyfilm gedreht werden muss. (Carl Ackfeld) |
7 |
Blood Incantation Absolute Elsewhere [Century Media] |
| Blood Incantation aus Denver haben einen erstaunlichen Lauf an Alben hinter sich. Das Debut “Starspawn” wurde gefeiert, der Nachfolger „Hidden History Of The Human Race“ gilt als Meisterwerk, dann kurz innehalten und ein Ambient-Album veröffentlicht und dann „Absolute Elsewhere“. Ich muss vielleicht noch einmal kurz erwähnen, dass Blood Incantation eigentlich eine Death-Metal-Band sind, wenn auch keine normale. Denn der Hang zum Kosmos und das Spiel mit dem Tod haben bei den Jungs aus Denver schon immer wilde Prog-Blüten getrieben. „Absolute Elsewhere“ treibt diese in neue Höhen, holt sich gleich noch Unterstützung von den alten Raumreisenden Tangerine Dream und flirtet mehr als einmal mit Pink Floyd. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich das mal abfeiern würden, aber „Absolute Elsewhere“ ist der Hammer. Nebenbei hat es die beste Textzeile des Jahres: „All life is temporary/ what lasts is consciousness“. (Mark-Oliver Schröder) |
6 |
MJ Lenderman Manning Fireworks [Anti-] |
| Der Mann hat Spaß, so viel kann man festhalten. Ob er nun in „She’s Leaving You“ süffisant sein Gegenüber anlächelt oder im Titeltrack nicht allzu sarkastisch auf das Leben blickt – all das kommt stets mit einer Menge Enthusiasmus daher. Gleichzeitig nähert sich MJ Lenderman musikalisch auch immer der kleinen Alt-Country-Welle an, die vor über 25 Jahren startete und wenig später mit Songs: Ohia, Silver Jews und Bonnie ‚Prince‘ Billy ihren Höhepunkt fand. Kommerziell gesehen ist er vermutlich schon erfolgreicher als damals alle der Genannten zusammen. Doch gerade der respektvolle Blick zurück, gepaart mit der Übersetzung in die Gegenwart, macht aus „Manning Fireworks“ wieder ein eigenständiges Meisterwerk. (Felix Lammert-Siepmann) |
5 |
Nilüfer Yanya My Method Actor [Ninja Tune] |
| Nilüfer Yanya hat ihr Label gewechselt und „My Method Actor“ beim altehrwürdigen Leftfield-Indie-Electroniclabel Ninja Tune veröffentlicht. Macht sich das musikalisch bemerkbar? Ja und nein. Die Beats wirken streckenweise mehr programmiert und manche Songs gesetzter, weniger Post-Punk als auf den Vorgängern, fast leicht, licht, poppig. Andererseits holt sie auch die krachigste Gitarre ihrer Karriere raus und nähert sich Indierock. Diese Brüche fanden manche nicht so gelungen, ich liebe sie. „My Method Actor“ erscheint wie Nilüfers persönlichstes Album bis dato. (Mark-Oliver Schröder) |
4 |
Allie X Girl With No Face [Twin Music] |
| Auf „Girl With No Face“ hat Allie X sich emanzipiert – von Erwartungen, Fremdbestimmung, Vorgaben, Labels. „Ich werde nicht versuchen, jemand anderem zu gefallen, denn es gibt sonst auch niemanden in diesem Raum“, sagte sie dem Rolling Stone und meint es ernst, denn das Album entstand bis auf einzelne Schliffe komplett in Eigenregie. Zwischen Elektropop und Glamrock bricht Allie X auf ihrer Reise in die 80er einen musikalischen Mittelfinger nach dem anderen vom Zaun und gibt ihrer beunruhigenden, gestaltwandelnden Persona die volle Kontrolle. Vier Jahre nach „Cape God“ kommen die Geister abgesägter Künstler:innen (im Titelsong „Girl With No Face“) dabei genauso zum Klang wie körpersdysphorische Wut („Off With Her Tits“) und entrückte Deutsch-Fetzen in „Weird World“. Spätestens mit diesem Album stellt sich nachdrücklich die Frage, warum Allie X eigentlich nicht bekannter ist. An musikalischer Finesse, Wandelbarkeit, Vorstellungskraft und Fertigkeit kann es jedenfalls nicht liegen. (Benedict Weskott) |
3 |
Colin Stetson The Love It Took To Leave You [Envision] |
