
Wie sah das Jahr 2017 in Tönen für uns aus? Die Antwort auf diese Frage war noch ein gutes Stück mehr als sonst eine Überraschung.
Wer von uns hätte schließlich zuvor gedacht, dass Mount Kimbie vom absteigenden Post-Dubstep-Ast auf einen bestechenden neuen Post-Punk-Weg finden würden? Dass Slowdive ein in vielen Augen noch besseres Shoegaze-Comeback als My Bloody Valentine gelingen würde? Oder dass The War On Drugs zum dritten Mal in Folge zu unseren Jahres-Favoriten gehören würden? Na gut, Letzteres war angesichts der langjährigen Fans im Team vielleicht so vorhersehbar wie schneelose Weihnachten, aber wer unsere diesjährigen Top 10 im Voraus korrekt getippt hatte, sollte sich schnellstmöglich mal an einem großen Lotto-Jackpot probieren.
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50
Soft Sounds From Another Planet [Dead Oceans]
Seitdem „Psychopomp“ in nur wenigen Monaten vom Kleinstlabel-Geheimtipp zur internationalen Verbreitung fand, schien Michelle Zaunier zwischen all den Touren, Konzerte, Festivals und noch mehr Touren jen- und diesseits des Atlantiks keine Pause zu finden. Dennoch gelang ihr mit „Soft Sounds From Another Planet“ nicht nur ein klanglich ambitionierteres Nachfolgewerk, sondern auch die nötige innere Distanz zu ihrem ersten Studioalbum, auf dem sie den Tod ihrer Mutter verarbeitete. Zauniers textliche Ernstigkeit ist ungebrochen, wenn sie in „This House“ die verwirrende Rückkehr zur Normalität nach einem Tourende oder in „Body Is A Blade“ das Loslösen vom Trauma zeigt. Vor allem aber beweist Zaunier in Songs wie „Road Head“ oder dem Titelstück, die auf ältere Lo-Fi-Entwürfe zurückgreifen, dass sie die Klangvisionen in ihrem Kopf nun in aller Pracht ausformulieren kann. (Uli Eulenbruch)
49
Created In The Image Of Suffering [Relapse]
Mit recht hoher Wahrscheinlichkeit gibt es pro Jahr eine oder mehrere Veröffentlichungen aus den ansonsten eher abgekapselten Metal und Doom, die den Sprung zu einem breiteren Publikum schaffen. Die Gründe sind vielfältig und gehen von guter Vermarktung bis zur Wahl des Labels. Im Falle von King Woman forscht man am besten in der Vergangenheit von Frontfrau Kristina Esfandiari. Deren Wurzeln im Shoegaze prägen durchaus immer noch das Debütalbum von King Woman. Die holprigen Passagen und der verwaschene Gesang Esfandiaris erweisen sich nämlich als perfekte Ergänzung zu den sich immer wieder aufs Neue auftürmenden Gitarrenwänden. (Felix Lammert-Siepmann)
48
Love What Survives [Warp]
Mount Kimbie hatten schon auf dem 2013er Album „Cold Spring Fault Less Youth“ den Hang dazu, ihre elektronischen Wurzeln ein wenig in den Hintergrund zu stellen und einem Liveband-Feeling den Vortritt zu lassen. Auf „Love What Survives“ verfolgen sie diese Tendenz noch weiter: Mount Kimbies Dubstep-und Minimal-Einflüsse verschieben sich immer mehr in Richtung Indie Rock und Post-Punk und gehen eine wunderbare Symbiose mit diesen Genres ein. Hervorzuheben sind auch die Gastbeiträge: Das obligatorische King Krule-Feature („Blue Train Line“) sticht ebenso heraus wie Micachus Gesang auf „Marylin“. „Love What Survives“ überrascht in punkto Vielseitigkeit und Hitdichte und lässt sich auch nach Monaten unglaublich gut runterhören. (Pierre Rosinsky)
47
Holiday Destination [Pias Coop / 1965]
Klar, 2016 war ein Scheißjahr, daran müsste uns Nadine Shah mit dem Song „2016“ auf ihrem dritten Album gar nicht erinnern. Doch die gerade erscheinenden Jahresrückblicke machen deutlich, dass 2017 kein Stück besser war. Nationalistische und rassistische Strömungen erstarken weltweit, Vertriebene und Verfolgte werden in Europa mit Wut und Hass begrüßt – wenn sie es überhaupt soweit schaffen. Dass wir trotzdem gut schlafen, solange die Geflüchteten uns nicht den wohlverdienten Strandurlaub auf Kos ruinieren, treibt die Nordengländerin auf „Holiday Destination“ um – deshalb der Titel. Als Tochter einer Norwegerin und eines Pakistaners sind ihr Rassismus und das Gefühl der Heimatlosigkeit weniger fremd, dementsprechend wütend brodelt ihre tiefe Stimme in Songs wie „Out The Way“ oder „Place Like This“. Nicht weniger fulminant brodelt der perkussive, bis aufs Gerippe entkernte Post-Punk darunter, dessen entfesselte Rhythmen wachrütteln. Den Arschtritt haben wir uns verdient. (Daniel Welsch)
46
Arca [XL / Beggars]
