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AUFTOUREN 2017 – Geheime Beute

Das Jahr 2017 ist kalendarisch zu Ende – die Musik lebt weiter.

Als Beweis wollen wir auch diesmal wieder 30 feine, grandiose, unbeachtete, nischige oder einfach nur sehr schräge Werke vorstellen, die wir bis dato nicht angemessen würdigen konnten. Hier ist unsere Auswahl der Geheimen Beute für 2017.


Jen Cloher – Jen Cloher [Marathon Artists]

Jen Cloher nimmt kein Blatt vor den Mund, nicht nur dann, wenn sie über die Diskrepanz zwischen dem Erfolg ihrer eigenen Musikkarriere und der ihrer Lebens- und Bandpartnerin Courtney Barnett singt. „Indie rock is full of privileged white kids/ I know because I’m one of them/ Who else has the luxury to gaze backwards? […] I went out on the road with my girlfriend/ I watched her have the career most people dream“ Ob im flott-verschrammelten „Strong Woman“ oder im Eddy-Current-ausgespannten „Analysis Paralysis“: Selbst wenn ihre Texte Bitterkeit über die australische Politik und Gesellschaft ausdrücken, beweisen Clohers Songs eine melodiöse Bestandskraft, wie sie den schwermütigen Rock ihrer Heimat seit Jahren auszeichnet – keines vermochte das 2017 besser als dieses. (Uli Eulenbruch)


Alessandro Cortini – AVANTI [Point Of Departure]

Anders als bei seinen eher brodelnden, bassigen Ambient-Werken geht Alessandro Cortini auf „AVANTI“ in die hohen Frequenzen synthetischer Drones. Knisternd-zerfasert, als hätte der Italiener seine analogen Synthesizer mit zu enthusiastischer Regelung übersteuert, steigern sich die Stücke immer wieder in gleißende Intensität, die mal an die emotionalen Maximalismen Sevendeaths‘ oder Ben Frosts, mal an die sublimeren Momente von Belong oder Eluvium erinnert. (Uli Eulenbruch)


Ifriqiyya Électrique – Rûwâhîne [Glitterbeat]

Wenige Alben waren dieses Jahr so herausragend und zugleich so schwer zu beschreiben wie dieses. „Rûwâhîne“ ist Sufi-Trance, Post-Punk, Industrial-Beat, polyrhythmischer oder krautiger Groove, spiritueller Gesang mit Höhlenecho, Fiepen und Hämmern, ekstatisch und geisterhaft. Für mehr möge man ausführlicher informative Pressetexte bemühen – aber vor allem unbedingt einmal in aller Ruhe zuhören. (Uli Eulenbruch)


Winter Family – South From Here [Ici D’ailleurs]

Xavier Klaine und Ruth Rosenthal sind Winter Family und seit 2007 auf der Suche nach dem verschrobensten Popsound des Universums. „South From Here“ ist ihr sechstes Album und bleibt dem bisherigen Klangkosmos treu, der irgendwo zwischen rauem Gothic-Pop und psychedelischen Punkfragementen oszilliert. Orgelsounds wie beim quicklebendigen „Spring Roll“ wechseln sich mit berstender Industrieästhetik ab, in „Miss Bonaventure“ lugen Sparks um die Ecke und irgendwie schreit „South From Here“ auf ganzer Spielzeitlänge nach den frühen, rohen und unbehauenen Songs der ersten Punkwelle. Doch mit „Delightful Blindness“ beweist das israelische Bandgespann auch ungeahnte Artpop-Qualitäten. (Carl Ackfeld)


Joanne Pollock – Stranger [Planet Mu]

