
Dass den nunmehr seit 20 Jahren musizierenden Karl Blau niemand kennt, ist so ärgerlich wie erstaunlich. Häufig ein wenig am Rande des Wahrnehmungshorizonts hat dieser seit 1997 mindestens acht bis zehn Alben veröffentlicht, die teils erfrischende Kostbarkeiten aus Lo-Fi-Folk, Experimental-Pop und andere Seltsamkeiten beinhalten. Im Dunstkreis von Phil Elvrum und Laura Veirs wandelnd und zum K-Records/Knw-Yr-Own-Kollektiv gehörend, zeigt „Introducing Karl Blau“, dass eine Vorstellung des wandelbaren Musikers mehr als notwendig ist.
Sich mit klassischer, ja geradezu mainstreamiger (zumindest nach amerikanischem Verständnis) Country-Kost zu beschäftigen, kann ganz schön starke Nerven erfordern. Wirft man nur einen kurzen Blick auf die Tracklist von Blaus lupenreinem Coverwerk, tummeln sich Beiträge, die im besten Fall bereits im Original Hochkaräter ihres Genres waren. Doch steht auch „To Love Somebody“ zu Buche oder das Don Gibsons ursprünglich ziemlich käsiges „Woman (Sensous Woman)“, was einerseits Neugier, aber eben auch Besorgnis schürt. Der weitere Blick geht dann zu Gästen und Produktion und schnell könnte man auf die Idee kommen, einem Allstar-Werk gegenüberzustehen. Neben Produzent Tucker Martine, den man vor allem für seine Arbeiten für The Decemberists, My Morning Jacket und zuletzt Sufjan Stevens kennt, tummeln sich unter anderem dessen Ehefrau Laura Veirs, My Morning Jackets Jim James und Steve Moore (Sunn O)))/Earth) im Kollaborationskreis.
Doch genug der Vorrede, denn „Introducing Karl Blau“ ist viel zu aufregend, als das man sich mit reinem Namedropping beschäftigen müsste. Wobei auch das wieder schwierig wird, denn die einzelnen Cover haben ja Urheber, von denen es sich gilt abzusetzen, denn glasklares Nachspielen ist nicht Karl Blaus Sache. So wird aus Link Wrays „Fallin‘ Rain“ eine neunminütige Ode an die Country’n’Western-Zeit, die nicht nur den Cowboyhut auf dem Albumcover zum Funkeln bringen. Majestätisch lässt Blau gemeinsam mit Jim James eine Zeit wiederauferstehen, die den hölzernen Bühnenboden der Grand Ole Opry zum Glänzen bringt. Archaisch im Klang, dennoch nicht historisch, erleben Songs wie das traurige „Six White Horses“ eine ansprechende Renaissance. Häufig gehörten Klassikern wie Townes Van Zandts „If I Needed You“ schiebt Blau stimmungsvolles Gitarrenpicking unter und selbst die oben zitierten Beispiele des eher schwierigen Geschmacks bekommen ein gefälliges Kleidchen angezogen, so dass aus dem Bee-Gees-Klassiker ein souliger Country-Schunkler wird und sich Don Gibsons leicht schwülstige Liebeserklärung mit eleganterem Frauenchor nur halb so schmierig anfühlt wie bisher.
„Introducing Karl Blau“ schafft nicht nur historische Bezüge. Der fabelhafte düstere Country-Pop von „Let The World Go By“ stammt überdies aus der Feder von Layng Martine, dem Vater von Tucker Martine, dessen Handschrift für fein ziselierte Folk- und Countryangelegenheiten überall zu spüren ist. Neben der behutsamen Aufarbeitung sind es zudem die Instrumente: die Steel Guitars haben den nötigen Twang, die Streicher jubeln beseelt und selbst Harmonikas und Maultrommeln halten Einzug. Der sonore Bariton Blaus tut ein Übriges und so wird „Introducing Karl Blau“ zu einer herrlich altmodischen Reise, die doch gleichzeitig auch eine Art Neuanfang sein kann. Wer sich in diesem Jahr noch nicht für ein eher unbeschwertes und leichtfüßiges Sommeralbum entschieden haben sollte, sei diese Einführung auch ins Blau(e) hinein wärmstens empfohlen.