Arca ist nichts für schwache Nerven, auch nicht das dritte, selbstbetitelte Album. Zwischen faulenden Zähnen auf dem Cover, Drone-Sounds und ohne melodiöse Struktur, die Halt geben könnten, entblößt Alejandro Ghersi seine ganze Verletzlichkeit und stellt sie auf den Präsentierteller. Zum ersten Mal singt er auf „Arca“ selbst – mit einer Brüchigkeit und quälenden Vehemenz, die Schauer für Schauer vom Trommelfell bis in die Zehenspitzen kriecht. Mit „Arca“ ist Ghersi endgültig den Schritt zum multimedialen Performancekünstler gegangen. Eine queere Stimme, die noch lange Standards setzen wird. (Benedict Weskott)
45
Damage & Joy [Artificial Plastic]
2017 ist absolutes Comebackjahr. 19 Jahre nach „Munki“ sind Jim und William Reid bestimmt noch genau so verkracht wie zuvor, schöpfen aber auf „Damage & Joy“ daraus so erhebliche Kraft, dass The Jesus & Mary Chain keine Relevanz eingebüßt haben. Die Gitarren- und Basslinien pulsieren, die Texte werden von unterschiedlichsten Gastsängerinnen (Sky Ferreira, Bernadette Denning, Isobel Campbell) mit intoniert, die Melodien sind wahlweise zuckerwattig oder kratzbürstig. Dass „Damage & Joy“ mit „Always Sad“ den wohl schönsten unbekannten Sommerhit abgeworfen hat, ist darüber hinaus Zubrot und Lohn zugleich. (Carl Ackfeld)
44
A Crow Looked At Me [P.W. Elverum & Sun]
Geneviève Castrée ist tot. Die viel zu früh verstorbene Ehefrau von Phil Elverum ist allgegenwärtig auf „A Crow Looked At Me“ und lässt allen, die zuhören wollen und können keine Chance, sich diesem unglaublich persönlichen Werk zu entziehen. Nah am Ohr, mit waidwunder Stimme nur über einige wenige, kathartische Gitarrenakkorde hinweggesungen durchlebt Elverum die Erinnerungen an die letzten Monate mit seiner großen Liebe. Trauer, aber eben auch Trost und eben die Zärtlichkeit, mit der er die Begebenheiten für seine kleine Tochter konserviert, bescheren Stehhaare und machen es fast unmöglich, „A Crow Looked At Me“ zu ertragen. (Carl Ackfeld)
43
Migration [Ninja Tune]
Bonobo lässt Grenzen verschwinden. Die rein instrumentalen Tracks gleiten dann durch die Weite, während Gesangsfeatures von Rhye, Chet Faker, Nicole Miglis von Hundred Waters oder der marokkanischen Band Innov Gnawa Gänsehaut machen. „Migration“ ist Musik für die Weltenbürger*innen von heute, ein Mix aus Electronica, Ambient und Slow House und Musik von überall und nirgendwo. Bonobos Sinn für Entdeckungen und seine permanente Rastlosigkeit klingen auf der neuen Platte zu jedem Zeitpunkt an. Die Reise um die Welt kann losgehen. (Benedict Weskott)
42
Tommy EP [Hyperdub]
Wenn der Prolog länger ist als alle sieben folgenden Stücke, deutet das schon an, dass hier jemand im scheinbaren Kurzformat gehörig an Zeit und Form dreht. In zerhackstückelten Anschlägen wandern Pianoläufe bei „Cry Theme“ ebenso einem entropischen Malstrom entgegen wie die an frühe Animal Collective erinnernden Gitarrenhappen in „Everlong“, verhangen von Vocal- und Breakbeat-Loopwölkchen. Anderswo lässt die Londonerin dann aber wieder das Gefühl des graduellen Fortschritts in der Luft hängen, lässt Noten atmungsaktiv im Raum schweben oder tritt mit Stimmschnipseln hypnotisch auf der Stelle. Und läuft da nicht ein Sample im Rückwärtsgang? Viel mehr kann auf einem Album auch nicht passieren. (Uli Eulenbruch)
41
Brick Body Kids Still Daydream [Mello Music Group]
He rocks. Dass das immer noch zu wenige Menschen begriffen haben, ist dem Umstand geschuldet, dass Michael W. Eagle II (ernsthaft jetzt) keinen Rap macht, der den US-Mainstream aufmischen könnte: kein Trap, keine Cloud, kein nix. Also, fast nix, denn seine Sicht auf die amerikanischen Verhältnisse durch die Augen eines Vorstadtbewohners ist ebenso entlarvend wie unterhaltsam. In „Legendary Iron Hoods“ verblendet er beispielhaft in einem gefälligen, fast oldskooligen Twist die comicartigen Überspitzungen der Supermächte von Marvel-Filmen und der zunehmenden mentalen Unsicherheit. Pop und Bewusstsein gehen hier Hand in Hand. Die AUFTOUREN-Crew hebt den Daumen. Und mal ehrlich: Die Stimme ist einfach auch nur Wahnsinn. (Markus Wiludda)
Wie sah das Jahr 2017 in Tönen für uns aus? Die Antwort auf diese Frage war noch ein gutes Stück mehr als sonst eine Überraschung.
Wer von uns hätte schließlich zuvor gedacht, dass Mount Kimbie vom absteigenden Post-Dubstep-Ast auf einen bestechenden neuen Post-Punk-Weg finden würden? Dass Slowdive ein in vielen Augen noch besseres Shoegaze-Comeback als My Bloody Valentine gelingen würde? Oder dass The War On Drugs zum dritten Mal in Folge zu unseren Jahres-Favoriten gehören würden? Na gut, Letzteres war angesichts der langjährigen Fans im Team vielleicht so vorhersehbar wie schneelose Weihnachten, aber wer unsere diesjährigen Top 10 im Voraus korrekt getippt hatte, sollte sich schnellstmöglich mal an einem großen Lotto-Jackpot probieren.