Joanne Pollocks Electro-Pop hat Agilität und Politur. Die braucht er auch, mit einer Soundpalette zwischen mechanischem Klappern und synthigen Glocken, die leicht zu trocken oder steif erscheinen könnte, doch Pollock scheut die allzu simple Linie in Rhythmik wie auch Gesang. Durch verschleppte, Scharten schlagende Kicks und Perkussionslawinen schlängelt sich ihre hochbiegende Stimme wie im Slalom, um dann wieder zu ganz erhabener Harmonie zu finden. Das ist so futuristisch, wie man es auf Planet Mu erwarten würde, aber eben auch ungewohnt eingängig. (Uli Eulenbruch)


Zimt – Glückstiraden [Tapete]

Geht doch mit dem deutschsprachigen Gitarrenpop! Kein krampfhaftes Grinsen, keine krampfhafte Grimasse, Zimt tragen im Zweifelsfall lieber etwas dünner auf und schleichen sich dafür umso wärmer ins Gehör. Hinter dem legeren bis treibenden Jangle und gelegentlich auseinanderzufallen drohendem Keyboard verbirgt sich ein ebenso trügerisch unaufgeregter Vortrag von Zeilen wie „Ich will, dass es euch gut geht/ doch euer Wohlstand regt mich auf“, die man sich mitunter auch von der xten Deutschpunk-Band gebrüllt vorstellen könnte, so aber natürlich viel subversiver angekuschelt kommen. (Uli Eulenbruch)


Master Boot Record – INTERRUPT REQUEST [Data Airlines]

„I am a 486DX-33MHz-64MB processing avant-garde chiptune, synthesized heavy metal & classical symphonic music. 100% Synthesized, 100% Dehumanized.“ – so die Selbstdefinition von Master Boot Record bei Bandcamp. Die trifft das Musikalische schon sehr gut, knallt lieber direkt auf die Zwölf, als es sublim angehen zulassen und balanciert dabei immer wieder am Abgrund zum Kitsch. Mit rockender Elektronik Sozialisierte könnten auch noch an Justice denken, hätten diese den Weg von „Waters Of Nazareth“ konsequent weiterverfolgt. War anfangs alles völlig anonym, teilweise mit kryptischen Coderätseln durchsetzt, ist inzwischen zumindest die Herkunft gelüftet: MBR operiert aus Rom und unter dem Moniker WAREZ beglückt er seine Unterstützer kostenfrei mit stetig upgedateten Interpretationen klassischer Videospielmusiken. Spread The Code. (Mark-Oliver Schröder)


Jana Rush – Pariah [Objects Limited]

Ähnlich wie Footwork-Szenekollege DJ Earl zuletzt unter anderen in seiner Zusammenarbeit mit Oneohtrix Point Never bildet auch die Chicagoerin Jana Rush auf ihrem Debütalbum Schweberäume, die einen wattigen Ambientcharakter haben. Das ist aber vor allem der sanfte Einstieg in ihre Footwork-Vision, die sich alsbald als facettenreich, aber auch konzeptuell präzise entpuppt: Mal mischt sie Vintage-Soul-Samples, mal Acid-Synths zwischen die peitschenden Claps und rollenden Snares, während „Frenetic Snare“ oder „Rapid Fire“ perkussionsmäßig in die Vollen gehen. Mehr noch als durch Soundpalette unterscheiden sich die Tracks aber in Struktur und Dynamik – hier ein Zickzack, dort ein durchgängiger Groove. Die Präzision stimmt immer. (Uli Eulenbruch)


Joseph Shabason – Aytche [Western Vinyl]

Der Name Joseph Shabason dürfte nur durch akribische Studie von Albumcredits geläufig sein, seine Musik kennen allerdings die meisten: Seine soft-eleganten Saxophonhaucher sind im wahrsten Sinne des Wortes instrumental für die Werke von Destroyer der letzten sechs Jahre. Stücke wie das von Wasser und Jazzbesen benetzte „Long Swim“ oder der Titeltrack von Shabasons Debütalbum gerieren sich dann auch so, als hätten seine Outros und Zwischenspiele auf „Kaputt“ ein Eigenleben entwickelt, das durch tiefen Ambient-Drift nur noch verstärkt wird. (Uli Eulenbruch)


