
Gut sieben Jahre nach dem pastoralen Sehnsuchtspop von „Vom Feuer Der Gaben“ erweitern Klez.e ihr Soundspektrum, indem sie Rückschau halten und dabei doch die Gegenwart im Hinterkopf haben. Lässt der Titel noch auf eine The-Cure-Pastiche schließen, ist „Desintegation“ deutlich mehr als Kopie oder Zitat. Tobias Siebert, Filip Pampuch und Daniel Moheit setzen vielmehr nach wie vor auf ihre großartige Bildsprache, die den dystopischen Klanglandschaften genau den richtigen Grad zwischen Beobachtung und Beurteilung verschafft.
Allen voran sind es die Titel, die „Desintegration“ von vornherein den Weg bereiten. „Mauern“, „Flammen“, „November“ und „Schwarz“ schüren Beklommenheit und Unruhe, auch „Lobbyist“ oder „Drohnen“ bändeln nicht gerade mit Frohsinn oder Wohlgefühl an. Doch Klez.e sind weit davon entfernt, einfache Mahnungen auszusprechen oder den Zeigefinger ohne Grund zu heben: Erst wird betrachtet, dann folgt das Urteil. Dass hierzu die Gitarren und die eingebundene Elektronik die wie ein Fanal fungierende Stimme Sieberts umspülen, ist dabei Mittel zum Zweck und sorgt dafür, dass „Desintegration“ trotz der engen Grenzen zu einer erstaunlich abwechslungsreichen Angelegenheit wird.
Über allen Stücken des Albums hängt eine Art Nebel, der durch die ineinandergreifende Soundarchitektur noch verdichtet wird. Gitarren und Beats sind rhythmische Vollstrecker und Siebert erzählt von Beobachtungen, Beweggründen und Zuständen in klarer, doch mehrdeutiger Sprache. Erzählt metaphern- und symboldurchzogen von den letzten fünfundzwanzig Jahren, lässt gedanklich Mauern einreißen und aufbauen, wird persönlich und abstrakt zugleich und lässt doch seine Sprachspiele nicht zur bloßen Staffage verkommen. Beispielhaft versprüht er dazu im aufbrausend lodernden „Flammen“ Zorn und verbrennt seine Liebe, indem sein Herz ins Feuer tropft.
Dann wieder bedienen sich Klez.e im dringlichen „Nachtfahrt“ der „Schicksalsmelodie“ aus „Love Story“. Gegensätze, die keine sind, verwinden sich zu neuen Gefühlszuständen. Für einen Moment wird die Angst wieder zur Wut und die sanfte Mahnung zur Abrechnung mit dem Hier und Jetzt. Es ist spannend, dass kaum ein Stück auf „Desintegration“ wirklich wütend klingt, sich eher in der Resignation suhlt und die „Bonjour Tristesse“-Mentalität der letzten Monate in den schönsten Grautönen malt. So konkret wie in „November“ wird Siebert selten, wenn er konstatiert: „es ist spät, die Welt in Wehen, im November 2015“ – und doch sind es genau diese Passagen, die Desintegration fast schon zum zeitgeschichtlichen Manifest werden lassen. Das surreal erscheinende Bild aus dem elegischen und wundervoll abgeschatteten „Drohnen“, in dem die Kinder im Regen spielen, damit die Drohnen sie nicht sehen können, wird dabei zum Realitätsbrecher, der sich links überholen lässt und der grauen Alltagsromantik die Beschaulichkeit raubt.
Folgerichtig schließt „Desintegration“ auch nicht mit einem „Gebet Für Mehr“ wie noch bei „Vom Feuer der Gaben“, sondern mit einem „Requiem“, das aufzeigen mag, dass sich die postulierten „Antidepressiva“ aus „Schwarz“ und „Lobbyist“ nicht durchsetzen können. Flucht oder Ausflucht, bleibt als Frage im Raum stehen, die dann auch der ausbrechende Vogel im Text nicht eindeutig beantworten kann. Doch wenn Flucht den Aufbruch bedeutet, wandelt sich damit nicht nur der musikalische Blickwinkel, sondern steht „Desintegration“ aus den Trümmern der rohen Realitäten wiederauf. Wir können dann sagen: Wir sind dabei gewesen.