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Mirror Reaper [Profound Lore]
83 Minuten und 15 Sekunden – ein Song! Ein Monolith des Doom Metal und doch weit über dieses Genre hinausverweisend, geschaffen von einem Duo, das ganz bewusst auf die Gitarre verzichtet. Hätte man mich Anfang des Jahres gefragt, ob sowas gut gehen könne, hätte ich wohl abgewunken. Aber Dylan Desmond und Jesse Shreibman haben, auch in Memoriam an Adrian Guerra, der neben Desmond Gründungsmitglied von Bell Witch war, das Unmögliche geschaffen: ein Monster von einem Song, getragen von Spiritualität, Verlust, Schmerz … und Hoffnung. (Mark-Oliver Schröder)
39
King Gizzard & The Lizard Wizard
Flying Microtonal Banana [Pias Coop / Heavenly]
Kleiner Blick hinter die Kulissen: Wenn wir alle Stimmen für sämtliche diesjährigen Werke der Melbourner Vielveröffentlicher konsolidiert hätten, stünden King Gizzard & The Lizard Wizard sicher noch höher in dieser Liste. Umso bemerkenswerter ist es aber, dass sich so viele von uns zwischen den vier (oder sind es mittlerweile schon fünf?) Alben für eines darunter besonders begeistern konnten. Verständlich, dass es das klanglich originiellste war: Der Gizzard’sche Garage-Schmuddel, die melodiöse Affinität und der charakteristische krautige Vorwärtsdrall bleiben das Rückgrat von „Flying Microtonal Banana“, werden jedoch angeführt von mikrotonalen Harmonien, für die sich die Band ihre Instrumente extra umbauen ließ. In wie viele psychedelisierte Richtungen sie diese treibt, zeigt einmal mehr, dass ihr Albumkonzept nicht nur ein Gimmick ist.(Uli Eulenbruch)
38
War & Leisure [RCA]
Miguel hat Gesangs-Charisma en masse. Das braucht er auch, denn so manche Zeile, die der Amerikaner auswirft, würde aus anderen Mündern zu konstant nach hinten gerollten Augen führen. Und so mag die eine oder andere der zahlreichen Wechselmetaphern zwischen Krieg und Liebe auf seinem vierten Album keiner genauen Betrachtung standhalten, doch sein psychedelisierter R’n’B schwebt eh lieber auf eigenen Wolken. Zwischen betörend irisierendn Melodiebögen schichtet Miguel seine Stimme kunstvoll-delikat zum eigenen Begleitgesang oder als instrumentale Textur, wirft sich vom passionierten Stimmleiterklettern von „Harem“ in beschwingten Groove bei „Told You So“. Mit „Caramelo Duro“s spanischsprachigem Text zelebriert er den mexikanischen Teil seiner Identität persönlich wie politisch im entflammten Finale „Now“, das frei von wolkiger Verklärung die rassistischen Aktionen des aktuellen US-Präsidenten einmal direkt addressiert. (Uli Eulenbruch)
37
Three Worlds: Music From Woolf Works [Deutsche Grammophon ]
Gewiss könnte sich ein Max Richter an diesem Punkt seiner Karriere bequem auf Soundtrack-Aufträgen und den damit verbundenen Tantiemen ein bequemes Geldbett zimmern, umso erfreulicher war die Überraschung eines soviel intimer erscheinenden Albums zum Jahresbeginn. Inspiriert von drei Werken und eröffnend mit der einzigen Stimmaufnahme Virginia Woolfs, zeichnet der Neoklassizist die ursprünglich fürs grazile Ballett entworfenen Elegien mit sanfter Hand in den weiten Streicherzügen von „Mrs. Dalloway“, zwischen orchestraler Intensität und Synth-Pulsieren in den kürzeren „Orlando“-Stücken oder im graduell anschwellenden Zwanzigmninüter „The Waves“ vor einem rauschenden Hintergrund-Ambient(e). (Uli Eulenbruch)
36
Big Fish Theory [Def Jam]
Die Gefahr ist nicht gering, dass Vince Staples hinter den Club-Pop-Sounds von „Big Fish Theory“ zur Nebenerscheinung hätte werden können. Doch sei es zum zerknarzten Bassdruck von SOPHIE und Flumes „Yeah Right“, „Love Can Be…“s UKG-Schwung oder Album-Hauptproduzent Zack Sekoffs 2-step-Exkursionen „Crabs In A Bucket“, Staples braucht seine Präsenz nicht einmal zu erhöhen, sondern geht mit kühlerer Vocal-Kadenz in Einigkeit mit dem metallischen Klappern und verrauschten Schaben der Beats – und führt dennoch seine detailfreudigen Texte eindringlich an, in denen er sich verwundbar wie noch nie zeigt. (Uli Eulenbruch)
35
Fantasii [Halcyon Veil ]
Aggregatzustand: flüchtig. Zu wenig greifbar sind die Tracks auf Mhysas Erstling, die zwischen seziertem R’n’B, Turnhallen-Elektronika und futuristisch zerfleddertem New-York-Experimentalsound Schlangenlinien fahren. Die Kunst des Weglassens perfektioniert, entstehen hier kleinteilige und ein wenig verschroben-abseitige Songskizzen, die für Entdecker*innen einiges parat halten. Als wäre diese Mischung nicht schon abgefahren genug, runden A-capella-Zwischenspiele, Handclap-Beats und grelle Neonlichter die Sache formschön ab und überlassen dieses riesengroße Fragezeigen mit einem ebenso monströsen Grinsen den Downloadportalen. Soll das Internet doch selbst sehen, was es damit macht. (Markus Wiludda)
34
What Now [City Slang]
„Slave to the radio, 3.30“. Amelia Meath und Nick Sanborn sagen den Erwartungen des Musikgeschäfts den Kampf an, indem sie was tun? Einen perfekten Radiosong liefern, genau 3:30 Minuten lang. What now? Einfach genießen, dass Sylvan Esso auch auf ihrem zweiten Album noch genauso infektiösen Elektropop machen wie vor drei Jahren und zu den Beats auf die Tanzfläche stürmen, denn: „When we’re dancing I am in love again/ Come on baby, come on baby/ Let’s never stop, never stop, never stop starting“. (Benedict Weskott)
33
Forget [Altin Village & Mine ]
In einem mit hochkarätigen Releases vollgepackten Jahr kann ein Album wie „Forget“ leicht untergehen – insbesondere auf Grund der Tatsache, dass die Diskographie Xiu Xius mit über einem Dutzend Werken seit 2002 eine neue Veröffentlichung der Band eher als Regel denn als Besonderheit indizieren könnte. Nach der tiefen Verbeugung „Plays The Music Of Twin Peaks“ von 2016 greift die Band um Jamie Stewart mit „Forgett“ in die eigenen, höheren Qualitätsfächer. Stimmungstechnisch wird einige Ebenen tiefer gekramt: Stewarts wehleidiger Gesang und seine tieftraurigen Texte besprechen persönliche Abgründe, die eben jenes Noise-Pop-Soundgewand Xiu Xius so spannend machen. Krachende Ausbrüche sind allerdings so gesetzt, dass sie nie willkürlich erscheinen und die ruhigen, zerbrechlichen Momente um ein Vielfaches verstärken. Und Songs wie „The Call“ oder „Forget“ zeigen mal wieder: Xiu Xiu können auch ungewöhnlich catchy sein. (Pierre Rosinsky)
32
Ctrl [RCA Int.]