Honey Dijon – The Best Of Both Worlds [Classic Music Company]

Obwohl weniger als die Hälfte der Tracks in den letzten drei Jahren vereinzelt erschienen, wirkt das Debütalbum der New Yorkerin wie eine Singles-Compilation – im besten Sinn. Durch Bpm-Variationen zwischen 100 und 120, vor allem aber durch wohlbalancierte Gewichtung und Dimensionierung der Anschläge gibt Dijon ihren Vokalist*innen Freiräume und Intensitäten mit Eigencharakter für jeden Track. Ob Cakes Da Killa im angriffslustigen „Catch The Beat“, die flüsternde Nomi Ruiz in „Love Muscle“, Sam Sparro im pianobeschwingten „Look Ahead“ oder der lüstern raunende Charles McCloud im technoid verschwitzten „Personal Slave“: Was die Stücke eint, ist Dijons Verehrung für House der 90er und ihre Vision des Clubs als Ort der Freiheit für alle, die von einer rückständigen Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. (Uli Eulenbruch)



Das Jahr 2017 ist kalendarisch zu Ende – die Musik lebt weiter.

Als Beweis wollen wir auch diesmal wieder 30 feine, grandiose, unbeachtete, nischige oder einfach nur sehr schräge Werke vorstellen, die wir bis dato nicht angemessen würdigen konnten. Hier ist unsere Auswahl der Geheimen Beute für 2017.


STILL – I [PAN]

Das Berliner PAN-Label bleibt eine kreative Bank. Neben der grandiosen Ambient-Compilation „Mono No Aware“, Pan Daijings psychedelischem Noise-Techno und dem Comeback-Album von Errorsmith kam die originellste Veröffentlichung vom Milaner Simone Trabucchi alias STILL. „I“ ist aus Trabucchis Geschichtsforschungen über die kolonialen Verbindungen seiner Heimatstadt zu Jamaika und Äthiopien erwachsen, aber alles andere als akademisch. Digitale Riddims zischeln und rattern wahlweise deep oder wild, afro-italienische Vokalist*innen geben den Ton an und auch mit glitchiger Verfremdung nimmt das Orgelspiel von „Haile Selassie Is The Micro-Chip“ sakrale Züge an. (Uli Eulenbruch)


Kaleema – Nómada [Tropical Twista]

Tropische Instrumentierung trifft metropole Beats: So facettiert wie der nomadische Lebenslauf von Heidi Lewandowski ist auch ihr Debütalbum als Kaleema. Durch die Arbeit ihres Vaters fürs Goethe-Institut kam sie schon als Kind in Buenos Aires mit elektronischer Musik aus Deutschland in Kontakt, doch sowohl die perkussiven Elemente als auch die Rhythmen auf „Nómada“ sind eher wie eine Reise quer durch die Anden. Ob sich „Retorno Del Saturno“ technoid ins Kosmische dehnt, Lido Pimienta im poppigen „Copal“ von harter Kickdrum und gedämpfter Flöte umzogen wird oder „Ritual“ einen dronigen Handtrommel-Workout vollzieht, stets bewahren Kaleemas Songs und Tracks eine geradezu meditative Grundruhe. (Uli Eulenbruch)


James Place – Voices Bloom [Umor Rex]

Auf seinem dritten Album schöpft der NewYorker das Potential der menschlichen Stimme aus, mehr als nur Rede- oder Gesangsorgan zu sein. Durch Sample-Manipulation wird sie in „Rumor And Choir“ zum perkussiven Flattern, in „Theatre“ zur ambienten Echotextur, in „Robin Weep“ zur synthigen Melodie. Nicht minder traumhaft wird der stets in ferne Erinnerungen greifende Ambient- und Kraut-Techno aber bei „Move In Blue“, wo sich die Vocals lange nur als endlos gedehnter Silbenansatz zeigen – wenn sie zum Mittelteil in ätherisch intonierte Worte zusammenwachsen, erinnert das wegen des sanft knisternden Beats glatt an Burial. (Uli Eulenbruch)