| Beklemmung herrscht auf „The Love It Took To Leave You“ gleich von der ersten Sekunde an vor. Unzweifelhaft schlagen hier auch die unzähligen Scores und Soundtracks durch, die Colin Stetson in den letzten Jahren angefertigt hat. Doch der Film für dieses Album muss noch geschrieben werden. Begraben unter eiskalten Schichten schimmert nur vereinzelt Licht hindurch. Ausgerechnet wenn man glaubt, den Wahnsinn überstanden zu haben, holt Stetson gegen Ende mit dem 22-minüter „Strike Your Forge And Grin“ mit erdig aufgedrehten Drones den größten Hammer heraus. Nichts geht mehr, dieser Typ wird immer größer. (Felix Lammert-Siepmann) |
2 |
The Cure Songs Of A Lost World [Polydor] |
| Ganz ehrlich, hat wirklich noch jemand auf ein neues Album von The Cure gewartet? Das letzte von 2008 haben vermutlich nur die harten Fans wahrgenommen. Sicherlich waren sie live weiterhin aktiv und auch erfolgreich, aber ein neues Studioalbum? Dann tauchte im November „Songs Of A Lost World“ auf und auf einmal schien alles möglich. Robert Smith hat Songs geschrieben und mit seiner Band aufgenommen, die aus der Zeit gefallen zeitlos klingen und irgendwie eher wie eine Weiterführung der vierzig Jahre alten Trilogie “Seventeen Seconds”, “Faith” und “Pornography” wirken. Dazu passt irgendwie auch, dass Smiths Stimme immer noch erstaunlich jugendlich klingt. Die Musik nimmt erstaunlich viel Raum ein und lässt sich für die Entwicklung des jeweiligen Topos Zeit. Daher erscheint es auch nur folgerichtig, wenn die Sonderedition des Albums mit einer Instrumentalfassung aufwartet, die tatsächlich eine Berechtigung hat. Ich hatte The Cure nicht mehr auf dem Schirm und seit Mitte/Ende der 80er nicht mehr so viel Zeit mit dieser Band verbracht wie seit November. (Mark-Oliver Schröder) |
1 |
Charli xcx BRAT / Brat and it’s completely different but also still brat [Atlantic] |
| Es war ihr Jahr. Billie Eilish oder Sabrina Carpenter mögen mehr gestreamt worden sein, aber an Charli xcxs brat summer, neongrün und Angels kam 2024 keine:r vorbei, der:die auch nur einmal eine Social-Media-App aufmachte. „Brat“ setzte Maßstäbe in mehrerer Hinsicht, indem das Album und die dazu gehörige Kampagne eindrucksvoll zeigten, was Popmusik und -kultur heutzutage sein kann: mit einem Marketing für die Geschichtsbücher (und PR-Seminare), dem phänomenalen Rework-Album „Brat and it’s completely different but also still brat“, auf dem eine ganze Armada musikalischer Freund:innen den Songs neue Dimensionen und Bedeutungen gaben, und der SWEAT-Tour mit Troye Sivan, bei der alle Hypes, virale TikTok-Tänze und eben genannte Kolleg:innen auf die Bühnen der USA kamen. „Brat“ ist insofern ganz offensichtlich mehr als ein Musikalbum. Es ist ein großes Statement, genauso laut und unübersehbar wie sein Cover. Mit einem atemberaubenden Lineup an Produzent:innen transportiert Charli xcx darauf eine Lebenseinstellung, ein verbindendes Moment und eine Tiefe, bei der für Exzess („365“, „Club Classics“), selbstbestärkende Eskalation („Von Dutch“, „360“) und verträumte Raves an der Amalfiküste („Everything Is Romantic“) genauso Platz ist wie für Trauer um Charlis viel zu früh verstorbene Freundin und Schwester im Geiste SOPHIE („So I”), schonungslose Auseinandersetzungen mit einer Celebrity-Kultur, die Frauen gegeneinander ausspielt („Girl, So Confusing”, „Sympathy Is a Knife”, „Mean Girls“) und intime Fragen nach der Vereinbarkeit von Kinderwunsch und Karriere („I Think About It All The Time“). Mit so eklektischen Musiker:innen und Bands wie Robyn, Lorde, Billie Eilish, Jon Hopkins, Ariana Grande, Bon Iver, BB Trickz oder Yung Lean zeigte Charli xcx auf „Brat and it’s completely different but also still brat“ unmissverständlich, welchen Stellenwert als Künstlerin, Songwriterin und Freundin ihre Kolleg:innen ihr einräumen. 2024 wird als year of the brat in Erinnerung bleiben – und Charli xcx als einflussreichste Protagonistin der Popkultur dieses Jahres. (Benedict Weskott) |