Wo es SZAs R’n’B-Debüt an Fokus mangelte, legt ihr diesjähriges Werk durch Telefonaufnahmen ihrer Mutter und Großmutter einen genaueren Blick auf Narrative nahe. Wie gut „Ctrl“ derart gerahmt als Gesamtwerk funktioniert, ist aber fast egal angesichts solch ohrwurmiger Refrains wie bei „Broken Blocks“, „The Weekend“, „Prom“ … ach, hier ließe sich fast schon das ganze Tracklisting einfügen. Zwischen handgreiflichen Grooves und zwar geschmeidiger, doch nicht dauerwattiger Instrumentierung beleuchtet die Amerikanerin Bitterkeit über Vergangenes, Unsicherheiten mit oder die Angst auf der Suche nach neuen Beziehungen, aber auch überschwängliche Hingabe mit idiosynkratischen Akzenten („I wanna shave my legs for you/ I wanna take all of my hair down and let you lay in it“). Melismatische Silbendehnungen nutzt sie dabei eher dekorierend – umso fokussierter kann sie wie in „Drew Barrymore“ dann ohne großes Vorspiel mit einer Strophe loslegen, die selbst schon wieder einen unvergesslichen Hook bildet. (Uli Eulenbruch)
31
Black Origami [Planet Mu]
Noch bevor Footwork als musikalische Genrebezeichnung Verbreitung fand, war es der Name für den halsbrecherisch rasanten Tanz, in dem sich die Jugend Chicagos dazu in Form von Beinarbeit duellierte. Während die meisten Köpfe der Szene für ihre Produktionen vorwiegend Soul und Rap samplen, reflektiert Jerilynn Patton alias Jlin auf ihrem zweiten Album noch deutlicher als zuvor den Battle-Aspekt in Form von anderer Kampfmusik: Videospielen. Ob direkt mit „Mortal Kombat“-Samples oder in der Ästhetik von Tracks wie „Hatshepsut“, dessen Gongs und Perkussionsrollen an die atmosphärischen Ruhezonen eines „Painkiller“ erinnern, Jlin kreiert so komplexe wie energiedurchströmte Spannungsfelder, deren exakte Referenzen (ist die „Ironside“-Sirene in „Never Created, Never Destroyed“ Tarantino oder Future?) weniger wichtig sind als die Wirkung, die Patton aus deren Manipulation entfaltet. Für Unerfahrene mag das perkussive Treiben hektisch und chaotisch erscheinen, doch Patton legt einen Fokus auf Struktur und Effekt ihrer Tracks, die sie zwischen allen synkopischen Einwürfen und Snare-Ballungsräumen auf Kurs halten. (Uli Eulenbruch)
Wie sah das Jahr 2017 in Tönen für uns aus? Die Antwort auf diese Frage war noch ein gutes Stück mehr als sonst eine Überraschung.
Wer von uns hätte schließlich zuvor gedacht, dass Mount Kimbie vom absteigenden Post-Dubstep-Ast auf einen bestechenden neuen Post-Punk-Weg finden würden? Dass Slowdive ein in vielen Augen noch besseres Shoegaze-Comeback als My Bloody Valentine gelingen würde? Oder dass The War On Drugs zum dritten Mal in Folge zu unseren Jahres-Favoriten gehören würden? Na gut, Letzteres war angesichts der langjährigen Fans im Team vielleicht so vorhersehbar wie schneelose Weihnachten, aber wer unsere diesjährigen Top 10 im Voraus korrekt getippt hatte, sollte sich schnellstmöglich mal an einem großen Lotto-Jackpot probieren.
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Compassion [Ninja Tune]
Ein Fanfarenchor, treibende Streichermelodien, Kriegstrommeln: „Compassion“ klingt wie der Soundtrack zu einem historischen Kriegsfilm, der noch nicht gedreht worden ist. Matthew Barnes hatte schon immer ein Faible für Klänge, die an längst vergangene Zeiten erinnern und verbindet sie auf seinem zweiten Album konsequenter denn je mit modernen, digitalen Sounds. Zwischen Tiefenbass, traurigen Klaviersamples und fragmentierten Stimmen deckt Barnes nach und nach alle Facetten einer Zivilisation auf, die sich im Krieg befindet – ein Szenario, in dem es keine Gewinner geben kann. Ein eindringliches Kopfkino-Erlebnis. (Pierre Rosinsky)
29
Colón Man [DDS]
Nach dem sensationellen Einstand im letzten Jahr ist „Colón Man“, das Debüt des jamaikanischen Duos, im Dezember ziemlich ankündigungsfrei veröffentlicht worden. Was als fast klassisches Dancehall-Projekt begann, ist inzwischen einer komplett freidenkenden Innovation gewichen: Equiknoxx skelettieren reduzierte Riddims, schlachten sie aus und drehen sie rückwärts durch den Fleischwolf. Was daraus erwächst, ist nicht weniger als ein subversiver Angriff auf Hörgewohnheiten. Blubbernde Beats, verhackstückelte Samples und kaltgeschlagene Perkussion gewinnen in der Konsequenz der instrumentalen Darbietung ein spannendes Eigenleben. Alles Klassische wurde erfolgreich ausgetrieben. (Markus Wiludda)
28
Take Me Apart [Warp]
Weder in Sachen Hype noch in seiner tatsächlichen Qualität fühlt sich „Take Me Apart“ so richtig wie Kelelas Debütalbum an – diese Erfolgsniveaus hatte die Amerikanerin spätestens mit ihrer 2015er EP bereits erreicht. Es ist aber mehr als nur die Kür oder gar eine bloße Ehrenrunde, vielmehr bietet es die Mehrheit ihrer bis dato besten Songs dar. Obwohl Kelelas Studio-Kollaborateure größtenteils dieselben sind wie auf „Hallucinogen“, hat ihre Soundwelt enorm an atmosphärischer und emotionaler Tiefe gewonnen – vor allem Letzteres ist der erhöhten Präsenz ihrer Stimme geschuldet, die auch über weniger warmen, zerklüfteten Metallbeats die Stärke im großen Gefühl projiziert. (Uli Eulenbruch)
27
No Home Of The Mind [4ad / Beggars]
Auch wenn sich das jetzt etwas klischeehaft anhört, war „No Home Of The Mind“ das perfekte Album für die ersten, ungemütlichen Monate des Jahres. Innerhalb von nur zwei Tagen in einer Kirche wie aus einem Guss aufgenommen, zerfasert die wattierte Ambient-Klassik-Kombi zusehends und hinterlässt immer mehr Leer- und Freiräume, doch nicht alleine die Kargheit gibt hier den Ton an: Das Klavier im Zentrum ist Herzschlag und Sanduhr zugleich, mal sanft, mal eindringlich, aber immer einnehmend und warm. Ganz bewusst entziehen sich Bing & Ruth jeglicher Referenz – die Grenzen zwischen Eno, Reich, Glass und Neuer Wiener Schule verschwimmen hier – und agieren damit in wahrsten Sinne des Wortes zeitlos. (Felix Lammert-Siepmann)