Ka Baird – Sapropelic Pycnic [Drag City]

„Sapropelic Pycnic“ beginnt schon zu trällern, bevor überhaupt die erste Flöte erklingt. Auch wenn mitunter sachte schiebende Beats oder schwirlende Synths das Bild ergänzen, prägt Ka Baird ihren Sound vorwiegend mit dem handlichen Blasinstrument. In verwobenen Schichten spannt es den Rahmen für das glasige, ausgedehnte „Transmigration“, hechelnd und trällernd flittert es in „Ka“ um Bairds ebenso grenzchaotisch geloopte Zischel-Samples und minimalistischen Pad-Groove. So psychedelisch wie seltsam zauberhaft. (Uli Eulenbruch)


Sarah Davachi – All My Circles Run [Students Of Decay]

Ein akustisches Drone-Instrumentarium? Sarah Davachi macht es vor: Auf „All My Circles Run“ bilden Streicher, Orgel, Piano und Stimme jeweils eine Komposition, die nicht nur im Klang, sondern überhaupt im Charakter höchst eigen sind. Von ambienter, melancholischer Schwere über oszillierendes Schweben bis zum sakralen Kurvenflug zeigt die Kanadierin, dass es nicht immer der Synthesizer sein muss. (Uli Eulenbruch)

Chino Amobi – PARADISO [UNO NYC]

In einem exzellenten Essay formulierte Liz Pelly unlängst ihre Befürchtung, dass Streaming-Dienste ihre vielgenutzten Playlist-Angebote derart auf störungsfreie Berieselung fokussieren, dass die derart konsumierte Musik zur bloßen Muzak verkommt. Chino Amobi will sicher nicht Teil dieses Ökosystems sein. Seine hochpolitischen Beats sollen alles andere als chillaxen oder Monday-morning-motivieren, sondern mit Sirenen und Pistolenschüssen wachrütteln – die Überladung ist in Kauf genommen. Selbst die gezupte Akustikgitarre in „ANTIKEIMENON“ besitzt eine leicht unbequem hohe Grundlautstärke, von den folgenden Noise-Einwürfen ganz zu schweigen. Nicht nur in kathartischer Hinsicht ist „PARADISO“ aber die Herausforderung wert: Seine apokalyptische Szenerie bietet auch immer wieder zarte, mitunter poppige Lichtblicke, bis diese von der Gewaltmaschinerie attackiert werden.(Uli Eulenbruch)


Flotation Toy Warning – The Machine That Made Us [Talitres]

Ladies And Gentlemen We Are Flotation Toy Warning In Space. Tolle Spiritualized–Referenzen mit Tiefgang, dabei verliert die Band sich aber trotz langer Songs nie in den Weiten des Universums. Orchestrale Arrangements treffen auf liebliche Gitarrenlinien und schweben in hohen, aber greifbareren Sphären als so manche Kollegen des Shoegaze-Genres. Und das ist nach der jahrelangen Pause seit ihrem Debüt besonders bemerkenswert. (Ulli Reusch)


Stabscotch – Uncanny Valley [Visual Disturbances]

Ein permanent angepisster Sänger, Saiten zum Rein- und Perkussion zum Draufhauen: Stabscotch haben alles, was eine generische Noiserockband braucht. Bereits die durchschnittlich sechsminütige Spiellänge, spätestens die Form seiner Songs macht aber klar, dass das Trio aus Indiana mit Genrekonventionen wenig am Hut hat. In „Black Effigy Speaks“ streifen übel verpitchte Synths und humpelnde Saiten über Drone-Krater, dräuender Bass verätzt in „The Fungal Brooden Rainforest“ ein psychedelisches Blockflötenfest und „Liberation // Dimensional Snot“ wird allein schon dadurch seltsam, dass anscheinend jemand vor der Aufnahme den Gitarrenverzerrer sabotiert hat. Sludge-Walzen wie „TDYКИLА-THУRУ WARA“ gibt’s dennoch reichlich. (Uli Eulenbruch)


