
Es sind diese Überraschungsmomente, die Musikrezeption so spannend machen. Die Spontanveröffentlichungen der letzten Wochen von lupenreinen Hochkarätern außen vor gelassen und die Wartestellung auf das nächste Nick-Cave-Opus mal kurz aus der Anspannungshaltung gelöst, so bleibt Zeit für „Beyond The Bloodhounds“, ein Debütwerk, dessen Stärke sich schon im Auftakt manifestiert und bis zum Endpunkt nicht mehr wegdiskutieren lässt.
Der amerikanische Rolling Stone hat es schon früh gewusst und Adia Victoria bereits Anfang letzten Jahres zu den hoffnungsvollsten NewcomerInnen gezählt, ihre Single „Dead Eyes“ ließ dann kaum noch Zweifel aufkommen: Ihr manischer Zwitter aus flüchtigem Garagegospel und bluesigem Rootsrock, der binnen Sekunden zwischen kratzbürstig und mädchenhaft wechseln kann, ist eine unverhofft vollmundige, bittersüße Versuchung. Es sind staubige, angegilbte Momente der US-Südstaaten, durchzogen von viel zu schwülem, zu heißem oder zu nassem Wetter, die sie mit vorzüglicher Stimmvariabilität in kleine Gemälde verwandelt. Mal süßlich-schüchtern wie im verzögerten „Horrible Weather“, dann wieder energisch mit staubtrockenen Rhythmusgitarren im Gepäck bei „Head Rot“. Adia Victoria, Nachname Paul, stammt aus Nashville und nimmt ihre Herkunft zum Anlass, der idyllischen Verklärung Einhalt zu gebieten.
„Stuck In The South“ heißt es zum Einen, oder „And Then You Die“ zum Anderen -Titel, die nicht sonderlich viel Optimismus verspüren, so lässt Paul auch ihrem Zorn in weiten Teilen auf „Beyond The Bloodhounds“ freien Lauf. Nicht dass sie dabei schreit oder gar wütet, vielmehr findet sie wie bei „Invisible Hands“ diesen speziellen Ton, der es sich zwischen zerrenden Gitarren und schepperndem Schlagzeug bequem gemacht zu haben scheint. Vor allem, wenn sich ein mürrischer Country-Twang unter die lärmigen Instrumente mischt, erzielt die Sängerin, die sich selbst als “Veranda-Blues-Sumpfgebiet-Katzenfrau im heulenden Rausch des Vollmonds“ bezeichnet, eine erschreckend realistische Spiegelung ihrer Umwelt. Auch die sirrende Fidel im traurigen Abschluss „Mexiko Blues“, den sie mit chromatischen Abwärtsschleifen in eine wärmende Ödnis verwandelt, lässt darauf schließen, dass vieles von dem, was Paul erzählt, sehr bildhafte Erinnerungen und Vorstellungen zum Ursprung hat.
„Beyond The Bloodhounds“ erschafft auf direktem Weg eine Art Gefühlskino, das sich durch das gestalterische Talent der Sängerin für Szenerie und Bildhaftigkeit immens verstärkt. Grant Woods Gemälde „American Gothic“ lässt sich trotz aller Unterschiede nicht vollends aus der Referenzkette wegdiskutieren, doch ist Paul in ihrer Betrachtung deutlich dynamischer und in ihrer eigenen Erfahrungswelt verhaftet. Persönlicher als in „Sea Of Sand“ geht es dabei kaum: „If I was a bird I’d fly away/ but I ain’t no bird so I gotta stay/ He clipped my wings he held me down/ And then he shoved my face into the ground.“
Wer solch einen Schatz an Erinnerungen und Begebenheiten verwaltet, darf diesen auch schonungslos nach außen tragen, scheint sich Paul gedacht zu haben und zeichnet ihre Gedanken mit einer finsteren, aber abwechslungsreichen Farbpalette auf. Es sind nicht viele Makel auf „Beyond The Bloodhounds“ zu finden, die Diskussion um einen besseren Veröffentlichungszeitpunkt (Herbst, Winter!) mal außen vorgelassen. Unverhofft kommt dieser Tage ja durchaus oft, und das ist verdammt noch mal auch gut so.