26
Music For People In Trouble [Pias Coop / Bella Union ]
Mit ihrer kunstvollen Popvision hat die Norwegerin den Punkt erreicht, an dem sie für ein neues Album Instrumentierung, Produktion und Dynamik völlig ändern kann, aber unverkennbar bleibt – und eine überragende Songwriterin. Wo „Ten Love Songs“ mit raffinierter Synthpolitur glänzte, mutet die reduzierte Chamber-Orchestrierung zunächst einfühlsamer und intimer an, bis die zweite Hälfte von „The Sound Of War“ vom verhalltem Piano und Akustikgitarre in Drone und pastoralen Ambient gleitet, aus dem majestätische Unterwassermelodien hervorlugen. Nicht nur Sundførs barock verwundene Melodien machen das Album so denkwürdig, das Meisterliche an „Music For People In Trouble“ ist die Art, wie die Grenzen zwischen eingängigen Songs, Outros, Intros, Spoken Word und Zwischenspielen verschwimmen, bis das gesamte Werk als ein großes Ganzes im Ohr hängt. (Uli Eulenbruch)
25
Crack-Up [Nonesuch]
Nach sechs Jahren von einem Comeback zu sprechen, ist aufgrund der Zeitspanne zwischen den jeweils letzten Alben von Ride oder Slowdive fast schon niedlich. „Crack-Up“ ist eine ziemlich radikale Weiterentwicklung der Suche nach der Harmonieseligkeit geworden, nicht immer vollends fokussiert, verstecken sich doch die vollendeten Melodien in den weitreichenden Kompositionen. Robin Pecknold singt über Aktuelles und Vergangenes, spinnt rote Fäden jenseits der Vorstellungskraft, schafft es aber trotzdem, die heimelige Atmosphäre von sehnsüchtelndem Wohlklang nicht zu verlieren. Folk 2.0, mindestens, aber mit dem Geist der goldenen 60er-Jahre gespickt. (Carl Ackfeld)
24
Hiss Spun [Sargent House]
Das Aufeinanderprallen von Urgewalten ist das stets wiederkehrende Leitbild auf „Hiss Spun“. Kaum noch etwas erinnert an die Chelsea Wolfe aus dem letzten Jahrzehnt, wenn sich massive Doomwellen ihren Weg bahnen. Auf die Spitze treibt Wolfe das Spiel mit der Brutalität, wenn gegen Anfang des Albums plötzlich wie aus dem Nichts Aaron Turner auf der Bildfläche erscheint und mit seinen unwiderstehlichen Growls endgültig die Weichen stellt. Jeder Anflug von Eindrücken und Zweifeln wird umgehend zerschmettert oder versinkt im Noisegewitter. Vor diesem Hintergrund ist es gleichzeitig faszinierend und beängstigend, wenn Wolfe sagt, dieses Album sei ihr bislang persönlichstes geworden. Auch so lassen sich Dämonen besiegen. (Felix Lammert-Siepmann)
23
MASSEDUCTION [Caroline]
Je nachdem, wen man fragt, hatte St. Vincent mit ihrem selbstbetitelten Majordebüt den köstlichen Artrock-Entwurf von „Strange Mercy“ entweder abermals verfeinert oder unter leichtem Nährwertschwund aufgewärmt. „MASSEDUCTION“ markiert fraglos eine geradezu radikale Weiterentwicklung, in der Annie Clark Pop-Grandeur wie eine Klinge (oder Gitarre) schwingt, um äußere und innere Schmerzauslöser zu sezieren. Ihre Texte mit gewohnt scharfem, expliziter queerem Blick finden gewiss weiterhin in Gniedelvirtuosität einen elektrisch verzerrten Ausdruck, mindestens ebenso hoch treiben aber „Sugarboy“s Moroder-Disco-Rasanz oder die Synth- und Trommelschübe von „Young Lover“ den Puls nach oben – weniger Massenverführung als Massenmitreißung. (Uli Eulenbruch)
22
american dream [Columbia]
Dass es James Murphy irgendwann wieder unter den Fingern jucken würde, hatten viele schon damals beim vorläufigen Ende des LCD Soundsystem vermutet. Ansonsten in vielerlei Hinsicht eher gemütlicher Typ, macht ihm in punkto Akribie und Gespür kaum jemand etwas vor. Der Sound auf „american dream“ klingt jedenfalls so frisch und energiegeladen, dass es schwer vorstellbar ist, er habe sich auch nur einen Tag während seiner Abwesenheit mal nicht mit Musik beschäftigt. Wie schon auf Vorgängerwerken versammelt Murphy inmitten atmosphärischer Dichte etliche Songs, die auch als Hits und Sozialstudien gleichermaßen für sich alleine stehen. Insgesamt ein paar Gänge zurückgeschaltet, macht er aber jederzeit klar, dass hier längst nicht Schluss ist. (Felix Lammert-Siepmann)
21
Painted Ruins [RCA Int.]
Grizzly Bear haben fünf Jahre nach „Shields“ erneut eines dieser Alben aufgenommen, die wie Umami fürs Ohr zu sein scheinen. Ed Droste und Daniel Rossen wechseln sich nach wie vor am Mikrofon ab und lassen Klangräume und Harmoniesääle entstehen, die ihresgleichen suchen. Mal verspielt wie bei „Three Rings“ oder „Neighbors“, mal vollmundig wie im bezaubernden „Mourning Sound“ sind Grizzly Bear mittlerweile ihren hipsterfizierten Brooklyn-Wurzeln ein Stück weit entwachsen. (Carl Ackfeld)
Wie sah das Jahr 2017 in Tönen für uns aus? Die Antwort auf diese Frage war noch ein gutes Stück mehr als sonst eine Überraschung.
Wer von uns hätte schließlich zuvor gedacht, dass Mount Kimbie vom absteigenden Post-Dubstep-Ast auf einen bestechenden neuen Post-Punk-Weg finden würden? Dass Slowdive ein in vielen Augen noch besseres Shoegaze-Comeback als My Bloody Valentine gelingen würde? Oder dass The War On Drugs zum dritten Mal in Folge zu unseren Jahres-Favoriten gehören würden? Na gut, Letzteres war angesichts der langjährigen Fans im Team vielleicht so vorhersehbar wie schneelose Weihnachten, aber wer unsere diesjährigen Top 10 im Voraus korrekt getippt hatte, sollte sich schnellstmöglich mal an einem großen Lotto-Jackpot probieren.