DJ Lycox – Sonhos & Pesadelos [Príncipe]

Das Label Príncipe schien sich dieses Jahr nicht auf den verdienten Lorbeeren der letzten beiden Jahre auszuruhen, sondern untermauerte unter anderem mit Nídias (fka Nídia Minaj) furiosem „Nídia É Má, Nídia É Fudida“ das unberechenbare, aufregende Potential der schwer definierbaren afroportugiesischen Dance-Szene Lissabons. Ohne in chaotischer Energie und Drum-Dichte zurückzustehen, überrascht darunter besonders das Debütalbum von DJ Lycox, das schroffes Kuduro- und Kizomba-Uptempo mit sanft-atmosphärischer Melodik vermischt. Wenn das Klappern der Perkussion nachlässt, wird „Solteiro“ so zu regelrechtem Dreampop. (Uli Eulenbruch)


Nadah El Shazly – Ahwar [Nawa]

„Psychedelisches Verbindungselement von arabischer und westlicher Welt mit kosmopolitischem Überbau“ klingt zwar sehr technisch, trifft aber den Kern der Musik Nadah El Shazlys ziemlich direkt. Sozialisiert durch Punk und Elektro, hört man bei „Ahwar“ ein modernes Großstadtmärchen, das seine Inspiration aus traditionellen Instrumenten, Polytonalität und asynkopischer Rhythmik bezieht. Was Howie Lee mit seinen HipHop-Kollagen in China bastelt, setzt die aus Kairo stammende Nadah El Shazly für ihren eigenen Kulturraum gestaltwandlerisch zusammen, ohne dabei im Experimentierstatus stecken zu bleiben. Kein Album für ungeschulte Ohren, doch spätestens wenn die Psychorgel bei „Palmyra“ dem pulsierenden Beat Paroli bietet, lädt „Ahwar“ zum Eintritt in ein Zauberreich ein, welches nicht so fern ist, wie es auf den ersten Blick scheint. (Carl Ackfeld)


Das Jahr 2017 ist kalendarisch zu Ende – die Musik lebt weiter.

Als Beweis wollen wir auch diesmal wieder 30 feine, grandiose, unbeachtete, nischige oder einfach nur sehr schräge Werke vorstellen, die wir bis dato nicht angemessen würdigen konnten. Hier ist unsere Auswahl der Geheimen Beute für 2017.


Vagabon – Infinite Worlds [Marathon Artists]

Als Vagabon singt die kamerunische Künstlerin Laetitia Tamko mit entzückend warmer Stimme zu mal polternden, mal ruhigen und immer latent verspielten Instrumentierungen, die sich inhaltlich und musikalisch zwischen Sentimentalität und Hoffnung bewegen. Besonders auf „Fear & Force“ weiß sie dies geschmeidig zu verbinden. Ob Japanese Breakfast dieses Jahr ähnlich geklungen hätten, wenn sie sich gegen die Synthies entschieden hätten? Vermutlich nicht, denn die Eigenständigkeit ist Vagabon in keinster Weise abzusprechen. (Ulli Reusch)


TLC Fam – Isbethelo seGqom [Gqom Oh!]

Spätestens mit seiner letztjährigen Compilation machte das Label Gqom Oh! den kühlen, oft auf rohe Drums und synkopierte Vocal-Samples reduzierten Dance-Sound Durbans auch in europäischen Höhengraden bekannt. Größere Gqom-Einzelveröffentlichungen gab es dennoch seitdem nur in Form von EPs. Die (mit über einem Dutzend Mitgliedern selbst nicht gerade vereinzelte) Crew TLC Fam macht dafür schon im Albumtitel klar, wie Online-Datenbanken ihren Sound zu taggen haben – er bedeutet nicht weniger als den trocken perkussiven Anschlag, auf den sich der onomatopoetische Slangbegriff Gqom bezieht. Gqom pur gibt es hier also, doch in einer stimmungsdichten Bandbreite, die mal unter Grillenzirpen und Trillerpfeifen, mal unter ineinandergreifenden Stimmdynamiken durchgängig mitzucken lässt. (Uli Eulenbruch)


