
Schon die ersten Klänge von „Ruins“ deuten eine Zeitreise an. Nachdem die britische Band ihren Sound bereits in den beiden Vorgängerwerken eher rückwärtig inszeniert hatte, atmet das neue Album herzerfrischende Patina, ohne vergilbt dazustehen. Den breitbeinigen Riffs und berstenden Akkorden legt das Quartett Geschichten und Geschichtliches aus längst vergangenen Zeiten anbei, folgen den Spuren der Natur zurück zu den Ursprüngen der Besiedlung und erfreuen sich ungehemmter Spiellaune.
Nicht wenige Momente erinnern auf „Ruins“ an die große Zeit der folkinfizierten Rockbands der 60er- und 70er-Jahre. Das mag per se noch nichts Besonderes sein, erfreuten sich doch Vertreter dieser Retroklänge gerade in den vergangenen fünf Jahren erheblicher Beliebtheit. Wenn nun Wolf People ihrem an Black Sabbath und Konsorten gemahnenden Sound die liebliche Seite der Jethro-Tull-Hymnen beimischen und zudem dem erzählerisches Talent des Jack Sharps mehr Spielraum geben, lässt es „Ruins“ jedoch deutlicher vielfältiger erscheinen, als es die Urväter sich jemals träumen ließen.
Herzstück ist hier das liebreizend vorgetragene „Kingfisher“, das eine Momentaufnahme, nämlich die kurze Beobachtung eines flügelschlagenden Eisvogels, zum Augenblick größter Erfüllung macht. Sharp nutzt viele eigene Naturbetrachtungen als Quelle seiner Texte und lässt so „Ruins“ in all seinem Idyll am Ambrosia des Lebens naschen. Die Dosis ist hoch und so können der beschwörende Gesang Sharps oder die mantraartigen Riffs schon einmal die Sinne vernebeln. Immer wieder nehmen Wolf People einen neuen Anlauf, kreuzen lang anhaltende Melodiebögen mit trippigen Rhythmen wie bei „Not Me Sir“, erwecken in „Night Witch“ Schauermärchen zum Leben und verwandeln mit Schalmeien und Querflöten ihre Heimat in ein Land vor unserer Zeit. Dazu nutzen sie Sagenhaftes, vagabundieren durch mittelalterlich anmutende Klangräume und machen selbst vor den psychedelischen Verwirbelungen der Canterbury-Szene nicht halt.
Harmoniegesang trifft bei „Belong“ auf unterschwellige Exotik an der Gitarre, bis Sharp wieder den sanften Fabulierer gibt und kurz vor dem Endspurt das Tempo drosselt. Ohnehin nehmen sich Wolf People auf „Ruins“ genügend Zeit, um innezuhalten und kurz das Feld zu überblicken. Nicht nur, dass der Eisvogel aus „Kingfisher“ das Album durchzieht und so den Blick immer wieder auf die kleinen Dinge des Lebens legt, entschleunigen die Briten immer wieder gekonnt und nehmen vor allem zum Ende des Albums deutlich an Ruhe zu. „Salt Mills“ entspannt zwischen glockenhellen Orgeltönen und gelassenen Gitarrenakkorden, selbst Sänger Sharp hält hier seine Stimme auf angenehmste Weise im Hintergrund und lässt das Stück wie einen zurückgelehnten Jam ans Ende treiben.
„Ruins“ soll kein Konzeptwerk sein – und doch lassen sich auf dem Werk die vielen, sowohl mythischen wie mystischen Ideen von einer Rückbesinnung auf längst Vergangenes, vielleicht gar einer Rückeroberung eines sagenhaften Naturidylls nicht wegdiskutieren. Wenn dabei dann allerdings ein Album herauskommt, das ein solch facettenreiches Bilderbuch in den Köpfen entstehen lässt, spielt das ohnehin keine Rolle.