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Pure Comedy [Sub Pop]
Das Geschichtenerzählen auf die Spitze treibend, arbeitet sich Josh Tillman auf seinem dritten Album unter dem Moniker Father John Misty noch tiefer in amerikanische, bisweilen gar weltumspannende Befindlichkeiten hinein. Klavierpetitessen, die Erinnerungen an den frühen Elton John oder Billy Joel umspielen die langen, wortlastigen Stücke; gewitzte Pointen, drollige Vergleiche und wundersame Sprachspiele lassen trotz langsam mäandrierender Melodien keine Langeweile aufkommen. Wenn Tillman im herausragenden „So I’m Growing Old On Magic Mountain“ zuletzt die beginnenden Altersschlieren besingt, ist das herzzerreißend, weltumarmend und naseweis zugleich. (Carl Ackfeld)
19
James Holden & The Animal Spirits
The Animal Spirits [Border Community]
Border Community goes Jazz? Nun … ja. Großartig? Nun … ja! Zwar war schon James Holdens „The Inheritors“ 2013 von freilaufenden Saxophonen durchzogen, doch die Livedynamik seiner für dieses Album versammelten Band eröffnet dem Engländer eine völlig andere Perspektive. Unter Holdens mal klar linierter, mal wüst zerfranster Synthesizerführung treibt Schlagzeuger Tom Page die kosmischen Melodien von folkig durchflöteten Trance-Zonen über eleganten Neo-Kraut-Groove à la Von Spar zum improvisatorischen Blechbläser-Freakout – am Ende wartet die erhabene Transzendenz.(Uli Eulenbruch)
18
Rocket [Domino]
Es gibt Alben, die sich auf einen Sound beschränken und nur wenig von ihrem eingeschlagenen Weg abweichen – und dann gibt es Alben wie „Rocket“. Was diese gemischte Singer-Songwriter-Tüte so faszinierend macht, ist die Diskontinuität und Verschrobenheit, mit der (Sandy) Alex G das Projekt angeht. Reduziertes („Poison Root“) wechselt sich mit Indie-Ohrwürmern („Proud“), obskuren Horrorszenarien („Witch“) und Autotune-Balladen („Sportstar“) ab. Mittendrin taucht mit „Brick“ dann plötzlich ein Industrial-Banger auf, den Death Grips kaum anders hätten schreiben können. Nein, „Rocket“ ist alles andere als vorhersehbar, und doch verbirgt sich hinter all dem Eigenbrötlertum und der Diffusion eine unterschwellige Melancholie, die das Album schlussendlich zusammenzuhalten weiß. (Pierre Rosinsky)
17
Peasant [Domino]
Ein Konzeptalbum über ein frühmittelalterliches britisches Königreich und dessen Bewohner? Vorgetragen von einem zauseligen Sänger, der mal mit Fistelstimme, mal choral eingebunden singt oder spricht, windschief und immer leicht ungelenk in der harmonischen Akkordfolge? Richard Dawson kommt aus der britischen DIY-Szene und hatte mit „Nothing Important“ bereits einen Achtungserfolg. Mit „Peasant“, das sich irgendwo zwischen The Incredible String Band, den Canterbury Tales oder dem versponnenen Fuzzfolk von Neutral Milk Hotel wiederfindet, erschafft er das eine bilderbogenhafte Szenerie, die er überdies auch in seinen fabelhaften Videos weiterträgt. (Carl Ackfeld)
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Kelly Lee Owens [Smalltown Supersound]
Kelly Lee Owens benutzt Worte so bemessen und repetitiv wie eine Synthtextur oder ein Perkussionselement. Silben zerschmelzen, verdunsten zu oder diffundieren mit ätherischen Melodiewolken, umdampftes Glockenspiel und warme Celli bereiten einem zweitönigen Bassbrummen den Boden, eine knisternd benetzte Kickdrum wird von Acid-Flattern umlaufen. Zwischen diesen Extremen kreiert die Waliserin so psychedelisch berauschenden wie eingängigen Traum-Techno – wer dieses Debüt noch nicht besitzen sollte, kriegt in der jüngst veröffentlichten ‚Extended Edition‘ gleich noch drei weitere Stücke zu hören.(Uli Eulenbruch)
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SATURATION II [BROCKHAMPTON]
Vielleicht sind BROCKHAMPTON die ehrlichste Rapformation da draußen: Dem Mythos ‚Schulfreundschaft‘ wird gehuldigt und das ‚Musik-als-Freizeitspaß‘-Mantra beschworen. Die Tracks? Triefen vor gekonntem Songwriting, partiell mit Ironie und dem Spiel mit Identitäten und spitzfindigen Beobachtungen der eigenen Umgebung. Die Beats sind dabei immerwährend souverän, lässig und beachtetenswert trendrobust. BROCKHAMPTON spielen gekonnt mit ihrem Image und der Rezeption ihrer Musik: Nur wenige Minuten nach der fünften Single aus ihrem zweiten Album innerhalb weniger Monate haben sie das Video zu “Follow” veröffentlicht – der ersten Single aus dem kurz darauf gefolgten „ SATURATION III“. Dem letzten Studioalbum, so behaupten sie zumindest. Vielleicht halten uns BROCKHAMPTON auch alle zum Narren und haben daran ebenso Spaß wie wir. (Markus Wiludda)
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Semper Femina [More Alarming]
Das sechste Solowerk der immer noch unfassbar jungen Britin verbindet den sanft, aber bestimmt perlenden Folk des Frühwerks mit einer ganzen Reihe neuen Einflüsse. Luftiger, lasziver, vielleicht gar lässiger erscheinen Songs wie das an Joni Mitchell erinnerende „Soothing“ im neuen Licht. Die Kompositionen sind raumgreifender, die Texte noch persönlicher geworden, dabei scheint das titelgebende Vergil-Zitat ein Konzeptalbum auszurufen, in dem es um immerwährende Weiblichkeit geht. Wenn Marling im grandiosen „Wild Fire“ die Gitarrensaiten zum energischen Storytelling schnarren lässt, kommt das Album gar einer kleinen Offenbarung nah. (Carl Ackfeld)
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Sleep Well Beast [4ad / Beggars]