Grigax – Life Eater [Dullest]

King Woman hatte dieses Jahr, sicher auch weil mit Relapse ein dicker Fisch im Hintergrund schwamm, mehr als verdient ihren Durchbruch, mich hat allerdings Grigax wesentlich mehr geflasht. Was diese Eine-Frau-Band aus Portland mit „Life Eater“ abliefert, überspringt spielend diverse Genregrenzen. Sie mixt auf ihrem ersten Langspieler „Life Eater“ tonnenschweren, amerikanischen Wüsten-Doom mit krautiger Repetition, Goth, klaustrophobem 90er-Noise-Rock, flirrenden Drone und Anflügen von (US-)Black-Metal mit Leichtigkeit zu einem derart behexenden Höllenfeuer, dass man sich gerne in den Staub werfen möchte in Angesicht seiner eigenen niedrigen Existenz. (Mark-Oliver Schröder)


Friendship – Shock Out Of Season [Orindal]

Ein wenig mag die Stimme von Dan Wriggins mit ihrem sibilanten S-Laut und emotionaler Brüchigkeit an einen englischsprachigen Dirk Von Lowtzow erinnern (also jetzt ohne den Akzent). Seine Intonation hingegen erinnert nur stellenweise daran, dass er kein Gespräch führt, sondern die wollpulloverwarmen Songs seiner Band Friendship besingt, die dadurch nur noch an Intimität zulegen. Wenn er dann mal den Ball nicht ganz flach hält und sich über seufzende Americana-Slides, Rhodes-Touchierung oder zart nachhallende Perkussion erhebt, treten die bemerkenswert tragfähigen Melodien zutage, die diesem Album seine angeraute Emotionalität verleihen. (Uli Eulenbruch)


Oumou Sangaré – Mogoya [No Format!]

„Mogoya“ ist, je nach Sichtweise, Rockmusik in einem anderen Gewand oder die rockige Selbst-Neuerfindung Oumou Sangarés – in jedem Fall mitreißend. Von „Djoukouro“s treibendem, im Gitarrenbrezeln gipfelndem Turbogroove über den von Tony Allen betrommelten Basslauf „Yere Faga“s bis zu den komplex verzahnten, synthig bestäubten Saitenschwüngen „Bena Bena“s versprühen diese Songs eine Intensität, die keinerlei Vertrautheit mit dem bisherigen Schaffen der Malierin bedarf. Während Sangaré zwischen Call-and-response-Dynamiken weder ihre Traditionen noch Meinungen über Bord wirft, ist es vor allem das irrsinnig enge Zusammenspiel ihrer Band, das die Songs so packend macht – der Clou ist jedoch die fein abgestimmte Produktion, die weder zu dick noch zu dünn aufträgt. (Uli Eulenbruch)


Jabu – Sleep Heavy [Blackest Ever Black]

Nokturn, obskur, sinister … Begriffe, die sich in der schnelllebigen Welt des R’n’B nicht so ohne Weiteres wiederfinden. Jabu behaupten das Gegenteil und treten mit ihrer langsamen, auf der Stelle schlingernden Version in die Fußstapfen von 18+ oder der ganz frühen skelettartigen Soundwesen eines James Blake. Das Trio aus Bristol, bestehend aus den Sänger*innen Alex Rendall und Jasmine Butt und dem Produzenten Amos Childs, lädt ins Schlafzimmer und versprüht nicht nur im hinreißend knisternden „Get To You“ eine unterkühlte Erotik, die ihresgleichen sucht. „Sleep Heavy“ gleicht einem intimen Kammerspiel, das sich nicht immer vollends in die Karten schauen lassen will, sondern vor allem in seiner Schemenhaftigkeit aus angedeuteten Beats und den zerbrochenen Stimmen im Zwielicht bleiben möchte. (Carl Ackfeld)


