
Egal, wie subjektiv gefärbt und anderweitig unzuverlässig sie ist: Die Spezies Mensch verlässt sich gerne auf ihre persönliche Erinnerung. Wichtige Namen, Zahlen, Daten versucht man sich einzuprägen und so bei Bedarf ohne Anstrengung abrufen zu können, oft genug bleiben sie auch ohne eigenes Zutun im Gedächtnis hängen. Komplexe Zusammenhänge haben es da schon schwerer als simple Aussagen – je leichter das (oft genug völlig unsinnige) Bild im Kopf entsteht, umso eher nistet es sich auch dort ein. Ähnlich kann man sich besonders schnell für ein Stück Musik begeistern, wenn es schon beim ersten Hören einen bleibenden Eindruck hinterlässt.
Das Phänomen des Ohrwurms lässt dabei gleich doppelt zehren. Unwillkürlich – idealerweise auch nicht unwillkommen – läuft er vorm inneren Gehör ab, wann immer der Impuls dazu einsetzt. Spielt man derweil den ursprünglichen Song ab, kann man sich noch einmal in einem Kontext an der betreffenden Passage ergötzen. Der Ohrwurm muss nicht unbedingt ein melodischer Hook oder Refrain sein, von einem ganzen Album bleiben oft genug die inhaltliche Thematik, stimmungsgebende Klangsequenzen, viszerale Dynamikschwünge oder lediglich originelle Soundkombinationen hängen.
Umso schwerer hat es im Vergleich dazu dann ein Werk wie „Tempo“, von dem sich nicht so schnell ein Abbild im Kopf einprägt. Das liegt aber auch durchaus in der Natur von Olga Bells experimentierfreudigen Pop-Alchemien. Schon auf ihrem 2014er Chamber-Electro-Debüt bewies sie keine Angst vorm Anecken, der Einfluss russischer Folktraditionen auf „Krai“ traf selbst in ihrer Heimatstadt New York auf nicht allzu viele vertraute Ohren. Umgekehrt vermag „Tempo“ gerade durch eine naheliegende, Radio-vertraute Soundpalette ein Stück weit aus der Bahn zu werfen: Die vorgefertigten Software-Synthesizerklänge, die Bell dafür verwendete, darauf werden von ihren Herstellern als ‚Big Room EDM‘-geeignet beworben, von namhaften Festival-DJs wie Armin Van Buuren und Hardwell benutzt und tragen Namen wie „Guetta Bitch“. Was sie daraus macht, würde die nächste Festival-Saison allerdings eher ins Stolpern bringen und statt taktgetreuem Hüpfen in einer großen Karambolage enden lassen.
So verwebt sie in „Stomach It“ erst einmal mechanisches Ticken mit maschinellen Stör- und Stöhngeräuschen aus dem Maschinenraum der USS Enterprise, ehe unter drängenden Stampffschüben kitschige Trance-Synths einsetzen, die in diesem Rahmen aber eher die passende Abzweigung verfehlt haben und auf einem schlechen Trip gelandet sind. Einen geradelinigen Kick legt „Ritual“ vor, trägt aber nicht groß instrumental auf, weil Bell lieber kraftvoll-soulig die Spannungszonen ihres Techno-Pops erforscht. Besonders das tUnE-yArDs-störrische „Zone“ und „ATA“ mit störrischem Flow über Snap-Bass-Treppenbeat zeigen einen deutlichen R’n’B-Einfluss und versponnen anmutige Melodien auf, während „Randomness“ im kühlen Electro-Funk ein ähnliches Lasergewitter ablässt wie „Stomach It“. Besonders hier zeigt sich, wie schön „Tempo“ gezielt das Ungleichgewicht findet, wenn Vocal- und Instrumentalmelodien synkopiert und auf verschiedenen Zählzeiten einsetzend alle auf eigenen Spuren zu laufen scheinen, doch koordiniert den beschwingten Groove noch zu vertiefen vermögen.
Lange bevor „America“ das Album mit durchaus konventionellem Songwriting beendet, zeigt „Doppio“ schon früh Bells Humor auf, wenn sie sie den Track über Footwork-Snares und -Claps nach trügerisch ernstem Anfang mit einem verspielten “What?”-Ausruf und Kichern in ein anarchisches Rauf- und Runterpitchen ihrer Stimme überführt. Das ist vielleicht nicht unbedingt sofort einprägsam, aber wenn man diese Momente nach jedem Hören vergessen sollte, kann man sich beim nächsten Mal dafür umso überraschter erneut daran erfreuen.