So viel haben The National bei „Sleep Well Beast“ vermutlich gar nicht geändert. Weil aber die letzten Alben zwar durch die Bank hervorragend waren, nur im Großen und Ganzen auf eine ähnliche Rezeptur setzten, erscheint hier vieles einschneidend. Kleinste elektronische Andeutungen auf der einen Seite und wütender Punk-Rock à la Grinderman auf der anderen Seite des Spektrums tragen auch dazu bei, Matt Berningers Gedankenwelt noch breiter aufzufächern. Ein kryptisches Gefühl von Niedergeschlagenheit ist allgegenwärtig, gleichzeitig gibt es immer wieder große Umarmungen. In einem Genre, in dem es erfahrungsgemäß nicht sehr viel Spielraum gibt, sind schon viele Bands daran gescheitert, sich substanziell weiterzuentwickeln. Bei The National muss man sich ab sofort keine Gedanken mehr darüber machen. (Felix Lammert-Siepmann)
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Plunge [Raidb]
Stillgeworden war es um Karen Dreijer, ihr letztes Soloalbum datiert auf 2009 und das letzte Album von The Knife erschien auch schon 2013. Wie aus dem Nichts kam im Oktober die – bisher lediglich digitale – Veröffentlichung von „Plunge“ – und das hat es in sich. War der Vorgänger noch geprägt von Introspektivität und nahezu ambientartigen Klangteppichen, knallt uns Dreijer wild entfesselte Elektronik um die Ohren. Streckenweise beinahe hyperventilierend und in unserer so postulierten „postfaktischen“ Zeit angenehm eindeutig und explizit in seiner politischen Aussage: „We’re not attracted to this country’s standards“. (Mark-Oliver Schröder)
11
Desintegration [Staatsakt]
Der Titel des Albums deutet eine Verwandtschaft zum The-Cure-Album an, die die Klangästhetik durchaus auch bestätigt. Tobias Siebert, Filip Pampuch und Daniel Moheit gehen aber über eine eingedeutschte Kopie hinaus, vielmehr erscheint „Desintegration“ wie ein Zitat zur Zeit, politisch wie gesellschaftlich. Realitätsnahe Beobachtungen wie in „Drohnen“ wechseln mit resignativen und tristen Bestandsaufnahmen ab. Aus Gitarren, Beats und langgezogener Rhythmik entsteht ein schwelender Postpunk, fast immer in aufgebrochenen Strukturen und eher frei im Vortrag, der nur von der immer noch jungenhaften Stimme Sieberts zusammengehalten wird. (Carl Ackfeld)
Wie sah das Jahr 2017 in Tönen für uns aus? Die Antwort auf diese Frage war noch ein gutes Stück mehr als sonst eine Überraschung.
Wer von uns hätte schließlich zuvor gedacht, dass Mount Kimbie vom absteigenden Post-Dubstep-Ast auf einen bestechenden neuen Post-Punk-Weg finden würden? Dass Slowdive ein in vielen Augen noch besseres Shoegaze-Comeback als My Bloody Valentine gelingen würde? Oder dass The War On Drugs zum dritten Mal in Folge zu unseren Jahres-Favoriten gehören würden? Na gut, Letzteres war angesichts der langjährigen Fans im Team vielleicht so vorhersehbar wie schneelose Weihnachten, aber wer unsere diesjährigen Top 10 im Voraus korrekt getippt hatte, sollte sich schnellstmöglich mal an einem großen Lotto-Jackpot probieren.
Viel Spaß beim Lesen und Hören!
10
Forced Witness [Secretly Canadian]
Wenn Alex Cameron in „Running Out Of Luck“ inbrünstig zu singen beginnt, stellt sich unwillkürlich die Frage: Ist das hier schon Performance-Art oder doch nur ironisch überspitzter Pop-Rock? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Cameron zieht die Persiflage eines Rockmusikers, der geistig in den 80er-Jahren steckengeblieben ist, knallhart durch. „Forced Witness“ ist Charakterstudie, Abgesang und Huldigung zugleich, vereint Over-The-Top-Haltung mit urkomischen, ironischen Texten und schafft es gleichzeitig, einen Hit nach dem anderen zu landen. Mit der Schamlosigkeit eines zwielichtigen Gebrauchtwagenverkäufers schunkelt sich Cameron durch Pophymnen und karikiert nebenbei noch toxische Männlichkeitsbilder. „Forced Witness“ ist so viel mehr, als der erste Eindruck vermitteln mag und hat deshalb einen Platz in den Top Ten mehr als verdient. (Pierre Rosinsky)
9
Melodrama [Universal]
Einige hatten Lorde vier Jahre nach „Pure Heroine“ schon fast als One-Album-Wonder verbucht und letztendlich hätte das großartige Debüt als Diskografie auch vollkommen gereicht. Aber dann kam „Melodrama“ und mit ihm genau, was der Titel versprach: Drama und große Gesten. Nicht aus Prinzip und nicht um der Aufmerksamkeit Willen, sondern maximal authentisch und mit so viel Identifikationspotenzial, dass es beizeiten wirklich schmerzte. Lorde hat erneut die richtigen Worte für eine Generation und ihr Lebensgefühl parat und verpackt sie in großformatigen Pop, der mit dem ersten Album nichts mehr zu tun hat. Weiterentwicklung gelungen. (Benedict Weskott)
8
Not Even Happiness [Basin Rock]
Auf einem Album voller erhabener, pastoraler Folk-Glanzstücke beeindruckt Julie Byrne nicht zuletzt mit ihrem Können, eine Szenerie zu etablieren. In wenigen Worten zeichnet sie vorbeiziehende Wolken und den Morgentau auf wildwachsenden Rosen, blaue Hesperidenpalmen im Schein eines roten Monds oder die Gemeine Wegwarte unter einem perfekt blauen Himmel. Es sind sehr spezifische Beobachtungen, die einen ruhigen Blick erfordern – so ruhig und bedacht, wie „Not Even Happiness“ generell ist. Nachdem sich Byrnes falsettierter Gesang in „Sea As It Glides“ mit einem ebenso wattigen Slide paart, ist das gitarrenlose Finale ein einziges großes Schweben, an dessen Ende ihre Erzählung vom Leben unter freiem Himmel und ohne stete Bleibe zu dem potentiell banalen Schluss „Home is where the heart is“ kommt. Ihre Formulierung dafür ist allerdings, wie es diesem seelenvollen Werk gebührt, weitaus poetischer. (Uli Eulenbruch)
7
DAMN. [Interscope]