Phoebe Bridgers – Stranger In The Alps [Dead Oceans]

Ob in Text, Vortrag oder Arrangement: Stranger In The Alps hat Songs, die aufhorchen lassen. Zwischen dem geisterhaften „Georgia“, dem beknarzt vorantrommelnden „Motion Sickness“ oder kontrastreichen Duetten mit Conor Oberst und John Doe kann Phoebe Bridgers bereits einen facettenreich gereiften Sound vorzeigen, doch was hängenbleibt, sind die harmonischen Wanderungen ihrer Melodiezüge oder auch nur ein verhalten optimistisch auslaufender Gitarrengang. Vor allem besitzt die Amerikanerin ein Gespür für verständliche, doch nicht unbedingt offensichtliche Formulierungen höchst persönlicher Todes- und Lebenserfahrungen, in denen Playlist- und Haarverlust ähnlich schwer wiegen. (Uli Eulenbruch)


dd elle – dd elle [Slow Release]

Die Klangpalette von dd elles Debütalbum ist Plastik: Plastik-Streicher, Plastik-Orgel, Plastik-Bass, Plastik-Snares, Plastik-Vocals. Soweit, so Post-Kitsch-Elektronik à la früher Oneohtrix Point Never oder Orange Milk, doch anstatt sich in den üblichen Vaporwave-Soundscapes und Beatgeflittern zu verlieren, besitzen dd elles Songs einen emotionalen Touch, der nicht unbedingt Vocals bedarf. Wie höchst merkwürdig instrumentierter, dennoch delikater Chamber-Pop entfalten sich so „dd’s Theme“ oder „Lover’s Leap“ über Glockenspiel, Klarinette und verwischten Pauken, „Silk“ badet in zerdelltem Pizzicato und „Latin Aphorism“ fährt ganz wunderbare Choral-Schnipsel über pulsierendem Synthesizer auf, dass man am liebsten darin baden würde.(Uli Eulenbruch)


Bedouine – Bedouine [Caroline]

Azniv Korkeijan hat unter ihrem Künstlernamen Bedouine mithilfe Matthew E. Whites Spacebomb-Label eines der intimsten, ruhigsten und intensivsten Folkalben des Jahres aufgenommen. Atmosphärisch nah am Schönklang der artverwandten Natalie Prass hört man bei der originär aus Syrien stammenden Musikerin ein tiefes Verständnis für eindringliches Songwriting heraus, was durch die luftigen, bei „One Of These Days“ nah am Country tänzelnden Arrangements noch verstärkt wird. Wenn poetischer Protestfolk darüber hinaus noch so fabelhafte Harmoniegesänge und weiche Gitarrenarpeggios wie in „Summer Colt“ bereithält, zeigt sich, dass „Bedouine“ ein wahrer Glücksfall für dieses Jahr war. (Carl Ackfeld)


Gabriel Garzón-Montano – Jardin [Stones Throw]

Mach’s selber: Für sein Debütalbum nahm es der New Yorker ernst mit DIY und spielte sämtliche Instrumente von Hand selbst ein. Das ist deshalb bemerkenswert, weil der Boom-Bap von „Sour Mango“, der jazzig-flächige Knarzgroove von „My Balloon“ oder der Knister-Soul-Funk so fein und komplex arrangiert sind wie Garzón-Montanos R’n’B-Vocals – doch die Mühe hat sich gelohnt. „Jardin“ ist eine höchst moderne und persönliche Vermischung verschiedener musikkulturreller Einflüsse des Sohns französisch-kolumbianischer Musikfans – und damit auch ein Beleg für die Qualitäten eines weltoffenen US-Amerikas. (Uli Eulenbruch)

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