„DAMN.“ dominiert sämtliche Jahrescharts. Das verwundert nicht, schließlich ist Kendrick Lamar spätestens seit diesem Album der stadiongroße Taktgeber des Raps, auf den sich alle einigen können. Er ist der unpeinliche Megastar, dessen politische Agenda alle einhundert Prozentpunkte in Correctness enthält, bei dem das Zugängliche ungewöhnlich wirkt und das Wütende freundlich bekannt. Lamar ist die eierlegende Wollmilchsau des Genres, die wohlmeinende Schnittmenge aus Untergrund und Mainstream. Dass „DAMN.“ dabei musikalisch vielleicht ein wenig uninteressanter als die Vorgänger ist, wiegt die Tatsache auf, dass Lamar als Heilsbringer einer ganzen Generation angesehen wird und dennoch unter diesem Druck beständig Diamanten wie „DNA“ oder „Humble“ produziert. Die unangefochtene Nummer 1, kein Königsmörder in Sicht. (Markus Wiludda)
6
A Deeper Understanding [Atlantic]
Wenn deutsche Fernverkehrsunternehmen wüssten, was für sie gut ist, hätten sie „A Deeper Understanding“ schon längst für Zugfahrt-Werbespots ausgeschlachtet. Auch wenn nur die Hälfte der Songs nennenswertes Tempo aufnimmt, wirkt das ganze Album von „Up All Night“s eröffnendem Dampfrattern an wie im stillstandslosen Vorwärtsgang. Für sein Majorlabel-Debüt hat Adam Granduciel keine Format-Eingeständnisse gemacht, selbst der Single-Edit von „Holding On“ zieht über mehr als vier Minuten durchs Radio. Schöner ist aber freilich die Albumversion, die sich nach dem letzten Refrain noch minutenlang am Wohlklang der synthumfluttert und perkussiv detailveredelten Produktion ergötzt. Nirgends klang Leerlauf dieses Jahr erhabener. (Uli Eulenbruch)
5
No Shape [Matador / Beggars]
Nicht ganz so stark wie „Too Bright“, dennoch klar in den Top Ten ist Mike Hadreas mit „No Shape“ ein weiterer Meilenstein gelungen. Flüchtig und fast immer formlos provoziert er auf seinem mittlerweile vierten Album schmierigen Schlafzimmerpop, der sich kreuz und quer durch die Betten zu räkeln scheint. Mal hemmungslos romantisch wie bei „Just Like Love“, dann fragil berstend bei „Die 4 You“, intim im Schlussteil bei „Alan“. „No Shape“ ist ein in Melodiebögen gegossener Pastelltraum, der – wie bei Perfume Genius fast schon erwartet – die Skizzenhaftigkeit und Zerissenheit perfektioniert hat. (Carl Ackfeld)
4
Relatives In Descent [Domino]
Es ist am Ende des eröffnenden „A Private Understanding“, wenn Sänger Joe Casey zum Mantra ansetzt („She’s just trying to reach you“) und damit den thematischen wie inhaltlichen Ton von „Relatives In Descent“ vorgibt. Individuelle Schicksale werden hier mit politischen und philosophischen Betrachtungen verbunden und in ein dichtes Post-Punk-Korsett gesetzt, das Casey alle Freiheiten zur Kontemplation lässt. „Relatives In Descent“ findet seine Stärken gerade in den Texten, in denen Protomartyr fast schon resignativ eine schonungslose Anthropologie zeichnen, die kein gutes Haar am Zustand der Menschheit lässt. Wenn Casey seinen Kindern in Bezug auf ihre Zukunft „Good luck with the mess I left“ vorsingt, ist das einfach Zynismus in Reinform. Ein düsteres Werk, das mit jedem Hören besser wird. (Pierre Rosinsky)
3
Flower Boy [Columbia]
Von Bienchen und Blümchen: Auf „Flower Boy“ entwickelt sich Tyler, The Creator vom Satansbraten zum Blumenkind und entdeckt nicht nur seine sensible Seite, sondern auch sein Gefühl für mitreißende Hooks. Frank Ocean, Estelle und Co. komplementieren die Reibeisenstimme des Rappers perfekt und singen Texte, die es früher so nicht auf einem Tyler-Album gegeben hätte. „Can I get a kiss?/ And can you make it last forever?“, heißt es da in “See You Again” und auch Tyler scheint seinen Ohren kaum zu trauen. Verschwunden ist die Edginess vergangener Platten, der Odd-Future-Kopf beschäftigt sich in seinen Texten vor allem mit sich selbst und wird ungewohnt nachdenklich. Catchy bis in die Blütenspitzen und thematisch durchgehend stark, stellt „Flower Boy“ in diesem Jahr auch die beiden Musterschüler Kendrick Lamar und Vince Staples in den Schatten. (Pierre Rosinsky)
2
The Kid [Western Vinyl]
Ein experimentelles Synthesizer-Album, das es bis an die Spitzenplätze unser Konsens-Favoriten schafft – das muss schon ein sehr besonderes sein. Auf dem meisterlichen „The Kid“ spannt die Kalifornierin in der Tat einen grandioseren, humanistischeren Bogen denn je und erweitert ihr musikalisches Vokabular um Beats. Über vier Abschnitte zeichnet das Album den gesamten Lebenszyklus eines Menschen nach, vom frühesten Anfang mit „I Am A Thought“, das in suchenden Pulsen nach einer ersten Wahrnehmung tastet, bis zum späten Alter des gereiften, einfühlsamen „I Will Make Room For You“. Im Abschied erhalten selbst die Worte „I‘m gonna miss your face“ keinen gänzlich niedergeschlagenen Beiklang – „The Kid“ will ganz wundervoll kommunizieren, dass das Leben ein lebenswertes ist. (Uli Eulenbruch)
1
Slowdive [Dead Oceans]
„When the sun hits“ ist mit Sicherheit eine der Shoegaze-Hymnen, ein Song für die Ewigkeit, aber ebenso wie das gesamte Album „Souvlaki“ gut 25 Jahre alt. Auch wenn Slowdive schon seit 2014 wieder zusammenspielten, hatten wohl die wenigsten erwartet, dass wir noch mal ein Album von ihnen hören würden – und dass es so großartig sein würde. Anders als bei so einigen anderen Comeback-Versuchen gelingt es Slowdive spielend, die Brücke in die Vergangenheit zu schlagen, ohne auch nur ansatzweise gestrig oder angestrengt zu klingen. Waren sie und ihr Stil in ihrer Anfangszeit teilweise von anderen Genrebands als zu akademisch verpönt worden, könnte man heute rückblickend fast behaupten, dass gerade dies der Band ein zweites Leben ermöglichte: Ihr Stil war schon immer geprägt durch ein gewisses Maß an Zeitlosigkeit, jenseits von Studiofrickelei. Und so müssen sie sich anders als zum Beispiel My Bloody Valentine nicht durch die Auseinandersetzung mit in der Zwischenzeit entstandener Musik neu positionieren, sondern einfach nur solch große Songs wie „Slomo“, „Star Roving“ oder „Sugar For The Pill“ aufnehmen, um alte Fans abzuholen und jede Menge neue zu gewinnen. (Mark-Oliver Schröder)